»Ich glaube es gesagt zu haben,« sprach der König mit einem eisigen Tone, der ohne Widerrede sein Recht als Oberhaupt und seinen Willen als Souverain hervorstellte, »ich glaube es gesagt zu haben und will es nicht wiederholen.«
Ohne den geringsten Widerstand zu äußern, häkelte Joyeuse seinen Mantel zu, legte seinen Degen an seine Schulter und nahm von einem Stuhle sein sammetenes Toquet.
»Heiliger Gott! wie viel Mühe hat man, um sich Gehorsam zu verschaffen,« brummelte Heinrich, »wenn ich zuweilen vergesse, daß ich Gebieter bin, sollte sich wenigstens Jedermann außer mir dessen erinnern.«
Joyeuse verbeugte sich stumm und eisig, und legte der Ordnung gemäß eine Hand an das Stichblatt seines Degens.
»Eure Befehle, Sire,« sagte er mit einer Stimme, die durch den Ton der Unterwürfigkeit sogleich den Willen des Monarchen in schmelzendes Wachs verwandelte.
»Du wirst Dich nach Rouen begeben,« sprach Heinrich, »wo ich wünsche. daß Du Dich einschiffest, wenn Du es nicht vorziehst, zu Land nach Brüssel zu gehen.«
Heinrich erwartete ein Wort von Joyeuse, doch dieser beschränkte sich auf eine Verbeugung.
»Ziehst Du die Reise zu Land vor?« fragte der König.
»Ich kenne keinen Vorzug, wenn es sich darum handelt, einen Befehl zu vollstrecken, Sire,« antwortete Joyeuse.
»Schmolle, schmolle, abscheulicher Charakter.« rief Heinrich. »Ah! die Könige haben keine Freunde.«
»Wer Befehle gibt, kann nur erwarten, daß er Diener findet,« erwiederte Joyeuse feierlich.
»Mein Herr,« sprach der König verletzt, »Ihr werdet also nach Rouen gehen; Ihr besteigt Eure Galeere, und sammelt die Garnisonen von Caudebec, Harfleur und Dieppe, die ich ersetzen lassen werde; Ihr beladet damit sechs Schiffe, die Ihr in den Dienst meines Bruders zu bringen habt, der die Hilfe erwartet, die ich ihm versprochen habe.«
»Meinen Auftrag, wenn es Euch beliebt,« Sire, sagte Joyeuse.
»Und seit wann handelt Ihr nicht mehr Kraft Eurer Admirals Gewalt?« erwiederte der König.
»Ich habe nur das Recht, zu gehorchen, und vermeide, so viel ich kann, jede Verantwortlichkeit.«
»Es ist gut, Herr Herzog, Ihr werdet den Auftrag in Eurem Hotel im Augenblick der Abreise erhalten.«
»Und wann wird dieser Augenblick sein, Sire?«
»Ein einer Stunde.«
Joyeuse verbeugte sich ehrfurchtsvoll und wandte sich nach der Thüre.
Dem König brach das Herz beinahe.
»Wie,« sagte er, »nicht einmal die Höflichkeit eines Abschieds! Herr Admiral, Ihr seid nicht sehr artig, das ist ein Vorwurf, den man gewöhnlich den Seeleuten macht.«
»Vielleicht werde ich mit meinem General Obersten der Infanterie mehr zufrieden sein.«
»Wollt mir verzeihen, Sire,« stammelte Joyeuse, »aber ich bin noch ein eben so schlechter Höfling, als Seemann, und ich begreife, daß Eure Majestät bedauert, was sie für mich gethan hat.«
Und er ging die Thüre heftig zumachend hinaus, während sich der Vorhang vom Winde getrieben aufschwellte.
»So lieben mich also diejenigen, für welche ich so viel gethan habe!« rief der König, »ah! Joyeuse, undankbarer Joyeuse!«
»Nun, willst Du ihn nicht etwa zurückrufen?« sagte Chicot gegen das Bett vorschreitend. »Wie! weil Du zufällig ein wenig Willen gehabt hast, bereust Du es?«
»Höre doch,« erwiederte der König, »Du bist herrlich; glaubst Du, es sei angenehm, im Monat Oktober den Regen und den Wind auf der See zu bekommen? ich möchte Dich dabei sehen, Selbstsüchtiger.«
»Es steht Dir frei, großer König, es steht Dir frei.«
»Dich zu Wasser und zu Land zu sehen?«
»Zu Wasser und zu Land, es ist in diesem Augenblick mein lebhaftestes Verlangen, zu reisen.«
»Wenn ich Dich also irgendwohin schicken wollte, wie ich Joyeuse abgeschickt habe, so würdest Du es annehmen?»
»Ich würde es nicht nur annehmen, sondern ich bitte, ich bewerbe mich darum.«
»Eine Sendung?«
»Eure Sendung.«
»Du gingest nach Navarra?«
»Ich ginge zum Teufel, großer König.«
»Spottest Du, Narr?«
»Sire, ich war schon zu meinen Lebzeiten nicht sehr heiter, und bin noch viel trauriger seit meinem Tode.«
»Aber Du weigertest Dich so eben, Paris zu verlassen.«
»Mein huldreicher Fürst, ich hatte Unrecht, großes Unrecht, und ich bereue es.«
»Und Du wünschest Paris nun zu verlassen?«
»Sogleich, erhabener König, aus der Stelle, großer Monarch.«
»Das begreife ich nicht.«
»Du hast also die Worte des Großadmirals von Frankreich nicht gehört?«
»Welche?«
»Diejenigen, in welchen er Dir seinen Bruch mit der Geliebten von Herrn von Mayenne mittheilte?«
»Ja, und hernach?«
»Wenn diese Frau, verliebt in einen reizenden Jungen wie der Herzog, denn Joyeuse ist reizend…«
»Allerdings.«
»Wenn diese Frau ihn seufzend verabschiedet, so hat sie einen Beweggrund.«
»Ohne Zweifel, sonst würde sie ihn nicht verabschieden.«
»Kennst Du nun diesen Beweggrund?«
»Nein.«
»Du erräthst ihn nicht?«
»Nein.«
»Weil Herr von Mayenne zurückkommen wird.«
»Oh! oh!« machte der König.
»Du begreifst endlich, ich wünsche Dir Glück.«
»Ja, ich begreife, aber dennoch…«
»Dennoch?«
»Dennoch finde ich Deinen Grund nicht stark genug.«
»Gib mir die Deinigen, Heinrich, ich verlange nichts Anderes, als sie vortrefflich zu finden, gib.«
»Warum brach diese Frau nicht mit Mayenne, statt Joyeuse zu entlassen? Glaubst Du, Joyeuse wüßte ihr nicht Dank genug, um Herrn von Mayenne auf den Pré-aux-Clercs zu führen und ihm dort seinen dicken Bauch zu durchlöchern; er führt einen schlimmen Degen, unser Joyeuse.«
»Sehr gut, aber Mayenne hat einen verrätherischen Dolch, wenn Joyeuse einen schlimmen Degen führt. Erinnere Dich an Saint-Mégrin.« Heinrich stieß einen Seufzer aus und schlug die Augen zum Himmel auf. »Die Frau, welche wirklich verliebt ist, will nicht, daß man ihren Liebhaber tödtet, sie zieht es vor, ihn zu verlassen, Zeit zu gewinnen, und besonders nicht sich selbst umbringen zu lassen. Man ist teufelsmäßig brutal in dem lieben Hause Guise.«
»Ah! Du kannst Recht haben.«
»Das ist ein Glück.«
»Ja, und ich fange an zu glauben, daß Mayenne zurückkehren wird; aber Du, Du, Chicot, Du bist keine furchtsame oder verliebte Frau?«
»Ich Heinrich, bin ein kluger Mann, ein Mann, der eine offene Rechnung, eine eingegangene Partie mit Herrn von Mayenne hat; findet er mich, so wird er wieder anfangen wollen; er ist ein Spieler, der einen schauern macht, dieser gute Herr von Mayenne.«
»Nun?«
»Nun, er, wird so gut spielen, daß ich einige Messerstiche bekomme.«
»Bah! ich kenne meinen Chicot, er empfängt nicht, ohne zurückzugeben.«
»Ich werde ihm zehn zurückgeben, an denen er krepiert.«
»Desto besser, dann ist die Partie zu Ende.«
»Desto schlimmer, alle Wetter! im Gegentheil: desto schlimmer, die Familie wird ein furchtbares Geschrei erheben, Du wirst die ganze Ligue auf dem Halse haben, und an einem schönen Morgen wirst Du mir sagen: »Chicot, mein Freund. entschuldigt mich, aber ich bin genöthigt, Dich rädern zu lassen.«
»Ich werde dies sagen?«
»Du wirst dies sagen, und sogar, was noch schlimmer ist, thun, großer König. Es ist mir also lieber, wenn die Sache eine andere Wendung nimmt, verstehst Du? Ich befinde mich nicht schlecht, so wie ich bin, und habe Lust, mich so zu halten. Siehst Du, alle diese arithmetischen Progressionen erscheinen mir auf den Haß angewendet gefährlich; ich werde also nach Navarra gehen, wenn Du mich dahin schicken willst.«
»Gewiß will ich es.«
»Ich erwarte Deine Befehle, huldreicher Fürst.«
Hierbei nahm Chicot dieselbe Stellung, welche Joyeuse genommen hatte, und wartete.
»Aber Du weißt nicht, ob die Sendung Dir zusagen wird,« sprach der König.
»Sobald ich Dich darum bitte…«
»Siehst Du, Chicot, ich habe gewisse Pläne einer Entzweiung zwischen Margot und ihrem Gemahl.«
»Trennen um zu herrschen,« sagte Chicot, »das war schon vor hundert Jahren das A B C der Politik.«
»Es widerstrebt Dir also nicht?«
»Geht das mich etwas an?« erwiederte Chicot, »Du wirst thun, was Dir beliebt, großer Fürst. Ich bin nur Botschafter; Du hast mir keine Rechenschaft abzulegen, und vorausgesetzt, daß ich unverletzlich bin… Ah! was das betrifft, Du begreifst, darauf halte ich.«
»Aber Du mußt auch wissen, was Du meinem Schwager zu sagen hast.«
»Ich, etwas sagen, nein, nein, nein!«
»Wie, nein, nein, nein?«
»Ich werde gehen, wohin Du willst, aber ich werde durchaus nichts sagen. Es gibt ein gewisses Sprichwort hierüber. Viel Katzen…«
»Du weigerst Dich also?«
»Derjenige, welcher das Wort führt, hat immer eine Verantwortlichkeit; derjenige welcher ein Schreiben überreicht, wird stets erst von zweiter Hand angepackt.«
»Gut, es sei, ich werde Dir einen Brief geben; das schlägt in die Politik ein.«
»Sieh ein wenig, wie sich das findet… gib.«
»Was sagst Du?«
»Ich sage: gib.«
« Und er streckte die Hand aus.
»Ah! bilde Dir nicht ein, ein solcher Brief lasse sich auf der Stelle schreiben. Er muß combinirt, überlegt, abgewogen werden.«
»Nun so wäge ab, überlege, combinire. Ich werde morgen bei Tagesanbruch vorüberkommen oder ihn abholen lassen.«
»Warum willst Du nicht hier schlafen?«
»Hier?«
»Ja, in diesem Lehnstuhl.««
»Wetter! das ist vorbei. Ich werde nicht mehr im Louvre schlafen. Ein Gespenst, das man in einem Fauteuil schlafen sehen würde, welche Albernheit!«
»Aber Du sollst doch wenigstens meine Absichten in Beziehung auf Margot und ihren Gemahl wissen,« rief Heinrich. »Du bist ein Gascogner, mein Brief wird Lärmen am Hof von Navarra machen. Man wird Dich befragen, Du mußt antworten können. Was Teufels! Du repräsentierst mich. Du sollst nicht aussehen wie ein Dummkopf.«
»Mein Gott!« erwiederte Chicot die Achseln zuckend, »wie stumpf ist Dein Geist, großer König. Wie, Du meinst, ich werde einen Brief in eine Entfernung von zwei hundert und fünfzig Meilen tragen, ohne zu wissen, was darin steht! Alle Wetter! sei unbesorgt, an der nächsten Straßenecke, unter dem nächsten Baume, wo ich anhalte, öffne ich Deinen Brief. Wie, Du schickst seit zehn Jahren Botschafter nach allen Enden der Welt, und Du weißt das nicht besser! Auf, lege Deinen Körper und Deinen Geist zur Ruhe, ich kehre in meine Einsamkeit zurück.«
»Wo ist sie, Deine Einsamkeit?«
»Auf dem Cimetière des Innocens6, großer Fürst.«
Heinrich schaute Chicot mit jenem Erstaunen an, das er seit den zwei Stunden, die er ihn wiedergesehen, noch nicht ganz aus seinem Blicke hatte verbannen können.
»Nicht wahr, das hast Du nicht Alles erwartet?« sagte Chicot, indem er seinen Hut und seinen Mantel nahm. »So ist es indessen, wenn man in Verbindung mit Leuten aus der andern Welt steht. Es ist abgemacht, morgen ich oder mein Bote.«
»Es sei, doch Dein Bote muß auch ein Losungswort haben, damit man weiß, daß er von Dir kommt und damit man ihm die Thüren öffnet.«
»Vortrefflich! Bin ich es, so komme ich von mir; ist es mein Bote, so kommt er vom Schatten.«
Nach diesen Worten verschwand er so leicht, daß der abergläubische Geist von Heinrich im Zweifel stand, ob ein Körper oder ein Schatten durch die Thüre, ohne sie krachen zu machen, unter dem Vorhange durch gegangen sei, ohne eine seiner Falten in Bewegung zu setzen.
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