Читать бесплатно книгу «Das Glück reich zu sein» Hendrik Conscience полностью онлайн — MyBook

II

Das Abenddunkel hatte sich kaum seit einer halben Stunde über die engen Straßen verbreitet. Mutter Smet, des Schornsteinfegers ehrbare Ehewirthin, saß an einem Tische, beschäftigt, beim Schein einer kleinen Lampe die wollenen Strümpfe ihres Pauw zu stopfen.

Ihr Anzug war nicht nur sauber, sondern auch kostbarer als es ihr Stand sonst mitzubringen schien; denn obgleich sie sich in ihrer Wohnung befand und an jenem Abende nicht mehr auszugehen gedachte, trug sie ein rosenfarbenes Mieder mit kleinen Blumen, einen wollenen Calamankrock mit samtenem Saumstreifen und einer schneeweißen Flügelhaube.

In ihrem Gemüthe jedoch schienen düstere, herabstimmende Gedanken auf- und abzuwogen, denn öfters unterbrach sie ihre Arbeit und ließ auf ihren Gesichtszügen einen Ausdruck bitteren Grames wahrnehmen.

»So werden stets die armen Menschen, die eine Erbschaft zu machen haben, betrogen,« murmelte sie endlich vor sich hin. »Diese klugen Herren wissen es immer so künstlich anzufassen, so listig zu wenden und zu drehen, bis über dem Streiten die rechtmäßigen Erben von hinnen geschieden, und dann stecken die Schelme den Nachlaß in ihren eigenen Sack. Wenn ich noch daran denke! Der alte Maurer Kobe in der Winkelstraße . . . hunderttausend Gulden sollte der erben, Alles war schon abgemacht und in Ordnung . . . und da schicken sie ihn so lange von Pontius zu Pilatus, daß er am Ende in seiner Bodenkammer hat Hungers sterben müssen. Ein halbes Jahr darnach wurde die Erbschaft unter vier vornehme Herren vertheilt, die von Allem die Hülle und Fülle besaßen, und wohl das beste Theil von dem, was dem armen Kobe zukam, ist an den Fingern der Herren Advokaten hängen geblieben . . . Aber mich sollen sie nicht in der Weise daran kriegen. Sollte es mich den letzten Stüber kosten, wissen muß ich, was aus dem Nachlasse meiner Frau Tante in Holland geworden ist. – O, dieses ehrliche Diebsgesindel!«

Bei diesen Worten trat ihr Mann ins Zimmer, blies das Lümpchen, das er in der Hand hielt, aus, stellte es auf einen Kasten und blieb mit gekreuzten Armen seiner Frau freundlich zulächelnd stehen.

Er hatte sein Gesicht gewaschen und seine Kleider unterschieden sich nicht mehr von denen jedes andern Bürgers seines Standes, der im Begriff steht, Abends sein Schüppchen in Gesellschaft der Freunde zu leeren.

»Da habe ich eben droben auf dem Speicher den Ratten keinen schlechten Fraß vorgebrockt!« rief er. »Rathe einmal, Trese, was ich gethan habe?«

»Oh laß mich in Ruhe,« erwiderte griesgrämisch die Frau. »Zehn Jahre sind’s schon, daß du den Ratten ihren Todesteig bäckst; sie treiben’s nur um so ärger: laß nur etwas auf dem Boden herumliegen, und wäre es dein Rußsack, des andern Tages sollst du sehen, wie gemüthlich sie sich’s haben schmecken lassen!«

»Ja, was kann ich dazu; ich kann doch nicht gegen die Ratzen der ganzen Stadt zu Felde ziehen? Dies raubsüchtige Völkchen ist zu beständig auf der Wanderschaft und schleicht ruhig und ungehindert fort durch Pfützen und Ritzen; das zahlt ja keinen Miethzins, und wo es ihm einmal behagt, da läßt es sich ruhig nieder. Ich habe dir aber eben eine erwischt, Trese, eine kohlschwarze mit einem Schwanz, aus dem du dir leicht ein Paar Strumpfbänder hättest schneiden können . . . Aber, Frau, es sitzt dir heute die Haube wieder etwas schief auf dem Kopfe; was ist dir abermals in die Quere gekommen? Will es denn kein Ende nehmen mit den sauren Gesichtern?«

– »Ich mache ein Gesicht, wie es mir ansteht.«

– »Um so schlimmer, daß du es absichtlich machst. Den ganzen Tag hab’ ich’s gar wohl gemerkt, daß du dir einen Dorn in den Fuß getreten hast. Ich wollte wetten, es spukt dir wieder im Kopfe von Advokaten, von deiner holländischen alten Muhme, von Erbschaft, von Goldtönnchen und anderen Luftschlössern?«

– »Das sind nicht deine Sachen. Misch dich daher lieber nicht darein!«

– »Sieh, Treschen, laß mich dir einmal etwas sagen: aber in vollem Ernst, ohne Lachen.«

– »Ohne Lachen; das bist du nicht im Stande, Spaßvogel.«

– »O gewiß bin ich’s; höre nur. Wir leben nun, wenn mir recht ist, etwa fünf und zwanzig Jahre zusammen; nächstes Jahr am heiligen Johannistage feiern wir ja unsere silberne Hochzeit. Die ganze Zeit hindurch hast du mit Advokaten zu thun gehabt, Todten- und Taufscheine zusammengetrieben . . . und jeden Monat einige blanke Thaler den schwarzen Männern von der Justiz zu gesteckt. Wenn alle diese kleinen Sümmchen nun beisammen lägen, so machte das meines Bedünkens schon ein hübsches Stück Erbschaft aus, denn es gehen gar viele Monate auf fünfundzwanzig Jahre. Bis hierher habe ich mich ganz still dabei verhalten und dich gewähren lassen; aber jetzt ist Alles so teufelstheuer geworden, daß es Zeit wäre, ein bisschen klüger zu werden. Die Kartoffeln kosten ja, weiß Gott, fast zwei Franken die Metze; das Fleisch ist so hoch gestiegen, daß wir für den Preis eines gefegten Kamins gerade so viel bekommen, daß jeder ein winziges Stückchen auf sein Brod zerbröckeln kann, – und gar das Brod, das liebe Brod!«

– »Geh’ doch! Was liegt dir daran, was das Brod kostet!« scherzte Frau Smet. »Wenn nur das Bier nicht aufschlägt . . . «

– »Nun ja, so lange es geht, und sollten auch die Portionen noch dünner werden, bin ich nicht Willens, mich darüber abzuhärmen, lieb’s Mütterchen. Fröhlichkeit ist auch gutes Brod! Aber du bringst mich aus meinem Text. Was ich sagen wollte, ist dieses: du träumst den ganzen lieben Tag von lauter Tanten und Onkeln und von ungeheuern Erbschaften, die sie dir zufallen lassen sollen. Ich bitte dich, laß doch einmal diesen Quark fahren; denn es wird von Tag zu Tag bunter, und ich fürchte, es kommt dir noch gar der Rappel in den Kopf; und vor lauter holländischen Onkeln und Tanten kannst du am Ende deine Tage im Narrenhause beschließen . . . «

Die Frau stand auf und antwortete mit bissigem Lächeln: »Was man doch Alles ·von seinem eigenen Mann anhören muß! Glaubst du vielleicht auch, wie die andern, daß ich von gemeiner Familie herstamme?«

– »Gar nicht, Frauchen; ich glaube vielmehr, daß du aus guter ehrbarer Familie stammst, aus der Familie nämlich des Peter und des Paul und des Michel. Dein Vater besaß ja bekanntermaßen einen Trödlerladen; freilich, an hielt ihn für reich – um seiner Habsucht willen; aber als er plötzlich hinstarb, wurde vergebens nach klingender Münze gesucht und wir erbten nichts weiter als unser bescheidenes Häuschen. Und das war auch im Grunde genug. Deine Nichte trägt Citronen zu Kauf, deine Muhme plagt sich um altes Eisen und zernagte Knochen, und der Sohn deines Onkels ist Mitglied der hochlöblichen Feuerlöschmannschaft. Gute, brave und redliche Leut, das muß man sagen . . . aber daß ihnen viel Fett von den Fingern tropft, das, gestehe es selbst, ist eben auch nicht wahr.«

– »Wer spricht aber auch von meiner Familie in Belgien? – In Holland da giebt es der Van der Bergen die Menge.«

– »Und Jansens noch mehr. Schon fünf und zwanzig Jahre her suchst du unter allen Van der Bergen, ob keiner zu unserer Familie gehöre, und dieses Spiel hat dich bereits um, ich will nicht sagen wie viele Gulden ärmer gemacht. Lauter eingebildetes Zeug. Der Mensch fleht immer das, wonach ihn gelüstet. Geh nur einmal an das Werft bei der Scheide, wenn der Wind weht da richte deine Augen nach den treibenden Wolken: Was willst du sehen? Einen Reiter hoch zu Pferd? Napoleon? Einen Riesen? Eine Kutsche mit vier Pferden? Einen Drachen mit sieben Köpfen? Du brauchst nur zu wünschen und es steht vor dir da. Ja so ist es mit dir, Trese: du hast ein wahres Marionettenspiel in deinem Kopfe!«

Die Frau setzte sich wieder und sagte mit ernst bedächtiger Miene:

– »Sonderbar, wie du heute so fest auftrittst; es will mich fast bedünken, als ob du diesen Nachmittag bei unserem Advokaten gewesen seist. Der Schelm nämlich, nachdem er mich zwei Jahre lang an der Nase herumgeführt und manchen Gulden mir abgeluckst hat, für Siegel, Papiere und Documente, und das weiß ich Alles noch, sagt mir heute rundweg ins Gesicht, daß unsere Familie zwar groß, aber aus lauter armen Leuten bestehe. Indem er mir den ganzen Plunder Briefe, den er in Händen hatte, zurückstellte, ersuchte er mich freundlichst, ihn fortan mit meinen Besuchen zu verschonen!«

– »Nun, das heiße ich einen braven rechtlichen Advokaten: Er hätte dir ja noch manchen Gulden entlocken können, aber als ein ehrlicher Mensch will er dich nicht um dein Geld bringen und erteilt dir lieber kostenfrei einen guten Rath. Dergleichen Advokaten sind dünn gesät, wenigstens wie mir die Leute versichern, denn ich selber kann darüber nicht urteilen, und wenn diese Herren von meinem Gelde zehren müßten, dann würden sie nicht viel Butter für ihr Brod zu streichen bekommen.«

Dieses Gespräch schien der Mutter Smet den Gram, der sie den ganzen Tag über gedrückt hatte, etwas benommen zu haben, und mit erleichterter Brust sagte sie:

– »Sag was du willst, aber ich werde doch noch einmal reich, ehe ich mein Haupt niederlege. Ich bin aus guter Familie und früher oder später muß ich zu einer Erbschaft gelangen . . . Diese Nacht noch hat es mir geträumt, ich hätte einen Klumpen Gold, groß wie unsere Thürschwelle, gefunden . . . «

– »Wirklich?« rief lachend der Schornsteinfeger, »dann kannst du gewiß sein, daß du noch lange zu warten hast! hättest lieber von Spinnen träumen ollen, denn die bedeuten Geld . . . «

Plötzlich ließ sich draußen vor der Stiege ein Getöse vernehmen.

– »Was mag das sein?« fragte Smet horchend.

– »Nun, hörst du’s nicht?« spöttelte seine Frau, »die Ratzen klettern vom Boden herab, um dich recht auszulachen für den herrlichen Schmaus, den du ihnen gekocht hast.«

– »Das wäre doch wirklich ein Wunder,« murmelte Baes Smet; »hab’ doch alle Löcher und Spalten mit Kalk und Glassplitter zugestopft! Ich will einmal sehen . . . Es kann höchstens eine gewesen sein; denn es ist wieder alles still.«

– »Aber Smet,« begann auf’s Neue die Frau, »wenn wir so plötzlich einmal reich würden, was würdest du anfangen?«

– »Um Gottes Willen, Trese, schweig doch endlich einmal mit diesem unausstehlichen Liede von Erben und Reich sein. Wir sind ja wahrhaftig nicht übel daran. Schenkt uns der liebe Gott nicht täglich unser Brod und mir noch obendrein einen Schoppen Bier in heiterer Gesellschaft von Freunden; was sollten wir noch mehr wünschen?«

– »Nun, wenn du trotzdem unversehens ein reicher Mann würdest?«

Smet besann sich eine Weile und antwortete dann:

– »Was ich thun würde? das weiß ich meiner Treu selber nicht. Doch scheint mir, ich würde vor Allem unser Haus neu anstreichen und auf unser Aushängeschild die Worte malen lassen: Zum vergoldeten A. B. Zweitens würde ich für den Winter vier Schinken auf einmal kaufen. Drittens . . . nun a, was drittens? . . . vier Sack Kartoffeln und sechs Viertel Kohlen schenkte ich der armen Witwe, drüben in der Straße, mit ihren unglücklichen Kindern. Viertens würde ich für unsern Pauw ein hübsches Haus kaufen und bei seiner Hochzeit mit Käthchen einen Brautschmaus halten, daß man noch auf dem Juwenberg den Geruch davon haben sollte.«

– »Und das ist Alles? Wäre wohl der Mühe werth, reich sein zu wollen!«

– »Nun, mehr fällt mir grade in diesem Moment nicht ein. Mit einem Worte, ich würde davon leben und die Freunde leben lassen.«

– »Und würdest dabei noch Schornsteinfeger bleiben?«

– »Wie fragst du?«

– »Ob du noch ferner Schornsteinfeger bleiben würdest?«

– »Das heißt, ich würde . . . zu meinem Vergnügen . . . Schornsteine fegen.«

– »Oh, du unschuldiger Hungerleider,« kicherte die Frau.

– »Was sollte ich denn sonst mit meiner Zeit anfangen?« fragte Baes Smet. »Denkst du, ich würde den ganzen Tag zu Hause hocken wollen. Sage mir aber nun du selber, was du thun würdest, wenn uns vom Himmel ein Schatz in den Schoß fiele?«

– »Oh, so viel weiß ich, daß ich ihn vernünftiger anwenden würde; bin ja von guter Familie!« frohlockte die Frau. »Ein großes Haus auf dem Kipdorp der auf dem Meirplatz würde ich mir kaufen; eine Kutsche und vier Pferde alten und für den Winter einen Schlitten, Kleider von Seide und Sammt würde ich anschaffen, einen Muff und einen Boa . . . «

– »Was sagst du da? Einen Boa? Was ist das für ein Ding?«

– »Ein Pelz, den die vornehmen Damen um den Hals tragen.«

– »Ah, so einen Schwanz von einer wilden Bestie?«

– »Ei, das thut gar wohl und nimmt sich herrlich aus! Dann würde ich Diamanten auf der Brust, an den Ohren und Fingern tragen, und hinten an einem Kleid eine Schleppe, wie die Königinnen in der Komödie – und überall, wo ich ginge, müßte ein Bedienter hinterdrein troddeln du weißt, so ein Kerl mit einem gelben Frack und einer goldenen Tresse um den Hut . . . dann käme ich jeden Tag hier durch die Straße, um die Spezereihändlerin vor Ärger und Neid bersten zu machen . . . «

– »Höre auf, Frau, ich bitte dich!« rief der Kaminfeger, »sonst berste ich selber vor Lachen. Seh’ mal einer Madame Smet, die Frau Kaminfegerin, wie sie über die Straße einherstolzirt mit einem Schleppkleid, einem Ochsenschwanz um den Hals und einem langen Bengel von Kanarienvogel hinter sich. Wenn du nicht dran bist, den Rappel zu bekommen, dann gebe ich’s auf und du kannst mich selber ins Narrenhaus schicken, denn das ist gewiß, eins von uns hat einen Riß im Gehirn! . . . Aber höre doch, was das wieder für ein Treiben droben ist. Wahrhaftig, selbst die Ratzen lachen dich aus!

– »Geh doch hinauf, Smet; das wird am Ende gar zu bunt. Mache lieber die Löcher wieder auf; denn seit du den Ratzen deinen Possen gespielt hast, sollte man glauben, es hätten sich alle aus der Nachbarschaft ihr Stelldichein bei uns gegeben.«

Der Kaminfeger folgte der Aufforderung seiner Frau, steckte das Lämpchen an und griff nach einem alten verrosteten Säbel hinter dem Kasten.

– »Ich will sie gehörig aus ihren Nestern herausrisseln,« sagte er. »Leg mir einstweilen einige Centen zurecht, denn ich gehe gleich nachher aus, mein Schöppchen zu trinken.«

Mutter Smet blieb eine ziemliche Weile unten und horchte auf das Gepolter, das ihr Mann oben auf dem Boden anstellte, indem er mit dem Säbel auf den Brettern herumschlug.


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