»Hat sie dir wieder ein ›dime‹ gegeben? Sie ist doch so reich. Fräulein Wesley erzählt, dass auf ihrer Plantage viele hundert Neger arbeiten. Vor ein paar Tagen gab es sogar einen kleinen Auf stand. Fräulein Wesley hat gerade die Nachricht aufgenommen, als ich abends Inspektion hatte.«
»Was meinst du, wie viel Geld die Alte zahlen muss, um sich hier solche Verrücktheiten zu erlauben? Es wohnen hier auch andere, die nicht richtig im Kopf sind, aber sie müssen sich mit ihrem Steckenpferd doch anpassen, kein anderer dürfte das Parkett so zuschanden machen.«
»Ach, ich habe vergessen, meinen ›Brief‹ nachzusehen.« Frau Magpag hat die wenig beliebte Gewohnheit, allen Stubenmädchen der Etage die kleinen Verfehlungen, den Mangel an Vollkommenheit, den sie beim Reinigen der Zimmer zeigen, auf einer langen Liste aufzuschreiben. Wenn die Haushälterin ein Zimmer inspiziert, entgeht nichts ihren Späheraugen.
Ingrid buchstabiert mit Schwierigkeit den Zettel, das Englischlesen fällt ihr noch schwer.
»Du meine Güte, was habe ich alles verbrochen! Allein in Nummer 17: Die Nickelknöpfe des Wandspiegels glänzen nicht, im Spucknapf ist nicht genug Wasser, es fehlen Ersatzstecknadeln, das kleine Löschpapier ist zu stark gebraucht, auf dem Schrank liegt Staub, die kleine Tischdecke muss gewechselt werden, – das geht ja noch weiß Gott wie lange weiter! Frau Magpag gibt mir für eine Stunde Lesestoff.«
»Ja, die Haushälterinnen müssen zeigen, wie notwendig sie sind.«
»Sie schreibt an alle ihre Briefchen; ich glaube, sie schläft nachts nicht. Sicher denkt sie an nichts weiter, als an die Zimmer, und ob nicht achtzehn Stecknadeln in einem Zimmer sind statt zwanzig und nur fünf reine Handtücher statt sechs.«
»Sie ist eben die Haushälterin und muss daran denken.«
»Aber sie verdient auch nur fünfzehn Dollar die Woche und muss noch länger arbeiten als wir.«
»Sie bekommt aber besseres Essen und isst am gedeckten Tisch.«
»Ja, sie steht über uns; sie ist Vorgesetzte … Ob das ein angenehmes Gefühl ist?«
»Das wirst du wahrscheinlich nie erfahren, ein Stubenmädchen wird selten Haushälterin.«
»Will ich ja gar nicht werden, ich denke nur nach, wie es sein mag, etwas anderes zu sein, als man ist.«
»Aus mir kann nie etwas anderes werden, als was ich bin: eine Scheuerfrau.«
»Das Dumme ist, ich weiß, es nützt mir nichts, und doch muss ich oft an die Arbeit denken, auch wenn ich schon frei bin. Sogar im Traum hatte ich heute Angst, ich hätte nicht genügend Streichhölzer in ein Zimmer getan.« Unter solchen Gesprächen sind sie jetzt in einem Zimmer angelangt, das sowohl die fromme Gesinnung wie die Mondänität der Zimmerbewohnerin verrät. Ein Gebetbuch liegt mit dem Theaterprogramm zusammen, die Puderdose mit einem goldenen Kreuz, ein Rosenkranz neben dem Lippenstift.
»Sie ist wenigstens reinlich«, sagt Celestina, »die Badewanne ist sauber.«
»Aber Celestina, vielleicht hat sie gar nicht gebadet?«
»Das ist mir ganz gleich, die Hauptsache ist, dass die Wanne ganz rein ist.«
»Und für mich ist es die Hauptsache, dass sie den Puder nicht ins ganze Zimmer verstreut.«
»Ob die wohl reich ist?«
»Wenn sie eine wirklich Reiche wäre, würde sie nicht dieses billige Zimmer bewohnen, und dann würde sie auch kein Gebetbuch haben.«
Beim nächsten Zimmer hat Ingrid keine Zweifel über den Reichtum der Bewohnerin. »Die hat bestimmt viel Geld.«
Sie beginnt die Schuhe zu zählen, die den Boden des ganzen Wandschrankes bedecken.
»Soviel Schuhe werde ich in meinem ganzen Leben nicht besitzen, auch wenn ich noch so alt werde und meine Babyschuhe noch mitrechne.«
»Hör auf mit dem Zählen, du machst dir auch Arbeit, die du nicht unbedingt nötig hast.«
»Schau, Celestina, wie viel Kleider und Mäntel! Wie würde ich aussehen, wenn ich solche Kleider trüge? Besser als die Frau, der sie gehören. Ich hab' sie einmal gesehen. Fabelhaft elegant angezogen, – aber schön war sie doch nicht.
Celestina, wenn du die Tür bewachen und darauf achten wolltest, dass Frau Magpag nicht hereinkommt, möchte ich schnell dieses Abendkleid anprobieren.«
»Du bist wohl ganz verrückt! Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte! Du wirst dir auch allerlei dumme Gedanken in den Kopf setzen, genau wie Shirley. Ihr seht all die schönen Sachen und denkt an nichts weiter, als daran, wie ihr auch alles genau so haben könntet.«
»Celestina, sei doch nicht so langweilig, ich möchte doch nur ein bisschen Spaß haben. Es fällt mir nicht ein, so werden zu wollen, wie die sind.«
»Du merkst es kaum, und schon denkst du immer an schöne Kleider.«
Das nächste Zimmer wirkt kahl, alles ist sorgfältig weggeräumt. Aber Ingrid lacht, als sie den Inhalt des Papierkorbes entleert.
»Das muss eine kindische Person sein, die hier wohnt. Celestina, sieh dir mal all die Papierfetzen an.« Sie sind zum Teil zerrissen, aber überall sind die gleichen Buchstaben, ist das gleiche Wort zu entdecken; manchmal sind auch die Buchstaben durcheinander geworfen, doch immer kehren sie wieder: A-R-Z-T; Arzt steht da überall, klein und groß geschrieben, manchmal im Kreuz, manchmal im Kreis, erst in dichter, dann in ganz weiter Reihenfolge, immer das gleiche Wort: Arzt. »Ein komisches Spiel, nicht wahr?«
Ingrid findet auch Zeichnungen, die genau so kindisch sind. Eine Männergestalt im weißen Kittel, sehr primitiv hingezeichnet, manchmal hält die vorgestreckte Hand ein Messer oder irgendein ähnliches Instrument. »Lach doch nicht so albern«, Celestina sieht sich auch die Zettel an. »Wenn man einen Arzt braucht, ist das nie zum Lachen.«
In diesem Augenblick tritt die Bewohnerin des Zimmers ein.
Ingrid will erschrocken mit dem Papierkorb abziehen. »Ich komme wieder, wenn Sie fort sind.«
»Sie können ruhig weiterarbeiten, Sie stören mich nicht.« Die Dame mustert Ingrids frische Jugend, und Ingrid kann sich nicht enthalten, einen neugierigen Blick auf ihr verfallenes Gesicht zu werfen. In ihren Augen liegt Verzweiflung.
Sie setzt sich vor den Toilettenspiegel und beginnt, sehr sorgfältig Rot aufzulegen. Dabei hantiert sie mit allerlei Tuben und Pinseln. Während Ingrid Staub wischt, ordnet die Frau ihre Haare. Sie scheint das Mädchen überhaupt nicht zu bemerken.
Das eben noch verfallene Gesicht leuchtet ihr jetzt aus dem Spiegel frisch und rosig entgegen, die Verzweiflung scheint aus ihren Augen gewichen zu sein. Die Frau entfaltet eine Zeitschrift, »Gesellschaftliches Leben im Süden«, sieht sich einige Bilder aufmerksam an und geht wieder zum Spiegel, prüft sich von allen Seiten: sie sieht jetzt gut aus, eine strahlende, noch junge Frau. Schon ist sie wieder fort, wahrscheinlich will sie nicht allein in ihrem Zimmer sein. »Ich habe Angst vor ihr gehabt«, sagt Ingrid zu Celestina, die schon in ein anderes Zimmer vorausgegangen war, »es ist etwas unheimlich an ihr.«
Dieses Mal ist es Celestina, die sich die Gegenstände im neuen Zimmer genau betrachtet. Hier wohnt ein junger Mann und Celestina möchte erfahren, ob nicht er mit Shirley im Zusammenhang steht.
An dem Kleiderhaken hängt ein Waschbärpelz, der geeignet ist, selbst den schmächtigsten Burschen in einen wahren Bären zu verwandeln. Auf dem Schreibtisch liegt ein ›Lehrbuch der neuesten Bridgeregeln‹ und ein ›Juristischer Ratgeber für Autofahrer‹. Golfschläger und Boxhandschuhe und eine Sammlung von Fotografien ausgesucht hübscher Frauen, die alle sichtbar unter dem Glas der Tischplatte liegen, vervollständigen die Einrichtung.
»Der wird es wohl doch nicht sein«, sagt Celestina, die kein besonderes Vertrauen zu ihrem Detektivtalent besitzt. Sie muss Ingrid einweihen, zusammen werden sie schon herausfinden, was Shirley vorhat.
»Nein, der ist es nicht«, das ist auch Ingrids Meinung, und in dem Zimmer, das sie danach betreten, brauchen sie ihn wohl auch nicht zu suchen.
Dieser Raum ist mit einer wahren Batterie von Arzneiflaschen ausgestattet. Eine an der Wand angeschlagene Tabelle enthält genaue Anweisungen über die Zahl der einzunehmenden Tropfen mit genauer Zeitangabe.
»Der Alte könnte schon ruhig sterben, ich hasse die vielen Arzneiflaschen.«
»Aber Ingrid, schämst du dich nicht?«
»Fällt mir nicht ein, ich mache doch nur Spaß.« Aber die Menschen leben zu gern, auch wenn sie alt und krank sind.
»Ich möchte nicht in einem Zimmer mit der Nummer 13 wohnen«, sagt Ingrid im nächsten Zimmer, das sie reinigen, und öffnet den Schrank.
»Warum bist du so neugierig, Ingrid? Wir wollen uns beeilen, du brauchst dir doch nicht jedes einzelne Kleid anzusehen.«
»Aha, wir sollen wohl nur die Zimmer genau nachsehen, in denen Männer wohnen!? Celestina, wenn Frau Magpag das von dir wüsste! Übrigens habe ich den Auftrag, mich um dieses Zimmer besonders zu kümmern, vom Etagendetektiv selbst.«
»Warum denn?«
»Sicher hat sie kein Geld. Der Detektiv hat mich gefragt, ob die Dame viel Herrenbesuch bekommt, – als ob er das nicht besser wüsste als ich. Wahrscheinlich konnte sie ihre Rechnung nicht bezahlen, deshalb fällt ihnen ihr Lebenswandel plötzlich auf. Sie wird sicher fliegen, die Arme. Mir hat sie gleich am ersten Tage einen Dollar gegeben, dachte mir gleich, dass etwas nicht mit ihr stimmt; die Frauen sind doch sonst so geizig.«
»Mach schnell, Ingrid.«
»Sehen wir uns mal den Schrank an; zwei Kleider und ein Paar Schuhe. Die wird noch heute gehen, pass auf. Sie stellt es sicher nicht schlau an bei dem vielen Herrenbesuch.«
»Ihr bildet euch immer ein, es besonders schlau einzurichten und fallt erst recht herein.«
Celestina muss immer wieder an Shirley denken; der Gedanke an die Tochter quält sie, sie möchte wenigstens klar sehen.
Das Zimmer, das sie nun betreten, gibt Celestina einen Ruck.
Sollte hier jener wohnen, den sie sucht? Man kann sich schwer ein wilderes Durcheinander vorstellen. Der ganze Boden ist mit Konfetti besät; an den Lampen und an den Möbeln hängen farbige Papierschlangen, in der Badewanne liegen Whiskyflaschen, zerbrochene Gläser bedecken den Tisch, Zigarrenasche ist in alle Ecken verstreut. Einige Puppen sind in den höchsten, kaum erreichbaren Plätzen und Ecken mit verrenkten Gliedern aufgestellt. »Ist es nicht eine Schande, wie es hier aussieht? O Gott, wenn nur nicht Shirley hier – «
»Ach nein, Celestina, hier wohnen doch zwei Männer, – und sie sind erst gestern eingezogen, sicher aus der Provinz; sie machen sich in New York einen guten Tag.«
»Sieh dir nur die Wanne an und den Boden! Merk dir das, nur Männer benehmen sich so. Eine Frau, und wenn sie von der übelsten Sorte ist, wird nie so dreckig sein. Die sollten mal selbst aufräumen.«
»Du hast recht, Celestina, aber ich bediene Männer doch lieber als Frauen, sie sind nicht so knickerig und suchen nicht in jedem Winkel nach Staub.«
Celestina blickt auf das Mädchen, das sich bei der Arbeit beugt und reckt. Sie empfindet einen gewissen Widerwillen, aber sie weiß, Ingrid selbst hat nichts damit zu tun. Diese Junge erinnert sie nur stark an ihre Nichte, die eines Tages – es ist schon eine lange Reihe von Jahren her – mit Celestinas Mann auf und davonlief.
Das war noch in den ersten Jahren des Aufenthalts in Amerika. Man schrieb ihr damals aus der irischen Heimat, dass die Eltern der Kleinen gestorben waren, dass sie allein auf sich gestellt sei und hungern müsste. Gelestina ließ die Nichte kommen, und da erschien dann eines Tages so ein gesundes, strahlendes Mädchen. Die sollte gehungert haben? Da wusste Celestina schon besser, was hungern hieß; aber böse wurde sie dem Mädchen freilich erst, als es mit Celestinas Mann plötzlich das Weite suchte und sie mit Shirley alleinließ. Nun, wozu sich über Vergangenes den Kopf zerbrechen? Die Arbeit drängt auch, es bleibt nicht viel Zeit übrig für Gedanken über die Vergangenheit.
»So viele Bücher«, sagt Celestina anerkennend. Sie sind jetzt in einem Appartement, das mit einigen eigenen Möbeln der Bewohner ausgestattet ist. Sogar ein Bücherschrank ist da; eine Seltenheit im Hotel Amerika.
Die Bücher verraten die vielseitigen Interessen und die Bildung ihres Besitzers, was allerdings weder Celestina noch Ingrid feststellen können. Aber die Bücherreihen wirken auf sie trotzdem angenehm.
Diese Zimmer zeichnen sich überhaupt durch besondere Gediegenheit und eine gewisse Ruhe aus.
Die Wände sind mit Bildern geschmückt, die sowohl Celestinas wie Ingrids Beifall finden; es sind Radierungen, die Szenen aus der Bibel darstellen.
Die Korrespondenzen und Arbeiten auf dem Schreibtisch lassen vermuten, dass der Bewohner an einem Buche über die Geschichte der frühen amerikanischen Literatur beschäftigt ist. Er benutzt sein Arbeitszimmer auch als Schlafraum, während der nächste Raum als Empfangszimmer dient. Er ist mit Peserteppichen und schönen chinesischen Vasen ausgestattet, und auch hier liegen verschiedene wissenschaftliche Werke und Schriften herum.
Der daran stoßende dritte Raum ist das Schlafzimmer der Frau Professor; denn man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass der Bewohner des Appartements etwas Ähnliches ist.
Allerdings zeigt das Zimmer der Frau einen Unterschied zu den anderen, einen gewissen Riss, es ist zu auffällig ehrbar und einfach. Am Fenster steht ein Nähtisch mit Strickzeug und mit einem Buch, das nur eine sehr primitive Seele erfreuen kann. Alle Gegenstände, auch die Kleider, zeigen einen etwas provinziellen und wenig gewählten Geschmack. »Sie ist eine ganz alte Dame«, stellt Ingrid fest, die von einem Polster ein langes weißes Haar nimmt. »Hast du sie schon gesehen?« fragt Celestina. »Nein, aber ihn. Wie gefällt es dir hier, Celestina?«
»Na, jedenfalls sieht es hier besser aus, als vorhin bei den versoffenen Kerlen.«
»Und doch habe ich hier etwas Dummes erlebt.«
»So?«
»Komm, ich zeige dir etwas.« Ingrid geht zurück in das Arbeitszimmer des Professors und kramt auf dem Schreibtisch.
»Nein, sie sind nicht mehr hier, er hat sie sicher verschlossen. Er hatte so merkwürdige, hässliche Bilder. Als ich seinen Schreibtisch in Ordnung bringen wollte, – alles lag in einem solchen Durcheinander, – habe ich eine Mappe verschoben, und dabei sind einige Bilder herausgefallen.«
»Na, und?«
»Und nichts. Gerade, als ich mir die Bilder ansah, ist er hereingekommen; ich habe ihn erst später bemerkt und einen Schreck bekommen, – aber er auch. Er hat mir ein großes Trinkgeld gegeben.«
»Ein großes Trinkgeld, weil du seine Bilder angesehen hast?«
»Nein, nicht deshalb.«
»Sondern?«
Ingrid erinnert sich wieder an die Szene, aber sie schweigt. Während sie die Möbel abstaubt, muss sie wieder daran denken. Auf den Bildern waren nackte Menschen in merkwürdigsten Stellungen abgebildet und Ingrid hatte sie mit solchem Interesse betrachtet, dass sie sogar ihre kornfarbenen Haare, die eine Neigung hatten, ihr vor die Augen zu fallen, nach hinten strich, um besser sehen zu können. Da fühlte sie, vor Schrecken fast erstarrend, eine Hand auf ihrem Arm, eine Hand, die gegen ihre Brust vorrückte. Ingrid konnte mit weit aufgerissenen Augen diese Hand sehen, die lang und schmal war, mit einer gelblichen, schon pergamentenen Haut überzogen, mit länglichen, ins Bläuliche schimmernden Fingernägeln, die zitternd ihren Körper abtastete.
Sie wollte aufschreien, aber der Schrei blieb in ihrer Kehle stecken. Schuldbewusst hielt sie immer noch die Bilder in ihrer Hand.
Nur langsam drehte sie den Kopf zur Seite und erblickte das Gesicht eines alten Mannes, ein durchgeistigtes Gesicht, das aber verwüstet aussah – und doch befreit, als hätte es eben eine Maske fallen lassen und könnte nun freier atmen. In diesem Augenblick hörte man Schritte im Nebenzimmer. Die Stimme einer alten Frau schallte herüber. Der Professor, – denn sicher war der alte Mann der Zimmerbewohner, – schien vollkommen erstarrt zu sein, er wurde aschfahl, seine Hände fielen von Ingrid ab und blieben an einer Stuhllehne hängen.
Ingrid warf schnell die Bilder hin, sie musste noch ihre Reinigungswerkzeuge zusammensuchen.
Der Professor antwortete nicht der Stimme draußen; er hatte sein Gesicht in die Hände verborgen, schüttelte sich wie in Ekel vor sich selbst und flüsterte vor sich hin: »Wann kommt nur das Ende?«
Bevor er die Tür des Nebenzimmers öffnete, reichte er mit abgewandtem Gesicht Ingrid eine Banknote. »Er hat mir ein Trinkgeld gegeben, weil er ein schlechtes Gewissen hatte«, sagt Ingrid zu Celestina. »Sie geben nur dann etwas.«
»Dann müsste ich aber mehr Geld bekommen; ich habe in einem Vierteljahr nur fünfundvierzig Cents Trinkgelder verdient.«
»Fünfundvierzig Cents in einem Vierteljahr?«
»Zwei dimes von der Verrückten, die immer mit mir schimpft, und einmal einen Vierteldollar von einer Frau, die mit irgendeinem Zeug die Badewanne verdorben hatte; ich hatte eine Stunde Extraarbeit damit, bis sie halbwegs rein wurde.
»Siehst du, ich habe doch recht. Deine Trinkgelder hast du nur bekommen, weil man ein schlechtes Gewissen dir gegenüber hatte.«
»Da könnte man aber schon ruhig öfter ein schlechtes Gewissen haben.«
Im nächsten Zimmer lag auf dem Tisch eine große Kristallkugel, daneben ein Buch, ›Offenbarungen der Geheimnisse des Kristalls‹ und ein anderes mit dem Titel »Wege, in die Zukunft zu blicken.
»Die Frau, die hier wohnt, habe ich schon ein paar Mal gesehen. Einmal saß sie vor dem Kristall und blickte ganz starr hinein. Ob sie wohl zaubern kann?«
»Ingrid, du redest viel Unsinn.« Ingrid steht jetzt vor dem Kristall und blickt hinein. »Ich sehe mich selbst drin, ganz klein und winzig. Ob du es glaubst oder nicht, Celestina, ich kann meine Zukunft sehen.«
»Komm, jetzt lass das.«
»Ist es so schwer, die Zukunft vorauszusehen? Ich kenne meine und brauche nicht mal zu zaubern. Ich werde immer arbeiten müssen, mein Leben wird nie leicht sein, immer die gleiche schwere Arbeit. Jeden Tag das gleiche schlechte Essen, immer nur billige Kleider und die Angst, wirst du auch morgen weiterarbeiten dürfen oder musst du nun wieder auf die Arbeitsuche gehen. Vielleicht werde ich Kinder haben. Werden sie das gleiche Leben weiterführen? Die ganze Welt müsste sich ändern, nicht wahr? Nur dann könnte sich unsere Zukunft ändern.«
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