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Sechsten Kapitel
Die beiden Joyeuse

Die Herren von Joyeuse hatten sich, wie wir gesehen, während dieser ganzen Scene durch die Hintergebäude des Stadthauses entfernt; sie ließen bei den Equipagen des Königs ihre Lackeien, welche mit ihren Pferden auf sie warteten, und gingen neben einander durch die Straßen dieses volkreichen Quartiers, welche an diesem Tage ganz verlassen waren, so sehr zog das Schauspiel auf der Grève die Bevölkerung an sich.

Sobald sie außen waren, wanderten sie Arm in Arm fort, aber ohne mit einander zu reden.

Kurz zuvor noch so freudig, war Henri ernst, in Gedanken versunken, beinahe düster.

Anne schien unruhig und gleichsam über das Stillschweigen seines Bruders verlegen.

Er war es auch, der zuerst dieses Stillschweigen brach.

»Nun, Henri,« fragte er, »wohin führst Du mich.

»Ich führe Dich nicht, ich gehe Dir voran, mein Bruder,« erwiederte Henri, als ob er plötzlich erwachte.

»Wünschest Du irgend wohin zu gehen, mein Bruder?«

»Und Du?«

Henri lächelte traurig.

»Oh! Ich,« sagte er, »mir ist es gleichviel, wohin ich gehe.«

»Du gehst doch diesen Abend irgendwohin,« entgegnete Anne, »denn jeden Abend gehst Du zu derselben Stunde aus, um erst ziemlich spät in den Nacht nach Hause zu kommen, und zuweilen kommst Du gar nicht nach Hause.«

»Willst Du mich ausfragen, mein Bruder?« sagte Henri mit einer reizenden Weichheit, gemischt mit einer gewissen Ehrfurcht vor seinem älteren Bruder.

»Ich Dich ausfragen? Gott behüte mich! Die Geheimnisse gehören denjenigen, welche sie bewahren.«

»Wenn Du es wünschest, habe ich keine Geheimnisse für Dich. Du weißt es wohl.«

»Du wirst keine Geheimnisse für mich haben, Henri?«

»Nie, mein Bruder; bist Du nicht zugleich mein Herr und mein Freund?«

»Verdammt! ich dachte, Du kümmerst Dich nicht um mich, der ich nur ein armer Laie bin; ich dachte, Du hättest unseren weisen Bruder, diesen Pfeiler der Gottesgelehrtheit, diese Leuchte der Religion, diesen gelehrten Architekten der Gewissensfälle des Hofes, der eines Tages Cardinal sein wird, ich dachte, Du vertrautest ihm, und fändest in ihm zugleich Beichte, Absolution und wer weiß… Rath; denn in unserer Familie,« fügte Anne lachend bei, »ist man zu Allem gut, Du weißt es, davon zeugt unser vielgeliebter Vater.«

Henri du Bouchage ergriff die Hand seines Bruders und drückte sie liebevoll.

»Du bist für mich mehr als Gewissensrath, mehr als Beichtiger, mehr als Vater, mein lieber Anne,« sagte er, »ich wiederhole, Du bist mein Freund.«

»So sprich, mein Freund, warum habe ich Dich, der Du so heiter warst, allmälig traurig werden sehen, und warum gehst Du, statt bei Tage auszugehen, jetzt nur noch bei Nacht aus?«

»Mein Bruder, ich bin nicht traurig,« erwiederte Henri lächelnd.

»Was bist Du denn?«

»Ich bin verliebt.«

»Gut, und dieses Versunkensein?«

»Kommt davon her, daß ich unablässig an meine Liebe denke.«

»Und Du seufzest, während Du mir das sagst?«

»Ja.«

»Du seufzest, Du, Henri, Graf du Bouchage, Du, der Bruder von Joyeuse, Du, den die schlimmen Zungen den dritten König von Frankreich nennen? Du weißt, Herr von Guise ist der zweite, wenn nicht gar der erste! Du, der Du reich, der Du schön bist, der Du Pair von Frankreich sein wirst, wie ich, und Herzog, wie ich, bei der ersten Gelegenheit, die ich finde, Du bist verliebt, nachdenkend und seufzest; Du, der Du: Hilariter3 zum Wahlspruch hast.«

»Mein lieber Anne, alle diese Gaben der Vergangenheit oder alle diese Verheißungen der Zukunft haben nicht für mich in der Reihe der Dinge gezählt, welche mein Glück machen sollten. Ich besitze keinen Ehrgeiz.«

»Das heißt, Du besitzest keinen mehr.«

»Oder ich strebe wenigstens nicht nach den Dingen, von denen Du sprichst.«

»In diesem Augenblick vielleicht; doch später wirst Du darauf zurückkommen.«

»Nie, mein Bruder, ich wünsche nichts, ich will nichts.«

»Und Du hast Unrecht, mein Bruder. Wenn man den Namen Joyeuse, einen der schönsten Namen Frankreichs, führt, wenn man einen Bruder hat, der der Günstling des Königs ist, so wünscht man Alles, so will man Alles, … und hat man Alles.«

Henri schüttelte schwermüthig sein blondes Haupt.

»Sprich, da wir nun allein und von aller Welt entfernt sind,« sagte Anne. »Der Teufel soll mich holen, wir sind über das Wasser gekommen, und befinden uns auf dem Pont de la Tournelle, ohne daß wir es bemerkt haben… Ich glaube nicht, daß in dieser Einöde, bei diesem scharfem kalten Nordost, in der Nähe dieses grünen Wassers irgend Jemand uns behorchen wird… Hast Du mir etwas Ernstes zu sagen, Henri?«

»Nichts, nichts, wenn nicht, daß ich verliebt bin, und das weißt Du schon, mein Bruder, da ich es Dir soeben gestanden habe.«

»Aber den Teufel! das ist nichts Ernstes,« erwiederte Anne, mit dem Fuße stampfend. »Beim Papst, ich bin auch verliebt!«

»Nicht wie ich, mein Bruder.«

»Ich denke auch zuweilen an meine Geliebte.«

»Ja, aber nicht immer.«

»Ich habe auch Widerwärtigkeiten, Kummer sogar.«

»Ja, Du hast aber auch Freuden, denn man liebt Dich.«

»Oh! ich stoße auch auf große Hindernisse; man verlangt von mir großes Geheimhalten.«

»Man verlangt? Du hast gesagte man verlangt, mein Bruder. Wenn Deine Geliebte verlangt, so gehört sie Dir.«

»Allerdings gehört sie mir… nämlich mir und Herrn von Mayenne; denn ein Vertrauter ist des andern werth, Henri, ich habe gerade die Geliebte von diesem Unzüchter von Mayenne, ein in mich vernarrtes Mädchen, das Mayenne auf der Stelle verlassen würde, wenn es nicht befürchtete, es könnte von ihm umgebracht werden. Du weißt, es ist seine Gewohnheit, die Frauen umzubringen. Dann hasse ich diese Guisen, und es belustigt mich auf Kosten von einem derselben zu belustigen. Nun wohl! ich sage es Dir, ich wiederhole es, ich habe zuweilen Widerwärtigkeiten, Zänkereien; doch ich werde deshalb nicht düster wie ein Karthäuser; ich mache keine trübe Augen. Ich fahre fort zu lachen, wenn nicht immer, doch wenigstens von Zeit zu Zeit. Nun, so sprich, wen liebst Du, Henri? Deine Geliebte ist doch wenigstens schön.«

»Ach! mein Bruder, es ist nicht meine Geliebte.«

»Ist sie schön?«

»Zu schön.«

»Ihr Name?«

»Ich Weiß ihn nicht.«

»Gehe doch!«

»Bei meinem Ehrenwort.«

»Mein Freund, ich fange an zu glauben, daß die Sache noch gefährlicher ist, als ich dachte… Das ist, beim Papst! keine Traurigkeit, sondern Tollheit!«

»Sie hat nur ein einziges Mal mit mir, oder vielmehr nur ein einziges Mal in meiner Gegenwart gesprochen, und seit dieser Zeit habe ich nicht einmal mehr den Ton ihrer Stimme gehört.«

»Und Du hast Dich nicht erkundigt?«

»Bei wem?«

»Wie! bei wem? bei den Nachbarn.«

»Sie bewohnt ein Haus für sich allein und Niemand kennt sie.«

»Das ist wohl ein Schatten?«

»Es ist eine Frau, groß und schön wie eine Nymphe, ernst und erhaben wie der Engel Gabriel.«

»Wie hast Du sie kennen lernen? wo hast Du sie getroffen?«

»Eines Tages verfolgte ich ein Mädchen, bei der Sackgasse der Gypecienne, ich trat in einen kleinen Garten, der an die Kirche stößt, dort ist eine Bank unter Bäumen. Bist Du je in diesen Garten gekommen, mein Bruder?«

»Nie! gleichviel, fahre fort, es ist dort eine Bank unter Bäumen… hernach?«

»Der Schatten fing an dichter zu werden, ich verlor das Mädchen aus dem Gesicht, und während ich es suchte, gelangte ich zu der Bank.«

»Immerzu, ich höre.«

»Ich erblickte im Halbdunkel ein Frauenkleid und streckte die Hände aus.

»Verzeiht, mein Herr,« sagte plötzlich die Stimme eines Mannes, den ich nicht bemerkt hatte, »»verzeiht.««

»Und die Hand dieses Mannes schob mich sachte, aber mit Festigkeit zurück.«

»Er wagte es, Dich zu berühren, Joyeuse?«

»Höre, dieser Mann hatte das Gesicht in einer Art von Kutte verborgen, ich hielt ihn für einen Mönch, dann machte er Eindruck auf mich durch den liebevollen und höflichen Ton seiner Warnung, denn während er zu mir sprach, bezeichnete er mit dem Finger auf zehn Schritte die Frau, deren weiße Kleidung mich nach dieser Seite gezogen hatte… Sie kniete vor der steinernen Bank, als ob es ein Altar wäre.

»Ich blieb stehen, mein Bruder, dieses Abenteuer begegnete mir am Anfang des September; die Luft war lau; die Rosen und die Veilchen, welche die Gläubigen auf den Gräbern des Geheges pflanzen, sandten mir ihre zarten Wohlgerüche zu; der Mond zerriß eine weißliche Wolke hinter dem Glockenthurme der Kirche und die Fenster fingen an, sich an ihrem First zu versilbern, während sie sich unten von dem Wiederscheine der angezündeten Kerzen vergoldeten. Mein Freund, war es die Majestät des Ortes, war es die persönliche Würde, diese knieende Frau glänzte für mich in der Finsterniß, wie eine Bildsäule von Marmor und als ob sie wirklich von Marmor gewesen wäre. Sie flößte mir eine gewisse Ehrfurcht ein, die mir kalt im Herzen machte.

»Ich schaute sie gierig an.

»Sie beugte sich auf die Bank, umfaßte sie mit ihren Armen, druckte ihre Lippen darauf, und bald sah ich ihre Schultern unter der Gewalt ihrer Seufzer und ihres Schluchzens wogen; nie hast Du solche Ausbrüche gehört, mein Bruder; nie hat ein scharfes Eisen so schmerzlich ein Herz zerrissen.

»Während sie weinte, küßte sie den Stein mit einer Trunkenheit, die mich von Sinnen brachte; ihre Thränen rührten mich, ihre Küsse machten mich verrückt.«

»Beim Papst! sie war verrückt,« sagte Joyeuse, »küßt man einen Stein so? schluchzt man so um nichts?«

»Oh! es war ein großer Schmerz, der sie schluchzen machte, oh! es war eine tiefe Liebe, der sie diesen Stein zu küssen bewog; aber wen liebte sie? wen beweinte sie? Für wen betete sie? Ich weiß es nicht.«

»Doch dieser Mann, hast Du ihn nicht befragt?«

»Gewiß.«

»Und was hat er geantwortet?«

»Sie habe ihren Gatten verloren.«

»Beweint man auf diese Art einen Gatten? Das ist bei Gott! eine schöne Antwort; und Du hast Dich damit begnügt?«

»Ich mußte wohl, da er mir keine andere geben wollte.«

»Aber dieser Mann selbst, wer ist er?«

»Eine Art von Diener, der bei ihr wohnt.«

»Sein Name?«

»Er weigerte sich, ihn mir zu sagen.«

»Jung? Alt?«

»Er mag acht und zwanzig bis dreißig Jahre alt sein.«

»Und was geschah hernach?… Sie hat wohl nicht die ganze Nacht fort geweint und gebetet?«

»Nein. Als sie zu weinen aufgehört, nämlich als sie ihre Thränen erschöpft und ihre Lippen auf dem Stein abgenutzt hatte, stand sie auf, mein Bruder; es lag in dieser Frau eine so geheimnißvolle Traurigkeit, daß ich, statt auf sie zuzugehen, wie ich es bei jeder andern Frau gethan hätte, zurückwich; sie schritt sodann auf mich, oder vielmehr auf die Stelle zu, wo ich stand, denn sie sah mich nicht einmal; da traf ein Mondstrahl ihr Antlitz und dieses erschien mir erleuchtet, schimmernd: sie hatte ihren düsteren Ernst wieder angenommen: kein Zusammenziehen des Gesichts, kein Beben, keine Thränen mehr, nur noch noch die feuchte Furche, die sie gezogen. Ihre Augen allein glänzten noch. Ihr Mund öffnete sich sanft, um das Leben einzuathmen, das einen Augenblick sie zu verlassen bereit zu sein geschienen hatte; sie machte ein paar Schritte mit einer gewissen weichen Mattigkeit und denjenigen ähnlich, welche im Traume wandeln; der Mann lief auf sie zu und führte sie; denn sie schien vergessen zu haben, daß sie auf der Erde ging. Oh! mein Bruder, welch eine Schönheit, welche übermenschliche Macht! Ich habe nie etwas gesehen, was ihr aus Erden gliche, und nur zuweilen in meinen Träumen, wenn sich der Himmel öffnete, waren dieser Wirklichkeit ähnliche Visionen herabgestiegen.«

»Hernach, hernach?« fragte Anne, der unwillkührlich, ein Interesse an dieser Erzählung nahm, über die er Anfangs zu spotten beabsichtigt hatte.

»Oh! nun bin ich bald zu Ende, mein Bruder; ihr Diener sagte ein paar Worte leise zu ihr, und sie ließ ihren Schleier nieder; ohne Zweifel sagte er ihr, ich wäre da: aber sie schaute nicht einmal auf meine Seite, sie senkte nur ihren Schleier, und ich sah sie nicht mehr; es kam mir vor, als hätte sich der Himmel verdüstert und als wäre es kein lebendiges Geschöpf mehr, sondern ein diesen Gräbern entstiegener Schatten, der durch das hohe Gras schweigend vor mir hinschlupfte.

»Sie verließ das Gehege: ich folgte ihr.

»Von Zeit zu Zeit wandte sich der Mann um und er konnte mich sehen, denn ganz verwirrt und betäubt, wie ich war, verbarg ich mich nicht; was willst Du? ich hatte noch die alten gemeinen Gewohnheiten im Kopfe, den alten rohen Sauerteig im Herzen.«

»Was willst Du damit sagen, Henri?« fragte Anne. »Ich verstehe Dich nicht.«

Der junge Mann antwortete lächelnd:

»Ich will damit sagen, daß meine Jugend geräuschvoll war, daß ich oft zu lieben glaubte, und daß alle Frauen für mich bis zu jenem Augenblick Frauen waren, denen ich meine Liebe anbieten konnte.«

»Oh! Oh! was ist das?« rief Joyeuse, der, unwillkührlich etwas beunruhigt durch das Geständniß seines Bruders, seine Heiterkeit wieder zu erlangen suchte. »Nimm Dich in Acht, Henri, Du schweifst aus, es ist also keine Frau von Fleisch und Knochen?«

»Mein Bruder,« sagte der junge Mann, die Hand von Joyeuse mit einem fieberhaften Drucke umschließend, »mein Bruder,« sprach er so leise, daß sein Hauch kaum an das Ohr des Aelteren gelangte, »so wahr mich Gott hört, ich weiß nicht, ob es ein Geschöpf dieser Welt ist.«

»Beim Papst!« erwiederte Anne, »Du würdest mir Angst machen, wenn ein Joyeuse je Angst haben könnte.«

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