Читать бесплатно книгу «Jacquot Ohnohr» Александра Дюма полностью онлайн — MyBook
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Das Aufsuchen und die Unterhandlung hatte beinahe eine Stunde gewährt. Uebrigens hatten wir unsere Zeit nicht verloren; durch eine Bresche waren wir in die Gärten eingedrungen, die ehemals zu dem Schlosse gehörten, und wahrscheinlich auch jetzt dazu gehören. Sie bildeten einen ungeheuren Park, der sich zwei Werten weit auf der Höhe des Berges erstreckte und der am Ende dem Abhange folgend bis zur Wolga hinunterging. Aber dort war das Werk der Zeit, im Gegentheil zu dem Zerstörungswerke, gegen die Gebäude ausgeübt, wohlthätig und malerisch gewesen; sich selber überlassen, waren die Bäume zu einer riesenhaften Entwickelung gelangt, wo sie einzeln standen, und wunderbar verwachsen, wo sie vereint waren. Da waren Lindenalleen, die unter der Regierung der Kaiserin Elisabeth gepflanzt sein mußten, und die für die Strahlen der Sonne so undurchdringlich waren, daß es schien, sobald man in diese Alleen eintrat, als wäre man in das Innere der Bergwerke hinuntergestiegen, und als verfolge man einen jener Gänge in den Eingeweiden des Uralgebirges.

An einigen Stellen, wenn man aus diesen Alleen hervorkam, oder in der Mitte von Rasenplätzen, die von hohem Grase und Dornen überwachsen waren, erblickte man steinerne Fußgestelle, auf welchen sich ehemals Statuen, Meisterwerke oder wenigstens Copien von Meisterwerken des Alterthums erhoben. Auf einem dieser Fußgestelle fanden wir noch die Buchstaben JOV… OMNIPOT… und auf einem anderen die Inschrift: Venus und Adonis.

Als wir aus der Hauptallee kamen und uns links wendeten, kamen wir zu dem tiefen und jetzt beinahe ausgetrockneten Bette eines künstlichen Baches; in der Tiefe floß noch ein schwacher Strom von klarem Wasser aus einer benachbarten Quelle, die wir nur mit aller Mühe auffinden konnten, so sehr war sie von hohem Grase überwachen. Dieser Bach war aller Wahrscheinlichkeit nach ehemals der größte Schmuck des Gartens gewesen, den er der ganzen Länge nach schlangenförmig durchfloß; einige Bogen, die mit großer Kühnheit von dem einen Ufer des Baches zu dem andern hinüber geschlagen waren, bildeten bezaubernde Brücken, die noch heute gangbar sind, obgleich sie nutzlos geworden.

An der verborgensten Stelle des Parks entdeckten wir einen Pavillon. Es war das Ochsenauge des Fürsten Alexis; aber ach! seit langer Zeit hatten die Winterstürme – jetzt die einzigen Gäste – die Thüren und Fenster losgerissen und weit weggeworfen. Wenn diese Mauern, welche Ohren und Augen gehabt haben, eine Zunge hätten, so würden sie ohne Zweifel heutiges Tages Geschichten erzählen, worüber die Mauern von Monceaux und Trianon erröthen würden; aber sie sind stumm, außer wenn der Sturm ihnen eine Stimme leiht, und diese düstere und strenge Stimme sagt den Denkmälern, was die Erfahrung jeden Tag dem Menschen sagt: »Es ist nichts Gewisses und Ewiges, als der Tod.«

An der Mauer befanden sich noch ziemlich gut erhaltene mythologische Fresken. Diese Fresken rührten ohne Zweifel von einem französischen Maler aus der Schule Bouchers her; sie stellten Venus und Mars dar, in dem Netze des Vulkan gefangen; die Entführung der Europa durch den famosen weißen Stier, dessen Gestalt Jupiter angenommen hatte; eine Leda, die den göttlichen Schwan liebevoll an ihre Brust drückt; endlich eine Diana im Bade, die von Aetäon überrascht wird.

Die Decke war eingestürzt.

Diesem Pavillon gegenüber befand sich ein Haufen von Steinen und Ziegeln, größtentheils mit Dornen und Epheu überwachen. Ich fragte meinen jungen Officier, ob er wisse, was dieser Haufen Steine und Ziegeln zu bedeuten habe.

»Ich glaube bei einem früheren Ausfluge, den ich zu diesen Ruinen machte, gehört zu haben,« antwortete er mir, »daß diese Trümmer ehemals einen ähnlichen Pavillon bildeten, wie dieser ist.«

»Ist er eingestürzt?« fragte ich.

»Nein, wie man mir versichert, ist er absichtlich zerstört worden.«

»Und warum das? Wissen Sie es?«

»Ich weiß nur, was man über diesen Gegenstand erzählt.«

»Und was erzählt man? Ich sage Ihnen vorher, ich bin der größte Frager auf der Welt.«

»Man erzählt, daß der letzte Fürst Danilo Borisowitsch, als er vor fünfundzwanzig oder dreißig Jahren hier in diesem Pavillon war, einen so seltsamen Fund that, daß er sich nicht nur entschloß, ihn zu zerstören, sondern auch den ersten Streich mit der Haue führte.«

»Und was fand er denn in diesem Pavillon?«

»Ah! das ist gerade das Geheimniß! Man spricht von einem zugemauerten, verbarrikadierten Zimmer, in welches Niemand den Einfall, oder vielmehr den Muth gehabt hatte einzudringen. Der Fürst Danilo trat, ohne daß es Jemand wußte, dort ein, wie man sagt, und sah darin etwas so Schreckliches, daß er todtenblaß herauskam und, wie schon gesagt, den Befehl zu der Zerstörung gab.«

In diesem Augenblick sahen wir den Diener des neuen Besitzers, des Herrn Kirdiapine, den das Versprechen von zwanzig Kopeken aus dem Wirthshause gelockt hatte, auf uns zukommen. Ich befragte ihn über den demolierten Pavillon; aber er wußte noch weniger davon, als der Capitain Vaninkoff, der, wie wir gesehen, nicht viel wußte.

Der Diener hatte die Schlüssel zu dem Schlosse und erbot sich, es uns zu öffnen. Ich nahm es an, indem ich hoffte, Etwas zu finden, was ein Band zwischen dem Schlosse und dem Pavillon herstellen würde.

Der Diener ging voran und führte uns durch eine Seitenthüre ein, die zu dem Vorsaale ging. Kaum war die Thüre geöffnet, als uns eine feuchte und ungesunde Luft entgegen kam; bei jedem Schritte, den wir auf den Pflastersteinen thaten, erhob sich ein dichter Staub, und der Wind, der hinter uns her durch die offene Thüre hereinkam, bewegte an den Wänden die zerrissenen und niederhängenden Lappen einer glänzenden Tapete, die in gerader Linie vermöge eines fürstlichen oder königlichen Geschenks von den Gobelins herstammen mußte.

»Was an dem Schlosse am besten erhalten ist,« sagte uns unser Cicerone, »das ist die Galerie der Portraits.«

Da dies auch aller Wahrscheinlichkeit nach das Interessanteste war, so ließen wir uns dorthin führen und vernachlässigten deshalb die übrigen Theile des Schlosses.

Ich weiß nicht, ob es eine vorgefaßte Meinung oder eine Wirklichkeit war, wenn es wirklich die Wirkung des Pinsels der Künstler war oder der Art, wie die Gemälde beleuchtet waren, aber es schien mir, als ob alle diese Portraits von düsteren Farben uns, welche kamen, um sie in ihrer stummen Vereinigung und in ihrer tiefen Einsamkeit zu stören, Blicke des Hasses und Grolles zuwarfen; man hätte sagen sollen, daß sie von ihren reich ausgeschnitzten Rahmen, die sich aber von der Zeit verbogen und verschoben hatten, zu uns sagen wollten: »Wer seid Ihr, lebende Eindringlinge, überlästige Besucher? Wer hat Euch das Recht gegeben, das Schweigen der Todten zu beunruhigen? Entfernt Euch; wir kennen Euch nicht, und wir sind Euch unbekannt. Ihr mögt uns ansehen und uns befragen, wie Ihr wollt, Ihr werdet Nichts von unserem thörichten Leben, von unseren lärmenden Vergnügungen, von unseren homerischen Gastmählern und unseren ungezügelten Leidenschaften erfahren!«

»Dies ist der Fürst Alexis Iwanowitsch Grubenski,« sagte uns der Mann, der uns begleitete, als wenn er auf die stumme Frage antwortete, die ich an die modernsten dieser Portraits richtete.

Meine Blicke wendeten sich demnach zu dem Bildnisse eines Mannes von hoher Statur. Seine freie Stirn, seine dichten Augenbrauen, eine römische Nase, eine stark vorspringende Unterlippe deuteten einen starken und energischen Willen an, gleich unerbittlich und unwiderstehlich. Sein Mund lächelte, aber es lag etwas Falbes und Drohendes in seinem Lächeln. Es schien mir, daß es für dieses Gesicht nur eines schwachen Widerspruchs bedürfe, um zu machen, daß seine Stirn es mit den Falten des Haffes bedecke, daß seine schwarzen Augen, voll Verschlagenheit, für den Augenblick leicht verschleiert, in der Aufregung eines glühenden Zornes blitzen könnten.

Neben dem Fürsten, in einem Kostüm aus der Zeit Ludwig des Sechzehnten – und man weiß, daß Rußland zu jener Zeit in der Mode um einige Jahre hinter uns zurück war – hing das Portrait einer Frau von hohem Wuchse. Diese Frau trug ein Kleid von gelbem Atlas mit Spitzen besetzt, nach der Mode aus dem Ende der Regierungszeit Ludwig des Sechzehnten, was für uns hinsichtlich des Datums dem Anfange des Kaiserreiches gleich kommt. Ihr Gesicht war bezaubernd; ihre Auge: athmeten einen lebhaften Verstand, vereint mit einer unbeschreiblichen Traurigkeit. Diese Frau mußte gewiß unglücklich gewesen sein, und wenn sie einige Augenblicke der Freude in ihrem Leben gehabt, so waren diese Augenblicke, nachdem sie aufgeleuchtet, mit der Schnelligkeit des Blitzes verschwunden.

»Es ist die Fürstin Marfa Petrowna,« sagte der Diener zu mir, welcher die Aufmerksamkeit bemerkte, die ich auf dieses Portrait richtete, »die Gemahlin des Fürsten Alexis.«

Aber schon hatten sich meine Augen von diesem Portrait, so interessant es war, abgewendet, um sich auf ein anderes zu richten. Diese Dame trug ein hechtblaues Kleid, wie man in Rußland bis zum Jahre 1806 oder 1807 getragen; ihre Taille war schlank und coquett gewölbt, ihre Hand, von reizender Form und voll aristokratischer Feinheit, hielt einen Eisenhartzweig; aber wie seltsam! das Gesicht dieses entzückenden Wesens war mit einer ungeheuren Lage schwarzer Farbe bedeckt.

»Was ist dies für ein Portrait?« fragte ich lebhaft den Diener, der mir die anderen genannt hatte.

»Ah!« entgegnete er mir, »über dieses Portrait kann man nur Muthmaßungen anstellen, denn Niemand weiß es genau. Indessen nach der verbreitetsten Ansicht stellt es die Schwiegertochter des Fürsten Alexis, die Gemahlin des Prinzen Boris Alexiowitsch, die Mutter es Fürsten Danilo, vor.«

»Aber warum diese Lage von schwarzer Farbe auf dem Gesichte?«

»Das mag der Himmel wissen! Wahrscheinlich war die Dame nicht schön.«

»Hat man keine Ueberlieferung davon?«

Der Diener zauderte.

»Man darf nicht immer. Alles glauben, was man erzählt,« sagte er.

»Aber was erzählt man denn?« fragte ich.

Er schüttelte den Kopf.

»Es giebt nur einen einzigen Menschen auf der Welt, der die Wahrheit darüber weiß,« sagte er; »aber er hat nie Etwas sagen wollen.«

»Und wer ist – dieser Mann?«

»Sie kennen ihn, Herr Graf.«

»Ich?« rief der junge Capitain.

»Ja, es ist Jacquot Ohnohr.«

»Dessen Enkel im Dienste meines Vaters ist?«

»Gerade derselbe.«

»Er lebt also noch?«

»Er hat eben sein hundertstes Jahr vollendet.«

»Und wo wohnt er?« fragte ich.

»Er wohnt in Makarieff.«

»Hören Sie, Capitain?«

»Ja, aber er hatte das Gelübde abgelegt, wenn er das hundertste Jahr erreichen würde, eine Wallfahrt zu dem Kloster Troiza zu machen. Vorgestern hat er sein hundertstes Jahr erreicht, und gestern ist er abgereist.«

»Sapristi! da habe ich keine Wahrscheinlichkeit!« rief ich.

»Nun, wir wollen sehen,« sagte der Capitain zu mir; »wenn Sie noch einen Tag in Makarieff bei mir bleiben wollen, so verspreche ich Ihnen Eins.«

»Und was denn?«

»Jacquot bei seiner Rückkehr kommen zu lassen, ihn zu bewegen, die Geschichte des Fürsten Grubenski von einem Ende zum anderen zu erzählen, und sie. Ihnen zu schicken.«

»Das wollten Sie thun, Graf?«

»Auf Ehre.«

»In dem Falle bleibe ich nicht blos einen, sondern zwei Tage bei Ihnen.«

Und ich wäre nicht nur zwei Tage, sondern acht Tage, vierzehn Tage, ja einen Monat bei ihm geblieben, hätten mich nicht meine beiden Reisegefährten in Kasan erwartet.

Der Graf Vaninkoff war freilich ein charmanter Mann und überdies ein Mann von Wort.

Und der Beweis davon ist, daß ich zwei Monate nach meiner Rückkehr nach Frankreich das Manuscript erhielt, welches man hier lesen wird, gerade wie er es mir schickte, und woran ich, um ihm nicht seinen originellen Charakter zu rauben, durchaus Nichts, als den Titel, verändert habe.

Es war »Die alten Jahre« betitelt, und schien von einem ehemaligen Intendanten des Fürsten Danilo, Sohnes des Fürsten Boris, Sohnes des Fürsten Alexis, geschrieben zu sein.

Wo und wie der Graf Vaninkoff dieses Manuscript entdeckt hat, weiß ich nicht, und ich glaube auch nicht, daß es von großer Wichtigkeit für meine Leser sein wird, es zu wissen.

Daß es sie unterhalte, ist Alles, was nöthig ist.

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