Читать бесплатно книгу «Mutter Job» Hendrik Conscience полностью онлайн — MyBook
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»Vater, Vater, das meinst Du doch wohl nicht so?« sprach der Jüngling mit sanft verweisendem Tone. »Wir sind alle gesund. Deine Brauerei bewahrt ihren alten Ruf in der Umgegend; meine Geschäfte verbessern sich täglich; unsre Rosine geht eine vortheilhafte Verbindung ein; Mutter ist die Heiterkeit und Güte selbst. Die Leute im Dorf nennen uns die Glücklichen; und, zum Uebermaß des Segens, jedermann hat uns lieb; wir werden von Niemand gehaßt oder beneidet. Sind wir Gott nicht Dankbarkeit für dies Alles schuldig?«

Hugo’s Stimme war bei diesen letzten Worten so dringen und so innig geworden, daß der Vater sich gerührt fühlte.

»Du hast Recht, Hugo; wir müssen Gott dankbar sein,« antwortete er, »aber die Tabaksdose, die Tabaksdose! Sie kommt mir zu, und ich werde sehen müssen, daß sie ein Anderer gewinnt: es ist um krank zu werden vor Ärger.«

»Was ist es doch um eine silberne Tabaksdose? Wünschest Du Dir wirklich eine? Ich werde sie Dir mit Freuden schicken.«

»Ach, es ist mir nicht um die Dose; ich kann mir ja doch auch eine kaufen, wenn ich will! Aber meine Ehre als Schütze! Mein Ruf! Ein ganzes Jahr als Stümper gelten müssen und ausgelacht werden in der Gilde? Hielte ich mich nicht mit Gewalt zurück, ich zerschlüge meinen Bogen an dem Baum da; dann würde ich doch nicht besiegt werden!«

»Du kannst es nicht wissen, Vater; vielleicht wirst Du besser schießen, als du denkst. Und begegnete Dir es auch, daß die Dose von einem andern Gildebruder gewonnen würde, morgen wird es doch wohl besser gehen?«

»Ja, ja, das hast Du von Deiner Mutter gelernt: Auf Leiden folgen Freuden, auf Regen folgt Sonnenschein; so lange man lebt, hoff man . . . und so weiter, immer daß selbe Liedchen. Deine Mutter grämt sich um nichts; ich glaube, wenn der Kirchthurm ihr auf den Leib fiele, sie würde noch rufen: ’s wird morgen schon besser gehn! . . . Aber sieh, da steht die Kutsche des Herrn Barons vor der Thür des »goldenen Adlers«; der Gilderath muß ihn empfangen. O Schande, ich bin der einzige, der nicht dabei zugegen sein wird. Frau, Frau, das ist Deine Schuld!«

Und grimmig die Faust gegen Mutter Job ausstreckend, lief er zur Stelle, wo er, aus der Ferne, die Bauern ihre Mützen in die Höhe schwenken sah, um den neuen Hauptmann der St. Sebastiansgilde zu bewillkommnen.

Baas Job kam wirklich zu spät; denn als er nahte, verschwand die jubelnde Menge ins Innere des Wirthshauses und der Wagen des Barons ward durch den Kutscher auf der Straße nach dem Schlosse umgewendet.

Einige Augenblicke später saß Mutter Job neben den Ihrigen auf dem Hinterhof des »goldenen Adlers-« mit ihrem Knäbchen an der Seite und mit ihrem Sohne Hugo über seinen Handel sprechend. Herr Walter hatte sich neben Rosina gesetzt und fuhr fort, stets freundliche und höfliche Worte an sie zu richten, indem er sie bald um Erklärungen über das Gildefest fragte, bald wieder ihr lustige Geschichten von Bogenschützen und Jägern erzählte; denn es stand Herrn Walter ein reiches Gedächtnis zu Gebote. Allerdings wurde Rosine jetzt manchmal sehr unaufmerksam und schien mit ihren Augen jemand zu suchen; gleichwohl konnte man bemerken, daß sie sich über diese Zerstreutheit schämte und sich Gewalt anthat, um sie vor dem Freund ihres Bruders zu verbergen.

Der ganze Hinterhof war mit laut sprechenden und lachenden Leuten angefüllt. An der Seite, wo Mutter Job sich befand, saßen die Frauen – meist Pächterinnen und Bäuerinnen – mit ihren Töchtern und Kindern. Viele sahen auf Mutter Job hin und wechselten unter einander einige leise Worte.

»Ja, Katharina, den schönen Herrn da mit seinem weißen Hut,« sagte eine alte Bäuerin, »wir oft hab’ ich den auf den Armen getragen!«

»Hugo von dem Brauer?«

»Ja, ja. Jetzt ist er reich und treibt Handel in der Stadt.«

»Die Mutter Job ist eine verständige Frau, das ist sicher. Aber sagt, was ihr wollt, wo das Glück einmal ist, da wird es auch immer bleiben. Sie hat alles, was ihr Herz verlangen kann.

»Viel Geld.«

»Gesundheit dazu.«

»Die schönste Tochter im Dorfe.«

»Ein Kind, wie eine Rose, so lieblich und so blühend.« »Einen Sohn, der sie noch auf ein Schloß sehen wird.«

»Eure Tochter, die den Gabriel von unserm Notar heirathen wird . . . Und die haben auch Geldrollen im Kasten liegen.«

»Das heißt, da sind auch acht Kinder.«

»Das ist gleich; die Jobs sind die glücklichsten Wesen von der Welt. Wenn nur der Brauer nicht ein solcher Murrkopf wäre . . . «

»Sieh, da kommt er gelaufen! In was für einen Dorn hat er nun wieder getreten?«

Baas Job näherte sich seiner Frau, und sagte verstört:

»Sie sind da wieder am Zögern und Trödeln, daß man davon krank werden könnte! Schon zehnmal haben sie die Namen ausgerufen und sind noch nicht im Klarem – Ihr habt nichts zu trinken für die Gesellschaft? Ich glaub’, Ihr sitzt alle zusammen da und träumt!«

Zu dem vorbeigehenden Diener sagte er:

»Heda, Faulenzer, warum fragst Du hier nicht, was uns gefällig ist? Eine Kanne Bier! Seht, der Schelm läßt seine Beine schleppen, um mich zu ärgern, aber ich werde ihn schon kriegen!«

»Komm, komm,« lachte Mutter Job, »der arme Junge hat seinen Fuß verstaucht. Du weißt es ja doch wohl?«

Als der Diener wiedergekommen war und die Gläser eingeschenkt hatte, fuhr der Brauer grimmig auf ihn los, behauptete, das Bier wäre sauer und wollte den Wirth rufen lassen, um sich darüber zu beschweren; – aber jetzt hörte er den ersten Pfeil durch die Schießbahn schwirren und daraus das Wort: »Das Schwarze« mit lauter Stimme rufen. Da durchzuckte der Grimm seine Glieder und er lief murmelnd von seiner Familie fort, um nachzusehn, wer der Glückliche wäre, der bei seinem ersten Schuß bereits ins Schwarze getroffen hätte.

»Der Brauer ist schrecklich kurz angebunden,« sagte Katharina zu ihrer Nachbarin. »Seit den dreißig Jahren, daß ich ihn kenne, habe ich ihn noch niemals als zanken und murren hören, als ob die ganze Welt gegen ihn wäre. Nur gut, daß jeder weiß, er mein’ es nicht so arg und daß er eine Frau hat, die die Geduld selbst ist. Ich würde es sicher nicht aushalten, das ewige sauer sehn!«

»Und St. Job aus dem Düngerhausen ist doch sein Patron! Das hat sein Pathe gewiß zum Spott gethan, als ob er vorher sehen konnte, was für ein aufbrausender Mann das Kind einmal werden würde?«

»Nein, nein, Job ist sein Vatersname.«

»Ja, aber sein Vorname ist auch Job.«

»So? Dann heißt er Job-Job?«

»Wißt Ihr das nicht? Unser Kobe lacht täglich darüber; und wenn er von unserm zänkischen Brauer spricht, nennt er ihn immer den doppelten St. Job, weil er so geduldig ist.«

»Ja, Th’res, das kommt von der schwarzen Galle; der Mann kann nichts dafür, daß er so geboren wurde.«

»Sicher, ich weiß es wohl, Kathrine; denn Baas Job gibt viel an die Armen, und wenn er jemand helfen kann, wird er es, mit all seinem Geknurr, doch nicht unterlassen. Voriges Jahr schien er sehr auf uns erbittert, weil mein Mann, ohne es zu wissen, in sein Gehege geritten war. Es hatte selbst viel Zank zwischen ihnen gegeben. Einen Monat später geriethen wir durch den Tod unseres Gutsherrn in eine sehr kümmerliche Lage. Baas Job, der es vernommen hatte, kam selbst, ohne gefragt zu sein, und brachte uns die nöthige Hilfe. Daß wir noch auf unserm väterlichen Hofe sitzen Kathrine, das haben wir dem zu verdanken, der unser Feind schien, Baas Job!«

Das Preisschießen hatte begonnen; die eine Hälfte der Gildebrüder that ihre ersten sieben Schüsse; darnach sollte, die zweite Hälfte gleichfalls in die Schranken treten; dann wieder die erste Abtheilung und gleichfalls noch einmal die zweite. Wer in diesen beiden Gängen am Öftersten ins Schwarze würde geschossen haben, sollte als Sieger aus den Händen des Herrn Baron die schöne silberne Tabaksdose erhalten.

Viele Zuschauer hielten sich in der Nähe der Scheiben auf und lehnten sich an das Geländer, womit die Schußbahn eingefaßt war; unter diesen, das Auge aus das Weiße gerichtet, stand Baas Job, der Brauer, der zur zweiten Schaar gehörte und mit sichtbarer Ungeduld wartete, daß die Reihe an ihn kam. Schoß einer der gewandtesten Gildebrüder etwas weit vom mittelsten Kreis, dann fuhr ein zweideutiger Ausdruck von Freude über des Brauers Gesicht; aber kündigte der Ruf: »Ins Schwarze!« das Treffen des Centrums an, dann knipp er die Lippen vor Wuth zusammen und stampfte mit den Füßen.

Etwa zwanzig Schritte von den Scheiben stand ein Haufe Bauern, einige mit dem Bogen in der Hand, andere mit entblößtem Haupte; doch alle merkwürdig still und zurückhaltend für einen solchen frohen Tag. Sie bildeten einen Kreis um den Herrn Baron, der eine Zigarre im Mund, einen Livreebedienten an der Seite und einen Jagdhund zwischen den Knieen, dann und wann ein wohlwollendes Lächeln an diejenigen austheilte, welche so dreist waren, ihm einen Glückwunsch über seine Ernennung zum Hauptmann oder eine Schmeichelei über sein Geschenk an die Gilde zu sagen. Der Schulmeister wiederholte zwanzigmal in verschiedenen Ausdrücken die Versicherung, daß es ein Segen für die Gemeinde wäre, solch einen Baron zu haben und daß die Gilde unfehlbar unter dem Schatten seines erlauchten Namens, den höchsten Gipfel des Ruhms und Glücks erreichen würde u.s.w. Die Bauern, die mit der Mütze in der Hand standen und beständig mit dem Kopf nickend bei jeder Schmeichelei ausriefen: »Gewiß, Herr Baron, ’s ist wahr, Herr Baron, Gott sei Dank, Herr Baron,« waren ohne Zweifel seine eigenen Pächter; denn es standen da auch Landleute, die mit halbspöttischem Lächeln auf den Lippen und mit bedecktem Haupte Alles mit anhörten. Gewiß saßen diese auf ihrem eigenen Gut, oder hatten von Gutsbesitzern gepachtet, die das Dorf nicht bewohnten. Sie sahen sich deshalb für freie Leute an und zeigten dies hinlänglich durch die ungenierte Keckheit ihrer Haltung.

Eben war der Schulmeister damit beschäftigt, dem Baron in hochtrabendem Kanzleistyl zu beweisen, daß seine erlauchte Gegenwart dem Dorfe und der Gilde ebenso wohlthätig und fruchtbringend sein würde, wie der Thau des Himmels, der nach einem alle Pflanzen versengenden Sommertag auf das schmachtende Erdreich niederfällt . . .als die Stimme des Weibels aus voller Kraft erscholl:

»Männer von der zweiten Compagnie, macht Euch fertig! Männer von der zweiten Compagnie, kommt herbei!«

Dieser Ruf erlöste den Baron von dem Schulmeister und von mehreren andern seiner Schmeichler: er gedachte einige Schritte vorwärts zu thun, doch alsbald sah er sich aufs Neue durch die abgelösten Schützen umringt, die ihm nun ihrerseits mit vielen Verbeugungen und schmeichelnden Worten Rechnung ablegten über die ungefähre Anzahl der Centrumschüsse die jeder der Männer von der ersten Compagnie gethan. Der Baron, den vielleicht die Huldigung belustigte, welche die Bauern ihm darbrachten, ließ sie ruhig gewähren, lächelte mild und schenkte auch seinerseits jedem ein freundliches Wort.

Während das Preisschießen langsam fortschritt und das Geräusch auf dem Hof von St. Sebastian, unter dem Einfluß des genossenen Biers, immer mehr zunahm, stand ein Jüngling ganz einsam hinter der Buchenhecke welche den Schießstand von dem Gemüsegarten des Wirthshauses trennte.

Seine städtische Kleidung, sein feinen Gesichtszüge und sein zarterer Gliederbau hätten auf die Vermuthung leiten können, daß er hier Fremdling wäre und nur durch den Zufall an diesen Ort geführt worden wäre. Eine tiefe Trauer war auf seinem Gesicht zu lesen; die meiste Zeit hielt er den Kopf gebeugt und den Blick zur Erde gerichtet; aber dann und wann richtete er sich aus und schaute mit funkelnden Augen durch eine kleine Oeffnung der Buchenhecke, nach dem Ort, wo die Frauen der Gildebrüder an vielen Tafeln plaudernd und lachend saßen. Dann spielte ein eifersüchtiger Zug um seine bebenden Lippen, sein Gesicht ward bleich, und er hielt den Hals in Selbstvergessenheit ausgereckt nach dem Gegenstande, der ihn zu reizen schien. – Aber bald ließ er wieder, erliegend unter einer zermalmenden Gewißheit mißmuthig den Kopf auf die Brust sinken.

Da nahte unvermerkt ein junger Bauer dem leidenden Träumer. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach in theilnehmendem Ton:

»Gabriel, wenn ich an Deiner Stelle wäre, so setzte ich einen tüchtigen Krug Bier darauf. Hab’ ich es Dir nicht vor einem halben Jahr gesagt, daß der städtische Ränkemacher mit seinem Knebelbart Dir noch bitter Bier brauen würde? Es ist eine Schande! So, mitten im ganzen Dorf ihre Ohren nach dem Geschwätz eines Fremden hängen lassen!«

Gabriel sah den Redenden mit feuchten Augen an und seufzte schmerzlich. – Der Andere fuhr fort:

»Der Schmidt meinte es gut, als er vor drei Monaten – sagte, daß dieser Herr Walter Dich aus dem Sattel heben würde. Weißt Du, was er jetzt ganz fest behauptet? – Daß da eine Heirath geflickt wird zwischen ihm und Rosina.«

Ein bitteres Lächeln des Zweifels stieg auf Gabriels Gesicht und er hob den Ellenbogen drohend in die Höhe, als wollte er die drohende Vermuthung von sich abweisen.

»Komm; komm, zeige daß Du Mann bist,« sagte der Andere, »es ist doch hinlänglich sichtbar, daß etwas im Werke ist? Ist dieser Herr Walter seit einiger Zeit nicht fast alle Sonntage in Wispelbeck? Und verhehlt Rosina ihre Hoffnung, daß sie, gleich ihrem Bruder, einmal in der Stadt wohnen wird? Ist dieser Walter nicht ein Wunder von Edelmuth, Feinheit und Weisheit in ihren Augen, und spricht sie nicht von ihm, als ob er ein Muster von Verstand und von allen Tugenden wäre? Man wird Dich allerdings nicht eher abweisen, als bis Alles fertig ist; aber an Deiner Stelle würde ich gar nicht so lange warten; ich ließe sie laufen und amüsierte mich tüchtig mit den Freunden, um zu zeigen, daß ich mich um ihre Falschheit nicht viel kümmere. Komm, komm und bleibe nicht so allein da; stehn und grübeln. Der Schmidt hat Dich gesehen und lacht Dich bei den Scheiben aus. Komm und halte Dich gerade als ein Mann.«

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