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Furcht vor den französischen Waffen, aber Achtung vor seinem Charakter heißt es fordern.

La printanière.

Moreau ist zwanzig Jahr. Er war Soldat. Er studierte die Pandekten. Aber er fühlt den Frühling.

Blumen blühen plötzlich unter allen Schritten. Schmetterlinge hüpfen wie Marionetten.

Alle Geräusche der Luft werden Lieder.

Vogelgezwitscher schwärmt um die Dächer.

Die Stadt singt. Die Bäume wandern.

Mädchen flattern erregt wie Fledermäuse durchs Dunkel. Der Abend rauscht.

Alte Herren mit silbernen Barten stampfen versonnen durch einen hellen Morgen.

Die Studenten veranstalten ein Frühlingsfest.

La printanière.

In der Lichtung des Waldes sind Tische und Bänke aufgeschlagen.

Wohlwollend promenieren Bürger und Bürgerin.

Professoren lachen schrill wie Wellensittiche.

Die jungen Mädchen wandeln zu zweien in Weiß. Gleich Göttinnen einer fernen Zeit.

Sanft und schön wie Dryaden oder Nymphen.

Alle Mädchen sind schön. Schlank und süß.

Gibt es überhaupt häßliche Frauen? denkt Moreau erstaunt.

Die Studenten singen:

Wenn man zwanzig ist

Mundet der Wein.

Wenn man zwanzig ist

Wohl auch die Liebe…

Nachsichtig applaudieren Bürger und Bürgerin.

Die Professoren lachten schrill, als hätten sie eine obszöne Anekdote angehört oder als belauschten sie Susanna im Bade.

Die jungen Mädchen stehen stumm im Halbkreis: schlank und sanft.

Moreau findet sich zu einer jungen Dame mit Veilchen im Haar und spaziert mit ihr zwischen den Bäumen.

Sie gelangen auf eine Waldschneise.

»Wohin führt der Weg?« fragt die Dame.

Moreau weiß es nicht, aber er besinnt sich, daß er Esprit zeigen muß, um die junge Dame nicht zu enttäuschen, und sagt: »Alle Wege führen zu uns selbst, Mademoiselle.«

Die junge Dame kaut einen Farnhalm zwischen ihren zagen Zähnen.

»Aber wissen wir denn, wer wir sind, wir?«

»Jeder Mensch ist ein Rätsel,« sagt Moreau, »und was Sie betrifft, Demoiselle, möchte ich mir wohl zumuten, es zu lösen.«

Die Dame erschrickt.

Sie wehrt mit der linken Hand seine Augen ab.

Sie verharrt in ihrer abwehrend entrückten Stellung.

Er will eine gleichgültige Konversation anknüpfen. Da sieht er, wie Träne auf Träne aus ihren leeren, nach innen gewandten Augen tropft.

Moreau schlingt verlegen den Arm um ihre Hüfte.

»Demoiselle – was ist Ihnen? Habe ich Sie beleidigt?«

Sie lächelt unter Tränen.

»Sie erkennen mich nicht?«

Moreau stürmt sein Leben zurück.

Er erkennt die junge Dame nicht. Er weiß, daß sie vielleicht eine anmutige Freundin sein würde, eine zärtliche Gespielin der Liebe. Aber er erkennt sie nicht.

Sie weint und lacht.

»Ich bin Jeannette«

Er begreift, daß er kein Gedächtnis für Frauen hat, weil er ein Soldat ist, ein Soldat Gottes, ein Soldat des Volkes. Pferde- und Hunde-Physiognomien vergißt er nie.

Sie ist ein Engel. Warum vergaß er sie?

»Ich bin Jeannette«, wiederholte sie und suchte nach seiner Hand, »und bin sehr unglücklich …«

Je länger sie spricht, desto heimatlicher wird er mit ihr vertraut.

Er hat nie mit einer Frau gesprochen, wie er mit einem Mann sprechen würde.

Und diese Frau spricht mit ihm, als sei er eine Frau: ohne Scham, ohne Hemmnis, ohne Bedenken.

Sie sei schon einige Monate in Rennes. Ob er das wisse?

Nein, er wußte es nicht. Und da er von ihrer Ehrlichkeit bezwungen wurde, sagte er, er habe auch gar nicht mehr an sie gedacht.

Jeannette zuckte ein wenig zusammen.

Dann fuhr sie fort: Sie sei hier, um den Haushalt zu lernen, bei Madame Bompard, einer entfernten Verwandten. Madame Bompard wohne in der Rue du Portier. Erinnere er sich des kleinen, einstöckigen, weinbelaubten Hauses inmitten des sauber gepflegten englischen Gartens?

Madame Bompard vermiete an Studenten.

Unter den Studenten war einer mit blonden Locken und weichen Händen. Einer von jenen Brutalen der Sensibilität. Ein Welschschweizer.

Er sei ihr täglich um die Schürze gestrichen. Stündlich.

Und endlich habe sie sich nicht mehr zu helfen gewußt.

Er habe ihr die Ehe versprochen. Ganz gewiß, das habe er getan. Und da sei sie ihm verfallen. -

Moreau stöhnt dumpf wie ein gepeinigtes Tier.

»Und?« fragt er. »Und?«

»– Ich werde ein Kind bekommen«, sagt sie leiser und neigt den Kopf. Die Veilchen fallen ihr aus den Haaren.

»Ich bin entehrt. Er hat mich schon verlassen …«

Moreau sprang wie ein brünstiger Hirsch brüllend durch das Dickicht, den Welschschweizer zu suchen.

Gerechtigkeit

Studiere ich darum Recht, um es nirgends zu finden?

Er kannte den Welschschweizer.

Er mußte ihn finden.

Er sah ihn mit einem alten Professor, der wie eine Turteltaube gurrte, in gelehrtem Gespräch sich seitwärts des Festes ergehen.

Mit einem Schrei riß er ihn zu sich heran und zwang ihn hinter ein Gebüsch.

»Lump, wirst du mir Rechenschaft geben?«

Der Welschschweizer ertrug zitternd den Schimpf.

»Wofür?«

»Für Jeannette.«

Da straffte sich seine weiche Gestalt.

Seine blonden Locken glänzten kupfern.

Seine zarten Hände wurden hart.

»Gern«, er verneigte sich höflich.

Sie zogen ihre Degen.

Moreau erfuhr, daß er eben würdigen Gegner vor sich hatte.

Ein Lump – nun gewiß – aber ein Lump, der auf der Stelle für sich einsteht.

Im zehnten Gang stieß Moreau ihm das Florett in die rechte Achselhöhle.

Der Schweizer erblaßte und klappte in die Knie.

Moreau holte einen Arzt und Träger.

Als er zurückkam, fand er Jeannette bei dem Welschschweizer.

Mit ihrem Brusttuch stillte sie die Wunde und schluchzte jubelnd.

Angeekelt und voller Zweifel über das Weib und das Recht des Weibes kehrte er in das Fest zurück.

Er hatte sich gerade einen Becher Roten geben lassen, als Geschrei von der Stadt her die Menschen aufmerken und sich zusammenrotten ließ.

Ein Reiter galoppierte auf einem Maultier gegen den Wald an.

»Es ist Krieg,« schrie er von weitem, »Krieg. Österreich hat uns den Krieg erklärt …«

Das Volk fiel zusammen und auseinander.

Krieg … Krieg … Krieg rollte das Wort wie ein Kugelblitz durch das Fest, Donner des Volkes hinter sich verbreitend.

Moreau lehnte an einem Baum.

Er gedachte des Zeichens an seiner Stirn.

Er hatte heute seinen ersten Feind besiegt – oh: nein, den zweiten, der König war sein erster Feind gewesen – und war doch unterlegen, weil eine Frau ihn verraten hatte.

»Alle Frauen sind Spione des Feindes«, sagte er.

Der Rausch der Zukunft stieg ihm wie Wein zu Kopf. Es lebe der Krieg Es lebe die Revolution Das künftige Jahrhundert ist im Anmarsch. Schon klingen seine ehernen Posaunen aus den gesprengten Toren des Himmels. Die Pauken rasseln und Engel schreiten über den Horizont mit silbernen Fahnen aus Mond und Sonne.

Die Musik spielte die Marseillaise.

Unter den dämmernden Zweigen tanzten die Studenten und Mädchen nach der Marseillaise.

Moreau stürzt nach Hause, um ein Manifest an die Bürger von Rennes aufzusetzen.

Kein Sou für den König Kein Krieg für den König Man wird die Republik erklären Sanken umsonst die Mauern der Bastille? Nieder mit dem König Kampf des Volkes Krieg um des Krieges willen Reinigung der Kloake Frankreich

Reinheit und Güte einer neuen Welt.

Die Stadt Renncs stellte eine Fahne Freiwilliger auf.

Man erwählte Moreau zu ihrem Kommandanten.

»Brüder,« rief er, »wir wollen »deshalb mit ganzer Seele Soldaten sein, weil wir mit ganzer Seele Bürger sind.«

Moreau vertiefte sich in den Brunnen^ der Strategie.

Sein größtes Erlebnis wurde Cäsars Bellum Gallicum.

Er hatte ihn in der Schule gelesen, unlustig und nachlässig und seiner längst vergessen.

Nun las er ihn mit den Augen des Soldaten.

»Cäsar, mein Kamerad«, jauchzte er.

Besonders beschäftigte ihn bei Cäsar die Anlage des Rheinübergangs. Er konstruierte sich eine kleine Brücke aus Holz und Pappe, ganz nach den Angaben des Feldherrn, und stellte sie auf seinen Tisch.

Jeden Morgen, wenn er aufwachte, und jeden Abend, wenn er schlafen ging, sah er zuerst die Brücke.

Diese Brücke ist nur ein Nachbild der Brücke Cäsars, aber ich werde über sie in die Unsterblichkeit schreiten.

Wir müssen über den Rhein, lachte er glücklich, über den Rhein. Wenn Cäsar über den Rhein ritt, wird auch Moreau über den Rhein reiten und die grünen Fluten werden sich vor ihm teilen, wie einst die Wogen des Roten Meeres vor Mose.

Moreau übte seine Schar, hingegeben und inbrünstig, zum Waffendienste ein.

Er erhielt bei der Musterung das Lob, daß wenig alte Truppen die Waffen besser führten als die Freiwilligen von Rennes, Kommandant Victor Moreau.

Die erste Schlacht Er ergreift die Fahne der Freiwilligen von Rennes und stürmt ihnen voran. Er ist wie ein Wind vor ihnen. Heiß und singend weht er gegen die Feinde.

Wallendes Rot, schreitendes Blau, rauschendes Gold.

Volk, mein Volk.

Er glaubt, er renne in einer Prozession.

Die Madonna erscheint segnend auf Pulverwolken.

Der Äther dröhnt in Verkündigung.

Er rennt. Stolpert. Rennt.

Als er stehen bleibt und sich umsieht, ist niemand hinter ihm.

Das Feld ist mit Leichen besprenkelt.

Wie ein Heuschreckenschwarm nach der Vernichtung ist das Feld mit den Freiwilligen von Rennes bedeckt.

Die gelben Lupinen leuchten plötzlich in blutroten Blüten.

Korn schießt blutgesättigt in die Höhe.

Die Schreie der Verwundeten und Sterbenden schwirren wie heisere Trompetentöne durch die Luft. Es regnet Blut.

Die Pferde bellen.

Einer … ganz in der Ferne, ruft: »Mutter.«

Da faltet Moreau die blaue Fahne von Rennes zusammen und schreitet langsam, den Degen gesenkt, zurück.

Er weiß, die Schlacht ist verloren.

General Dumouriez geschlagen.

Er schreitet langsam über das Feld. Der Letzte der Freiwilligen von Rennes.

Seine Knie zittern. Er stützt sich auf den Degen wie auf einen Stock. Die Fahne schleift den Boden. Die Madonna entschwand.

Der Feind schießt nicht mehr.

Freier Abzug. Moreau knirscht mit den Zähnen. Pfui Teufel.

Er hat zu früh Viktoria geschrien.

Schon damals, als er Jeannette einen unschuldigen Kuß raubte.

Heute wollte er die Welt für Frankreich erobern. Mit einem Haufen Freiwilliger von Rennes. Lächerlich.

Er kniet vor Dumouriez nieder.

Dumouriez hat Tränen in den Augen.

»Stehen Sie auf, Kommandant. Wer vermag etwas gegen Gott.«

Gequält dachte Moreau: aber ich wollte doch für Gott kämpfen. Habe ich gegen ihn gekämpft?

Moreau lernt plötzlich das Volk auf sonderbare Art kennen.

Sind diese Soldaten noch Bürger? Sind das noch Studenten, Kavaliere, kleine Beamte, ehrsame Arbeiter?

Sind das nicht Strolche? Diebe? Räuber, Schänder und Mörder?

Ist das noch Volk?

Wenn man sie nicht in einer Zange hielte, würden sie ausbrechen und sich gegenseitig die Schädel einschlagen.

Moreau hat sich einen Wintermantel schicken lassen.

Seine Mutter legt dem Mantel ein paar selbstgestrickte Hausschuhe bei.

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