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»Er bemalt uns gedruckte Bildchen,« erwiederte Ursula, »und obgleich viel zu wünschen übrig bliebe, so nehmen wir es doch aus Rücksicht für seine Krankheit nicht so genau damit. – Seht, hier sind welche, die ich eben bei ihm geholt habe.«

Sie reichte mit diesen Worten Quintin einige Bildchen hin, welcher eins nach dem andern betrachtete.

»Schwester« sagte er endlich, »dies würde ich, scheint mir’s, besser machen können.«

»Ach! Ihr scherzt Quintin! Hans muß täglich Bilder in seine Tapeten wirken, darum versteht er sich in etwa darauf; aber Ihr, der Ihr Schmied seid, – das würde schwerlich gehen!«

Quintin erhob sich rasch von seinem Sessel, und sprach zur Nonne gewendet, in stolzem Tone:

»Schwester Ursula, es ist kein Schmied, noch Tapezier, noch Maler der eine Pumpe zu Stande bringt, wie die von Quintin Metsis auf dem Handschuhmarkt ist! – Wohl habe ich nicht mit Farben gearbeitet, und werde vielleicht im Anfang einige Bildchen verderben; doch vergeßt nicht, Schwester, daß ein Sohn der für seine Mutter schafft, kein gewöhnlicher Arbeiter ist. – Vielleicht wird mein Vorhaben mir glücken: eine innere Stimme sagt es mir.«

»Nun wohl, Quintin, hier sind ungemalte Bilder! Prüfet Eure Kräfte. Eure Mutter mag mich nach Ter Zieken begleiten, damit ich ihr Farben und Pinsel für Euch mitgebe.«

»Geh Mutter! eile!« rief Quintin entzückt aus. »Gottlob, daß ich jetzt arbeiten kann! Gewiß, ich werde genesen, wenn die Bilder gelingen, und du sollst meinetwegen keinen Hunger mehr leiden. Geh schnell!«

Als seine Mutter sich mit der Nonne entfernt hatte, prüfte er genau ein Bildchen nach dem andern, und überlegte schon im Voraus welche stellen er blau, gelb, roth oder grün bemalen wolle. Seine Gedanken waren so lebhaft damit beschäftigt, daß das Blut ihm zu Kopfe stieg, und seine mageren Wangen noch einmal mit einer hellen Gluth bedeckte; er strich mit dem Finger über die Stiche, als ob er bereits begonnen hätte, zu malen. Die Bildchen, die er vor Augen hatte, waren nur schlecht und grob; Quintin sah dies recht gut ein, denn in seinen Lehrjahren hatte er sich viel mit Zeichnen beschäftigt, was deutlich genug aus allen Kunstwerken hervorgeht, die er in Eisen geschmiedet.

Nachdem seine Mutter mit Farben zurückgekommen war, ging er zu Bette, und begann halb sitzend auf einem viereckigen Brett, welches er vor sich hinlegte, zu malen; die alte Wittwe war so begierig auf den Erfolg dieses Unternehmens, daß sie mit ängstlicher Gespanntheit jeder Bewegung des Pinsels folgte. Obgleich Quintin sehr langsam arbeitete, hatte er doch nach Verlauf einer Stunde ein Bildchen mit den schönsten Farben in den gewähltesten Tönen vollendet.

Ueber sein eigenes Werk entzückt rief er aus:

»O sieh nur Mutter! es ist über meine Erwartung gelungen! Nun werde ich rasch genesen!«

Die alte Frau verstand nichts von der Kunst worüber sie jetzt ein Urtheil aussprechen sollte; sie freute sich herzlich an den glänzenden Farben, und stand in Bewunderung versunken vor dem Bildchen.

»Quintin« rief sie, »soll ich dieß einstweilen als Probe nach Ter Zieken tragen?«

»Sogleich, Mutter, wenn ich noch einige gemalt habe. Gib mir dieß zurück, damit ich’s vor mich lege.«

»Willst du denn Alle auf dieselbe Weise bemalen?«

»Nein, Mutter, es sind aber noch viel Fehler in dem ersten, welche ich in den andern verbessern will.«

Die alte Frau war so froh, so vergnügt, als ob ihr ein großes Glück zu Theil geworden wäre; nicht just darum weil Quintin die Bildchen so schön bemalt hatte, denn darüber hatte sie nicht das geringste Urtheil, und sie glaubte außerdem, nicht mehr als einige Stüber für seine Arbeit erwarten zu dürfen: aber sie freute sich über die heitere Stimmung ihres Sohnes, dessen Zustand sich durch den Eifer welchen er seiner neuen Beschäftigung weihte, merklich verbesserte; auch hatte er nach Vollendung des dritten Bildchens die ersten Worte seiner alten, halbvergessnen Lieder wieder gesungen. Zuweilen unterbrach die glückliche Mutter ihn in seiner Arbeit durch eine herzliche Umarmung. Dann sagte er lachend:

»Laß mich doch arbeiten Mutter! damit ich schneller vorwärts schreite!«

Nachdem auch das vierte Bildchen gefertigt, drang die Wittwe so lange in Quintin, bis er ihr erlaubte, alle nach Ter Zieken zu tragen, und Mutter Metsis lief so schnell sie konnte dem Kloster zu, das einige Büchsenschüsse weiter in der Nähe der Stadt lag. Sie klopfte hastig an der Pforte, und erwartete mit pochendem Herzen daß man ihr öffne.

Eine stockalte Nonne erschien an dem Thorschieberchen; und als sie sah daß es nur eine gewöhnliche Bürgersfrau war, öffnete sie langsam indem sie frug:

»Was wollt Ihr Frau?«

»Ist Schwester Ursula im Kloster?«

»Nein, Schwester Ursula ist ausgegangen. Kommt morgen wieder.«

Mit diesen Worten erfaßte sie die Thüre, und machte eine Bewegung als ob sie sagen wollte: »Geht, damit ich das Thor schließe.«

Mutter Metsis war sehr niedergeschlagen über die Abwesenheit Ursula’s und blieb wie festgebannt vor dem Kloster stehen.

»Habt Ihr noch ein Anliegen?« frug die Nonne.

»Ja Schwester« sagte die alte Frau, indem sie die Bilder unter ihrem Mantel hervorzog »seid so gütig diese Bildchen an Schwester Ursula zu übergeben und ihr zu sagen daß Quintin Metsis der Schmied sie bemalt hat.«

Die Nonne betrachtete die dargereichten Gegenstände mit mißbilligendem Ausdruck. Sie mußten ihr nicht zusagen, denn ihre Züge gaben dieß deutlich zu erkennen.

»Ach Gott! wie häßlich sind diese Bildchen« rief sie: »man ekelt sich vor ihrem Anblick, und um keinen Preis möchte ich sie in meinem Gebetbuch haben.«

»Sind sie nicht gut Schwester?« frug die bange Mutter.

»Pfui, es ist Schande solche Bilder zu malen« war die bittere Antwort der Nonne womit sie die Wittwe entließ.

Mit zerrissenem Herzen kehrte die Mutter nach ihrer Wohnung zurück. – Sollte sie Quintin die niederschlagende Kunde bringen, um ihn in jene tödtende Verzweiflung zurückzuschleudern? Aber konnte sie ihre Thränen zurückhalten, hatte sie Kraft genug um nicht durch ihre Züge den Schmerz zu verrathen, der sie niederdrückte ?

Die arme Frau grämte sich inzwischen unnöthiger Weise über die harten Worte der Nonne, welche sie nur unrichtig aufgefaßt hatte. Die Stiche, welche Quintin bemalt, stellten nämlich meist Kranke und aussätzige Menschen vor; der junge Schmied hatte so viel Ausdruck in diese Jammergestalten gelegt, und sie so natürlich in Farben dargestellt, daß der Nonne vor den schrecklichen Gruppen graute, und sie entsetzt von der Wahrheit, welche sich darin aussprach, die Worte rief:

»Pfui! pfui! es ist eine Schande!«

Die Mutter ahnte das nicht und glaubte darum daß die Nonne die ganze Art und Weise des Bemalens so schlecht beurtheile. Kaum hatte sie die Schwelle ihres Hauses überschritten, als Quintin ihr zurief:

»Nun, wie findet man meine Bilder, liebe Mutter?«

Die bedrückte Mutter fiel weinend in die Arme ihres Sohnes, und konnte vor überwallender Wehmuth kein Wort hervorbringen; sie strich nur in größter Aufregung Quintin’s Haupt, welches er an ihrem Herzen barg. Je unerträglicher sich das Geschick dieser Unglücklichen gestaltete, um so inniger schien die Liebe sie zu verbinden. Wenn dumpfe Seufzer nicht ihren Schmerz offenbart hätten, so wäre man versucht gewesen zu glauben, daß sie freudig ergriffen seien, denn sie gaben sich gegenseitig die wärmsten Beweise von Zärtlichkeit. Ein gemeinschaftliches, tiefes Schmerzgefühl ließ sie darin den einzigen Trost finden. Endlich seufzte Quintin:

»Mutter, liebste Mutter, was nun beginnen? Um jede Hoffnung betrogen, von Allen verlassen, o Gott!«

»Mein Kind!« rief die Mutter verzweifelnd und ihrer Sinne nicht mehr mächtig »mein theures Kind, ich habe dich an meiner Brust genährt; ich habe stets nach Kräften für dich gearbeitet, als du noch klein warst. – Du hast mir als ein guter Sohn meine Liebe reichlich vergolten, und im Schweiße deines Angesichts deine alte Mutter erhalten. Wohlan, Quintin, wenn es dann doch sein soll, wenn wir sterben müssen, wenn dich das Siechthum und mich der Hunger ins Grab zieht, . . . dann bleibt uns noch ein seeliger Trost, eine freudige Gewißheit: – wir sterben zusammen!«

Eine lange Umarmung folgte diesen Worten; und die schnellen Athemzüge zweier von Schmerz überwältigten Menschen, wurden nur zuweilen durch eine leise, flüsternde Stimme unterbrochen: »Mutter, geliebte Mutter!«

Sie hatten sich bereits eine geraume Zeit Stille und unter heißen Thränen einander umschlungen gehalten, und sie würden noch lange so dagesessen haben, hätte nicht plötzlich eine Stimme vor der Thüre sie aufgeschreckt:

»Wo wohnt der Schmied Quintin Metsis?«

Die alte Frau trocknete schnell die Thränen von ihrem Angesicht, und eilte die Thüre zu öffnen, als sich dieselbe aufthat, und vier Personen zugleich in die Kammer traten.

Die beiden Ersten waren die Aebtissin des Klosters Ter Zieken und ein geistlicher Herr der sie begleitete. Hinter ihr kam Schwester Ursula mit einer andern Nonne, welche ein großes Buch unter’m Arme trug. All diese Personen betrachteten erstaunt Quintin, der seinen Pinsel weggelegt hatte und ängstlich und beschämt ein strenges Urtheil zu erwarten schien.

Die Aebtissin näherte sich ihm, zeigte ihm seine ersten Bilder und frug mit wohlwollendem Ausdruck in Blick und Stimme: »Seid Ihr es, der diese Bilder bemalt hat?«

»Ja, Frau Aebtissin,« erwiederte Quintin mit bangem Herzen »aber ich hoffe, wenn ich Eure Gunst nicht verscherzt habe, mit der Zeit mehr Fertigkeit zu erlangen. Vergebt mir, ehrwürdige Frau, daß ich diese verdorben habe. O, vergebt mir, um meiner unglücklichen Mutter willen!«

»Verdorben?« rief die Aebtissin verwundert aus, »Ihr seid zu bescheiden; denn ich bin gekommen Euch zu sagen daß Niemand je schönere Bildchen gesehen hat, als gerade die, welche Ihr bemalt habt.«

Diese Worte wirkten wie ein Donnerschlag auf den verstummten Quintin: Todtenblässe überzog sein Angesicht, und seine Glieder bebten, als ob ein plötzlicher Schmerz ihn getroffen hätte. In freudiger Aufregung streckte er dann die Arme seiner Mutter entgegen, und rief:

»Ach Mutter! liebste Mutter!«

Die glückliche Frau verstand ihn: sie warf sich mit wildem Ungestüm in seine Arme und drückte ihn an ihre Brust.

Die vier Anwesenden waren so ergriffen bei dem Anblick dieser rührenden Scene, daß ihre Augen sich mit Thränen füllten.

»Quintin Metsis,« sprach die Aebtissin »wollet Ihr wohl Etwas für mich thun?«

Während die Aebtissin sprach hatte die Mutter sich der engen Umarmung ihres Sohnes entzogen; sie behielt jedoch eine seiner Hände in den ihren, und blieb neben ihm stehen.

Quintin erwiederte freudig: »sprecht, hochwürdige Frau, ich bin Euer willigster Diener.«

Die Aebtissin nahm das Buch aus den Händen der Nonne, zeigte es dem Jüngling, und fragte ihn, ob er die Leidensgeschichte unsers Herrn, welche darin dargestellt war, für sie bemalen wolle? Quintin wandte ein, daß er ein solches Unternehmen nicht wagen dürfe, aus Furcht das kostbare Meßbuch zu verderben; doch die Lobsprüche welche ihm die Aebtissin und der Geistliche ertheilten, gaben ihm endlich den Muth das große Werk zu übernehmen.

Sobald er der Aebtissin dieß Versprechen gegeben, bereitete sich dieselbe mit ihrer Begleitung zum Weggehen. Schwester Ursula näherte sich zuvor Quintin und flüsterte ihm ins Ohr:

»Fahrt nur so fort, Quintin, – die Aebtissin ist höchst zufrieden mit Eurer Arbeit, sie kann nicht davon schweigen.«

Und mit leiserer Stimme fügte sie hinzu: »Eurer Mutter soll es nun an nichts mehr fehlen; habt nur guten Muth!«

Diese letzten Worte erfüllten Quintin mit unaussprechlicher Seligkeit: er wandte Ursula einen dankbaren Blick zu und sagte:

»Für Euch, für Euch werde ich immer beten – und meine Mutter auch.«

Als die Aebtissin sich entfernt hatte, wandte die glückliche Frau sich zu ihrem Sohn, warf ihm zwei Goldgulden auf sein Malerbuch indem sie rief: »Sieh! Quintin! Dieß hat mir die Aebtissin für deine Arbeit gegeben; nun sind wir reich mein Kind! unendlich reich! Jetzt geh ich und kaufe Alles ein, was dir bisher in deiner Krankheit gemangelt hat! – Und du wirst genesen, mein lieber Quintin! denn all unser Leid hat nun ein Ende; wir werden aufs Neue glücklich sein!«

»Sagte ich dir’s nicht, daß ein Sohn, der für seine Mutter arbeitet, kein gewöhnlicher Arbeiter ist? Glaube mir, der Schmerz, den ich bei dem Anblick deiner Noth ertragen mußte, hat mich zum Maler gemacht. Gott selbst hat meine schwache Hand geleitet!«

Quintin malte ziemlich lange an dem Buch der Aebtissin; als er aber das Werk vollendet, gaben sich bereits wunderbare Fortschritte darin zu erkennen, und es ward ihm eine reiche Belohnung dafür. Man gab ihm dann andre Arbeiten dieser Art, welche er zur Zufriedenheit Aller ausführte. – Endlich ward er es müde gedruckte Darstellungen zu bemalen; er begann selbst Zeichnungen anzulegen, und je nachdem ihm dieß leichter und leichter wurde, überwand er in kurzer Zeit alle Hindernisse, welche sich ihm noch auf seiner neuen Bahn entgegenstellten.

Noch zehn ganze Monate blieb er schwach und krank, so daß er nicht das Haus verlassen konnte, und diese Zeit benutzte er, sich Alles anzueignen, was die milde Natur ihm versagt hatte. Als er zum Erstenmale ausging, begrüßte man ihn schon überall als einen berühmten Maler.

An Geld fehlte es ihm jetzt nicht mehr: er zog mit seiner Mutter in ein schönes Bürgerhaus, und sorgte mit derselben Liebe wie früher für sie. Sie hatte die Freude ihren Sohn die Zierde und den Ruhm des Vaterlandes nennen zu hören, und beschloß ihr Leben mit seligem Frieden in seinen Armen.

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