»Ein sonderbarer Mensch!« dachte Litwinow, in seinen Gasthof zurückkehrend, »ein sonderbarer Mensch! Ich werde ihn bald aufsuchen.«
Er trat in sein Zimmer; ein Brief auf seinem Tische zog seine Aufmerksamkeit auf sich.
»Ah, von Tatiana!« dachte er und freute sich im Voraus auf die Nachrichten, die er enthalte; doch hatte er sich geirrt, der Brief war vom Lande, von seinem Vater.
Litwinow erbrach das große Siegel mit dem Wappen und fing an ihn zu lesen.
Ein starker, aber sehr angenehmer und ihm wohlbekannter Wohlgeruch im Zimmer machte ihn stutzen. Er blickte sich um und bemerkte auf dem Fenster, dem er sich genähert hatte, in einem Glase mit Wasser ein großes Bouquet frischgeschnittener Heliotropblüthen.
Er schellte und fragte den Kellner, woher diese Blumen gekommen.
Dieser antwortete, daß eine Dame, die sich nicht hätte nennen wollen, sie gebracht, daß sie aber gesagt habe, der Herr würde sicher bei diesen Blumen errathem wer sie sei.
In Litwinow’s Erinnerung tauchte ein längst entschwundenes Bild auf . . . Er erkundigte sich weiter, wie die Dame ausgesehen habe.
Der höfliche Kellner antwortete, sie sei von hohem Wuchse und sehr elegant gekleidet, ihr Gesicht von einem Schleier bedeckt gewesen-.
»Wahrscheinlich eine russische Gräfin,« fügte er hinzu.
»Woher vermuthen Sie denn das?« fragte Litwinow.
»Weil sie mir zwei Gulden gegeben hat,«antwortete der Kellner, dumm lächelnd.
Litwinow entließ ihn und stand lange in Gedanken versunken; endlich machte er mit der Hand eine Bewegung, wie Einer, der sich etwas aus dem Sinn zu schlagen sucht, und nahm den Brief vom Lande wieder vor.
Sein Vater ergoß sich wieder in seinen gewöhnlichen Klagen, daß das Korn gar nicht mehr an den Mann zu bringen sei, daß die Bauern nicht mehr wie sonst gehorchen wollten und das Ende der Welt nicht fern sein müsse.
»Stelle Dir einmal vor,« schrieb er unter Anderem, »mein bisheriger Kutscher, das Kalmuckengesicht, Du mußt Dich seiner noch erinnern, fing an abzumagern und dahinzuschwinden; Jemand hatte es ihm angethan und sicher hätte ich ihn verloren und wäre so ganz ohne Kutscher geblieben, wenn nicht gute Leute mir den Rath gegeben hätten, ihn nach Bäsan zu einem Priester zu schicken, der durch Sympathie und Besprechungen dergleichen heile und seine Sache ausgezeichnet verstehe. Das that ich denn auch, und die Heilung gelang vortrefflich; zum Beweis sende ich Dir auch einliegend den Brief des Priesters als thatkräftiges Dokument.«
Litwinow durchlas dasselbe neugierig. Es enthielt Folgendes:
»Daß der frühere Leibeigene und Kutscher Dmitri von einem Uebel heimgesucht worden sei, welches keine ärztliche Kunst habe austreiben können, daß dieses Uebel ihm von bösen Menschen beigebracht, er aber (Dmitri) selbst Schuld und Veranlassung zu demselben gegeben, da er einem gewissen Mädchen das gethane Versprechen nicht gehalten habe, und daß diese ihm durch andere böse Menschen das Uebel beigebracht habe, demzufolge er abgemagert und dahingeschwunden sei wie ein Kohlwurm. Da aber habe sich das Auge des Höchsten seiner erbarmt und durch mich (so schrieb der Priester) ihm wieder Leben und Gesundheit verliehen; welcher Art aber dieses vollbracht, das ist und bleibt ein Geheimniß. Eure Wohlgeboren aber ersuche ich zu verfügen, daß obenbesagtes Mädchen in Zukunft nicht dergleichen böse und verderbliche Mittel weiter anwende, ihr solches streng untersagt, ja sie sogar nöthigenfalls gezüchtigt werde.«
Unheimlich wehte Litwinow aus diesem Dokument die heimathliche Steppenluft, Fäulniß und Schimmel entgegen, und wunderbar erschien es ihm, dieses Dokument gerade in Baden zu lesen.
Unterdessen war es längst Mitternacht geworden; er legte sich zu Bett und löschte das Licht aus.
Lange konnte er nicht schlafen, endlich aber bemächtigten sich bunte Träume seiner Seele, aus denen er plötzlich mit einem Gedanken erwachte, der das Innerste seines Herzens erbeben machte; die Blumen im Zimmer, die in der Nacht ihm noch stärker entgegenduftetem hatten diesen Gedanken in sein Gedächtniß zurückgerufen. Er sprang auf, schlug die Hände zusammen und rief aus: »Ist es möglich, sollte sie es sein?!«
Um aber diesen Ruf zu erklären, müssen wir den nachsichtigen Leser ersuchen, uns einige Jahre vor den Anfang dieser Erzählung zurück zu begleiten.
Zu Anfang der fünfziger Jahre lebte in Moskau in sehr gedrückten Verhältnissen, fast könnte man es Armuth nennen, die zahlreiche Fürstenfamilie Ossinin. Sie war vom reinsten russischen Rurikschen, nicht etwa von tatarisch-georgischem Adel, und ihr Name kommt oft in der Geschichte Rußlands vor. Im Verlauf der Zeiten aber war sie verarmt und heruntergekommen, selbst die Zeiten Peters und Katharinens hatten sie nicht wieder emporbringen können, so daß einzelne Abkömmlinge des Geschlechts sogar genöthigt gewesen waren, bei den Branntweinpächtereien oder als Polizeibeamte zu dienen.
Die Familie Ossinin, von welcher wir hier reden, bestand aus Mann und Frau nebst fünf Kindern. Sie lebte in Moskau unweit des sogenannten Hundeplatzes, in einem einstöckigen hölzernen Hause, mit gingt kleinen Freitreppe die auf den Hof führte, grün angestrichenen hölzernen Löwenfiguren vor dem Thorwege und ähnlichen, die adelige Herkunft bezeichnenden Abzeichen, während ihre Einkünfte kaum hinreichten, ihre Ausgaben zu decken, so daß sie beständig Krämern und Kaufleuten schuldig war und im Winter oft Mangel an Holz und Licht litt.
Der alte Fürst selbst, vormals ein schöner Mann und großer Stutzer, war jetzt ein träger, energieloser und bornirter Alter geworden, dem man, nicht sowohl aus Achtung vor seinem alten Namen, als aus Aufmerksamkeit gegen seine Frau, die vor Zeiten einmal Hoffräulein gewesen war, einer jener alten Moskauer Sinecuren gegeben hatte, die ihm erlaubte, sich um nichts zu bekümmern, von Morgens bis Abends im Schlafrock zu sitzen, zu rauchen, zu seufzen und zu stöhnen.
Die Fürstin war eine kranke und gegen die Welt und ihre Lage erbitterte Dame, beständig beschäftigt mit den Sorgen des Haushaltes, der Unterbringung der Kinder in Kaiserliche Adelsinstitute und der Unterhaltung ihrer Verbindung mit ihren Petersburger vornehmen Bekannten und Verwandten; sie konnte sich immer noch nicht in ihre jetzige Lage finden und ihre Entfernung vom Hofe vergessen.
Litwinows Vater hatte einst, während seiner Anwesenheit in Moskau, Ossinins Bekanntschaft gemacht, ihnen verschiedene Dienste erwiesen, ihnen sogar einmal dreihundert Rubel geliehen, und sein Sohn, der in Moskau studirte besuchte ihr Haus fleißig, zumal seine Wohnung ganz in der Nähe des fürstlichen Hauses war. Nicht diese Nachbarschaft aber war es, die ihn dorthin zog, noch die kümmerlichen Verhältnisse der Familie, sondern die Gegenwart der ältesten Tochter Irina, in die er sich sterblich verliebt hatte.
Sie war eben siebzehn Jahre alt geworden und hatte gerade das adelige Fräuleinstift verlassen, einer Unannehmlichkeit wegen, die die Fürstin mit der Vorsteherin gehabt hatte.
Diese Unannehmlichkeit war daher entstanden, daß Irina beim öffentlichen Artus französische Verse hatte declamiren sollen, ihr aber die Tochter eines der reichsten Vorsteher der Branntweinpacht ungerechter Weise war vorgezogen worden. Die Fürstin konnte diese Beschimpfung nicht ertragen, ja Irina selbst der Vorsteherin solches nicht verzeihen, um so mehr, da sie schon im Voraus Pläne gemacht hatte auf den Effect, den diese Deklamation, öffentlich, in Gegenwart der vornehmen Welt, machen werde. Und in der That, Moskau würde wahrscheinlich nicht ermangelt haben von ihr zu reden.
Irina war ein schlank gewachsenes junges Mädchen von hohem Wuchse, deren Formen jedoch noch nicht ganz entwickelt waren, weshalb auch die Schultern noch nicht die gehörige Fülle hatten; ihr Teint hatte jene, in diesen Jahren sonst noch selten reine, weiße, matte Marmorfarbe, wie man sie meistens ausschließlich bei Damen der höchsten Aristokratie findet; dabei hatte sie dichte aschblonde Locken. Die Züge ihres Gesichts, von fast antiker Regelmäßigkeit, zeigten nicht jene Sorglosigkeit der ersten Jugend, sondern Nachdenken und Energie; eine gewisse schwört-tierische Müdigkeit ihres dunkeln, glanzvollen Auges mit den kühn gewölbten Brauen, sowie ein kaum merkliches Lächeln, welches beständig ihre feinen verführerischen Lippen umschwebte, schien Leidenschaft, sich und Anderen gefährliche Leidenschaft, vorherzusagen.
Im Institut galt Irina für eine der klügsten und fähigsten Schülerinnen, aber mit unbeständigem, herrschsüchtigem Charakter, und einem Kopfe, der die tollsten Einfälle ausdachte und ausführte; eine Klassendame hatte ihr sogar vorhersagte; »vos passions vous perdront;« wo hingegen eine andere sie für kalt und gefühllos hielt Und sie »une jeune fille sans coeur« nannte.
Irina’s Freundinnen nannten sie stolz und hinterlistig, die Brüder und Schwestern fürchteten sie, die Mutter selbst mißtraute ihr, und dem Vater war nie recht behaglich, wenn sie ihre tiefen, geheimnißvollen Augen auf ihn richtete; beiden aber, Vater und Mutter, flößte sie eine unwillkürliche Achtung ein, nicht ihrer hervorragenden Eigenschaften, wohl aber der Hoffnungen wegen, die sie auf ihre Zukunft setzten.
»Du sollst sehen, wir werden noch erleben,« sagte einst der alte Fürst zu seiner Frau, sein langes türkisches Pfeifenrohr aus dem Munde nehmend, »daß unsere Irina uns einmal aus aller Noth herausreißen wird.«
Die Fürstin wurde böse und antwortete ihrem Manne, »er habe immer des expressions insuppartables;« nach einigem Nachdenken aber brummte sie zwischen den Zähnen: »Ja, ja . . . Zeit wär’s wohl einmal dazu.«
Irina genoß eine fast unbeschränkte Freiheit im elterlichen Hause; man verwöhnte sie zwar nicht, war sogar ziemlich kalt gegen sie, aber man handelte ihr auch nicht entgegen; das gerade war es, was sie wollte, wie sie sich überhaupt ziemlich sonderbar hielt.
Wenn z. B. irgend ein Krämer eine alte Schuld einzufordern kam und sich Unartigkeiten erlaubte, weil man ihm wieder nichts bezahlen konnte, oder irgend Einer der Dienerschaft, mit dem Essen unzufrieden, Aeußerungen laut werden ließ, wie: »was das für ein Fürst sei, der selbst nichts zu essen habe, und bei dem die Leute hungern müßten,« – so saß Irina, ohne eine Miene zu verziehen oder ein Wort zu sagen, mit bösem, verächtlichem Lächeln im finstern Gesichte, bewegungslos da, während den Eltern dieses Lächeln ein schlimmerer Vorwurf war, als das Geschrei der Gläubiger oder die Unzufriedenheit der Dienerschaft, als ob ihre Tochter das Recht auf Reichthum und Luxus, den sie ihr nicht geben konnten; von Geburt an habe.
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