Читать бесплатно книгу «Die Fünf und Vierzig» Александра Дюма полностью онлайн — MyBook


Anne wandte sich nach seinem Bruder um, als wollte er dessen Beifall zu Hilfe rufen; doch Henri schaute ohne zu sehen, horchte, ohne zu hören; er war in tiefe Träumerei versunken, der König antwortete daher für ihn.

»Ei, mein Gott! mein lieber Anne,« rief er, »wer sagt, daß jener dort nicht tapfer sei? Er ist es wie ein Bär, wie ein Wolf, wie eine Schlange. Erinnert Ihr Euch nicht seiner Manieren? Er hat in seinem Hause einen normannischen Edelmann, seinen Feind, verbrannt. Er hat sich zehnmal geschlagen und drei von seinen Gegnern getötet; man hat ihn beim Falschmünzen ertappt und deshalb zum Tode verurteilt.«

»Wobei er sodann durch die Vermittelung des Herrn Herzog von Guise, Eures Vetters, meine Tochter, begnadigt worden ist,« sagte Catharina de Medicis.

Diesmal war Louise von Lothringen mit ihren Kräften zu Ende; sie vermochte nur einen Seufzer auszustoßen.

»Das ist ein wohlerfülltes Dasein, welches bald sein Ende erreichen wird,« sagte Joyeuse.

»Herr von Joyeuse, ich hoffe im Gegenteil, es wird so langsam wie möglich endigen,« sagte Catharina.

»Madame,« erwiderte Joyeuse, den Kopf schüttelnd, »die Pferde, die ich dort unter jenem Wetterdache sehe, kommen mir so kräftig und ungeduldig vor, ganz unbeschäftigt stehen bleiben zu sollen, daß ich nicht an einen sehr langen Widerstand der Muskeln, Nerven und Sehnen des Herrn von Salcède glaube.«

»Ja, wenn man nicht für den Fall vorhersehen würde,« versetzte Catharina mit jenem Lächeln, das nur ihr angehörte, »doch, mein Sohn ist barmherzig, er wird den Knechten Befehle geben, daß sie sachte ziehen.«

»Aber, Madame,« warf die Königin schüchtern ein, »ich habe Euch diesen Morgen zu Frau von Mercœur sagen hören, dieser Unglückliche würde nur zwei Züge auszuhalten haben.«

»Von Herzen gern, wenn er sich gut benimmt,« erwiderte Catharina, »dann wird er so rasch wie möglich abgefertigt werden; doch Ihr versteht, meine Tochter, und ich wollte, Ihr würdet es ihm sagen lassen, da Ihr Euch für ihn interessiert, er halte sich gut, das ist seine Sache.«

»Madame,« sprach die Königin, »Gott hat mir nicht wie Euch die Stärke verliehen, und ich habe somit nicht viel Muth, leiden zu sehen.«

»So werdet Ihr es nicht anschauen.«

Louise schwieg.

Der König hatte nichts gehört; er war ganz Auge, denn man beschäftigte sich damit, den Missethäter vom Karren zu nehmen, der ihn gebracht hatte, um ihn auf das kleine Schaffot zu legen.

Während dieser Zeit hatten die Hellebardiere, die Bogenschützen und die Schweizer den Raum beträchtlich erweitert, und es herrschte nun rings um das Schafott eine Leere, welche groß genug war, daß alle Blicke Salcèdes trotz der geringen Erhöhung des Blutgerüstes unterscheiden konnten.

Salcède mochte ungefähr vierunddreißig bis fünf und dreißig Jahre alt sein, er war stark und kräftig; seine bleichen Gesichtszüge, worauf einige Schweiß- und Blutstropfen perlten, belebten sich, wenn er umherschaute, durch einen unbeschreiblichen Ausdruck bald der Hoffnung, bald der Angst.

Gleich Anfangs warf er seine Blicke nach der königlichen Loge; aber sein Auge verweilte nicht hier, als hätte er begriffen, daß ihm aus derselben statt der Rettung der Tod zukam.

Er ging auf die Menge über; im Schoße dieses stürmischen Meeres wühlte er mit seinen glühenden Augen und mit seiner am Rande seiner Lippen zitternden Seele.

Die Menge schwieg.

Salcède war kein gemeiner Mörder, Salcède war vor allem von guter Geburt; da Catharina de Medicis, welche sich um so mehr auf die Genealogie verstand, als sie pfui darüber zu machen schien, einen Tropfen königlichen Blutes in seinen Adern entdeckt hatte; dabei war er ein Kapitän von einigem Rufe gewesen. Nun durch einen schmählichen Strick gebunden, hatte diese Hand einst mutig das Schwert geführt; dieser bleiche Kopf, auf dem sich die Schrecknisse des Todes abmalten, Schrecknisse, die der Missetäter ohne Zweifel in der tiefsten Tiefe seiner Seele verschlossen haben würde, wenn die Hoffnung nicht zu viel Platz eingenommen hätte, dieser bleiche Kopf hatte großartige Pläne beherbergt.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß Salcède für viele Zuschauer ein Held war; für viele andere ein Opfer; wohl betrachteten ihn Einige als einen Mörder, aber die Menge hat stets Mühe in ihrer Verachtung in die Reihen gemeiner Mörder diejenigen zuzulassen, welche große Morde versucht haben, die das Buch der Geschichte gleichzeitig mit dem der Justiz einträgt.

Man erzählte sich in der Menge, Salcède sei aus einem Kriegergeschlechte geboren; sein Vater habe heftig den Kardinal von Lothringen bekämpft, was ihm in der Metzelei in der Bartholomäusnacht einen glorreichen Tod eingetragen, der Sohn aber habe, diesen Tod vergessend oder vielmehr seinen Haß einem Ehrgeize opfernd, für den der große Haufe immer eine gewisse Sympathie hegt, einen Vertrag mit Spanien und mit den Guisen eingegangen, um in Flandern die wachsende Souveränität des bei den Franzosen so sehr verhaßten Herzogs von Anjou zu vernichten.

Man sprach ferner von seiner Verbindung mit Baza und Balouin, den angeblichen Urhebern des Komplotts, das den Herzog Franz, den Bruder Heinrichs III., beinahe das Leben gekostet hätte; man führte die Gewandheit an, welche Salcède bei diesem ganzen Prozesse entwickelt hatte, um dem Rade, dem Galgen oder dem Scheiterhaufen zu entgehen, worauf noch das Blut seiner Genossen rauchte; allein hatte er durch falsche, sehr künstliche Geständnisse, sagten die Lothringer, seine Richter so sehr geködert, daß der Herzog von Anjou, um mehr zu erfahren, für den Augenblick sein Leben verschonte und ihn in nach Frankreich führen ließ, statt ihn in Antwerpen oder Brüssel enthaupten zu lassen; allerdings gelangte er am Ende zu demselben Resultat; aber auf der Reise, die der Zweck seiner Geständnisse war, hoffte Salcède von seinen Parteigängern befreit und entführt zu werden; zu seinem Unglück hatte er ohne Herrn von Bellièvre gerechnet, der, mit dieser kostbaren Verwahrung betraut, so gut Wache hielt, daß weder die Spanier, noch die Lothringer, noch die Liguisten sich des Gefangenen eine Meile nähern konnten.

Salcède hoffte im Gefängnis, Salcède hoffte auf der Folter; Salcède hoffte auf dem Karren; er hoffte noch auf dem Schafott. Nicht als hätte es ihm an Muth oder Resignation gefehlt; aber er gehöhrte zu den lebhaften Wesen, die sich bis zum letzten Athemzuge mit der Hartnäckigkeit und der Stärke wehren, welche die menschliche Kraft nicht immer bei den Geistern von untergeordnetem Werthe erreicht.

Dem König entging so wenig wie dem Volk dieser beständige Gedanke von Salcède.

Catharina studierte ängstlich jede, auch die geringste Bewegung des unglücklichen jungen Mannes; aber sie war zu weit von ihm entfernt, um der Richtung seiner Blicke zu folgen und ihr fortwährendes Spiel zu bemerken.

Bei der Ankunft des Missethäters erhoben sich wie durch einen Zauber Stockwerke von Männern, Frauen und Kinder; so oft ein neuer Kopf über diesen beweglichen, aber schon von dem wachsamen Auge von Salcède gewesenen Niveau erschien, analysirte er ihn völlig in einer Prüfung von einer Secunde, welche wie eine Prüfung von einer Stunde dieser übermäßig gereizten Organisation genügte, in der die so kostbare Zeit alte Fähigkeiten verzehnfachtes oder vielleicht verhundertfachte.

Nach diesem Blick, nach diesem auf das unbekannte und neue Gesicht geschleuderten Blitz, wurde Salcède wieder düster und wandte seine Aufmerksamkeit einer andern Seite zu.

Der Henker fing indessen an, sich seiner zu bemächtigen, und band ihn mitten um den Leib auf den Mittelpunkt des Schaffots.

Auf ein Zeichen von Meister Tranchon, dem Lieutenant vom Stadtgericht und Comrnandanten der Hinrichtung, waren schon zwei Bogenschützen durch die Menge gedrungen, um die Pferde zu holen.

Unter anderen Umständen oder in einer anderen Absicht hätten die Bogenschützen nicht einen Schritt in dieser kompacten Masse machen können, aber die Menge wußte, was die Bogenschützen thun wollten, und sie schloß sich noch enger an und gab Raum, wie man auf einem überfüllten Theater stets den mit wichtigen Rollen beauftragten Schauspielern Platz macht.

In diesem Augenblick entstand ein Geräusch an der Thüre der königlichen Loge, und den Vorhang aufhebend meldete der Huissier Ihren Majestäten, der Präsident Brisson und vier Räthe, von denen der eine der Berichterstatter des Prozesses, wünschten die Ehre zu haben, mit dem König über den Gegenstand der Hinrichtung eine kurze Unterredung zu pflegen.

»Das ist wunderbar,« sagte der König.

Dann sich gegen Catharina umwendend, fuhr er fort:

»Meine Mutter, Ihr werdet befriedigt werden.«

Catharina machte ein leichtes Zeichen mit dem Kopf, womit sie ihre Billigung bezeugte.

»Laßt die Herren eintreten,« sagte der König.

»Sire, eine Gnade,« sprach Joyeuse.

»Laß hören,« erwiederte der König, »vorausgesetzt, es ist nicht die Begnadigung des Verurtheilten.«

»Seid unbesorgt, Sire.«

»Nun?«

»Sire es ist ein Ding, was besonders das Gesicht meines Bruders und hauptsächlich auch das meinige verletzt: die rothen Roben und die schwarzen Roben; Eure Majestät wolle also die Güte haben, uns zu erlauben, daß wir uns zurückziehen.«

»Wie, Ihr interessiert Euch so wenig für meine Angelegenheiten, Herr von Joyeuse, daß Ihr Euch in einem solchen Augenblick entfernen zu dürfen verlangt?« rief Heinrich.

»Glaubt das nicht, Sire, Alles, was Eure Majestät berührt, ist von tiefem Interesse für mich; aber ich bin von einer erbärmlichen Organisation und die schwächste Frau ist in diesem Punkte stärker als ich. Ich kann keine Hinrichtung sehen, ohne auf acht Tage krank zu werden. Da nun aber nur ich noch bei Hofe lache, seit dem mein Bruder, ich weiß nicht warum, nicht mehr lacht, so bedenkt, was aus dem armen, jetzt schon so trübseligen Louvre werden wird, wenn es mir einfällt, ihn noch trübseliger zu machen. Habt also Gnade, Sire…«

»Du willst mich verlassen, Anne?« sagte Heinrich mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Traurigkeit.

»Seht, Sire, Ihr fordert sehr viel; eine Hinrichtung auf der Grève, das heißt die Rache und das Schauspiel, und zwar ein Schauspiel, auf das Ihr, ganz im Gegensatze zu mir, äußerst begierig seid, die Rache und das Schauspiel genügen Euch nicht, und Ihr müßt Euch noch zugleich an der Schwäche Eurer Freunde weiden.«

»Bleibe, Joyeuse, bleibe; Du wirst sehen, daß es interessant ist.«

»Ich zweifle nicht daran; ich befürchte sogar, wie ich Eurer Majestät gesagt habe, das Interesse dürfte sich auf einen Grad steigern, wo ich es nicht mehr auszuhalten vermöchte. Ihr erlaubt mir also, Sire, nicht wahr?«

Und er machte eine Bewegung gegen die Thüre.

»Gehe,« sagte Heinrich III. seufzend, »halte es nach Deiner Phantasie, es ist mein Loos allein zu leben.«

Und der König wandte sich die Stirne gefaltet gegen seine Mutter, denn er befürchtete, sie könnte das Gespräch gehört haben, das zwischen ihm und seinem Günstling stattgefunden.

Das Gehör von Catharina war eben so fein als ihr Gesicht, wenn sie aber nicht hören wollte, so war kein Ohr härter als das ihrige.

Mittlerweilen neigte sich Joyeuse an das Ohr seines Bruders und sagte zu ihm:

»Geschwinde, geschwinde, du Bouchage, während die Räthe eintreten, schlüpfe hinter ihren großen Roben hinaus und laß uns wegschleichen; der König sagt, jetzt ja, in fünf Minuten wird er nein sagen.«

»Ich danke, mein Bruder,« erwiederte der junge Mann, »ich war wie Du, es drängte mich, wegzugehen.«

»Vorwärts, die Roben erscheinen, verschwinde zarte Nachtigall.«

Man sah in der That hinter den Herren Räthen wie zwei rasche Schatten die zwei jungen Leute entfliehen.

Hinter ihnen fiel der Vorhang mit seinen schweren Flügeln herab.

Als der König den Kopf umwandte, waren sie schon verschwunden.

Heinrich stieß einen Seufzer aus und küßte seinen kleinen Hund.

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