Acht Tage nachher lag Luise in den letzten Zügen. Franz Guichard saß auf einer hölzernen Bank vor seiner Thüre und schaute in der Richtung von Champigny, ab der Arzt nicht komme. Vom Skepticismus in Bezug auf die medicinischen Wissenschaften zum Aberglauben übergehend, wollte er sich dem Doctor zu Füßen werfen, ihn anflehen sein armes Weib zu retten, ihm sein eigenes Leben für das der Kranken anbieten, als er bei einem Blick rückwärts nach der Fähre eine kleine Gruppe von Leuten bemerkte die auf ihn zu kamen.
Voran schritten der Schwarze der acht Tage vorher gekommen war und der Verwalter des Prinzen hinter ihnen kamen die zwei Aufseher und drei Gendarmen.
Sie näherten sich dem Fischer-.
– Seid Ihr Franz Guichard? Fragte der Anführer.
– Habt Ihr denn nicht mehr Gedächtniß als ein Weißfisch, wenn Ihr mich nicht kennt? Erst vor acht Tagen habt Ihr mich dasselbe gefragt, und da habe ich Euch geantwortet daß ich allerdings Franz Guichard heiße.
– Gut. Seid Ihr bereit der Aufforderung die ich Euch überbrachte Folge zu leisten?
Der Fischer zuckte die Achseln.
– Mein armes Weib liegt am Sterben, sagte er; ich habe keine Zeit mich mit solchen Narrenpossen abzugeben; kommt in acht Tagen wieder; bis dahin wird sie besser sein, und man wird Euch antworten.
Jetzt war es der Mann des Gesetzes der die Achseln zuckte.
– Das geht nicht so wie Ihr es wünschet, mein Kamerad; Ihr habt acht Tage Zeit gehabt um Eure Vertheidigung und Eure Einwendungen vorzubringen; Ihr habt es nicht gethan und deßhalb müßt Ihr noch heute den Platz räumen.
– Den Platz räumen! rief der Fischer, dessen Stimme drohend und zitternd wurde.
– Ja! und wenn Ihr es nicht freiwillig thut, so werden wir Euch dazu zwingen.
– Tausend Donnerwetter! rief Franz Guichard, tretet nicht hinein, sonst spalte ich Euch den Kopf mit meiner Axt . . Ha! die Lumpenhund! die Lumpenhunde! sie werden noch mein armes Weib· aufwecken.
– Versuchet keinen Widerstand, denn er wäre nutzlos, sagte der Huissier; Ihr sehts, wir sind die Mehrzahl.
– Machet doch keine Umstände mit diesem Elenden, sagte einer der Aufseher; wenn er sich regt, so werden wir ihn schon zur Ordnung bringen.
Die Aufseher luden ihre Flinten.
Franz Guichard wollte auf sie losstürzen, aber er dachte an Luise; wenn er getödtet wurde, so mußte sie unfehlbar sterben. Er bewältigte seinen Zorn und raufte sich seine grauen Haare büschelweise aus.
– Mein Gott! mein Gott! sagte er; habt Ihr denn nicht gehört daß drinnen eine Frau in den letzten Zügen liegt?
– Bah! Bah! sagte einer der Aufseher, der Teufel ist ein guter Arzt, er verläßt seine Diener nicht.
Der Fischer blieb unempfindlich gegen diese Spötterei.
– Laßt mich noch acht Tage in diesem armseligen Häuschen bleiben; in acht Tagen muß das Schicksal Luisens entschieden sein; wenn Gott sie zu sich ruft, so werde ich diese alten Mauern sehr gern verlassen: wenn er mir erlaubt sie zu behalten, so werde ich wenigstens Zeit gehabt haben ein anderes Obdach für sie zu suchen.
»In der Stimme des Fischers lagen so viele zusammengehaltene und zurückgedrängte Thränen, daß der Huissier, so sehr er auch an solche Scenen gewöhnt sein mochte, gerührt wurde; er wandte sich gegen die Aufseher, als wollte er fragen ob man dem Unglücklichen nicht die geringfügige Gnade gewähren solle die er flehte.
– Nein, antwortete der Vornehmste unter der Gruppe in rauhem Tone. Der Herr Prinz will morgen in Varenne jagen: der Platz muß von diesem Ungeziefer gesäubert werden. Vollziehen Sie Ihren Befehl.
– Ich sage Euch daß Ihr nicht hineinkommen sollt, rief Franz Guichard.
In diesem Augenblick hörte man Luise, die erwacht war.
– Franz! Franz! sagte sie, was gibt es denn? Warum streitest du mit diesen Herrn? Komm doch herein, laß mich nicht allein, ich fürchte mich.
Diese kläglichen Töne machten den Fischer schwindelig; ein verworrenes Gesumme brauste in seinen Ohren, tausend Feuerfünkchen hüpften vor seinen Augen umher, er verlor den Kopf.
– Ha! ihr elenden Gesellen! rief er, ihr wollt sie tödten, und ihr geht zu sieben auf einen einzigen Mann los! Aber gleichviel, ihr kommt nicht hinein, sage ich euch. Der Erste der einen Schritt thut fällt von meiner Hand.
So sprechend hatte der Fischer sich vor seiner Thüre aufgestellt, indem er eine kleine Axt schwang womit er Holz zu spalten pflegte.
Auch die Entschlossensten wichen zurück.
Simonneau, den sein anererbter Haß gegen die Guichards trieb, warf sich ganz allein vorwärts. Die Axt war aufgehoben; sie fiel, nicht auf den Aufseher, sondern auf die Flinte welche dieser gegen seinen Feind zu gebrauchen versuchte; die Waffe entfuhr, etwas unter dem Griff entzweigespalten, den Händen Simonneaus, und die Erschütterung war so heftig, daß beide Hähne zuschnappten, beide Schüsse zugleich losgingen, und daß das Blei, sich zu einer Kugel ballend, zwei Löcher in die Thüre schlug vor welcher der Fischer stand, jedoch ohne ihn zu verletzen.
Bei dieser doppelten Explosion erscholl lautes Geschrei aus der Hütte; es kam von der Sterbenden und der zum Tod geängsteten kleinen Huberte.
Franz Guichard wartete einen zweiten Angriff nicht ab, sondern stürzte auf seine Gegner los.
Der arme Gerichtsdiener mußte den ersten Anprall aushalten.
Der Fischer versetzte ihm mit seiner Schulter einen so derben Stoß, daß er rücklings auf das Ufer fiel, den ganzen Abhang hinabrollte und zuletzt förmlich in den Fluß plumpste. Der Verwalter und ein Gendarm, denen es nicht unlieb war den Püffen eines so furchtbaren Angreifers ausweichen zu können, eilten dem Mann des Gesetzes zu Hilfe. Der Kampf blieb auf die beiden Kameraden des letzteren und die Aufseher beschränkt; aber was sie auch thun mochten, sie konnten den Fischer nicht festnehmen; seine herculische Stärke spottete aller ihrer Anstrengungen. Sie mußten zurückweichen.
In diesem Augenblick trat der Fährmann auf Franz Guichard zu.
– Fliehe, Franz, fliehe! sagte er zu ihm; Du hast Dich da in einen bösen Handel eingelassen; Du kannst zwei Gendarmen in die Pfanne bauen, aber Du wirst zehn und zwanzig nicht bezwingen, und im Nothfall würde man die ganze Garnison von Vincennes gegen Dich ausschicken. Flieh also, wir wollen Deine Luise zu uns hinüberschaffen; wir werden sie so gut verpflegen als Du selbst thun könntest; darum flieh, wenn Du sie je wieder zu sehen wünschest.
Der Fischer riß sich eine Hand voll Haare aus, aber er sah ein daß der Rat des Fährmanns vernünftig war. Die Gegner von Franz Guichard bildeten ihre Reihen wieder und zeigten sich fest entschlossen den Angriff zu erneuern.
Es war also keine Zeit zu verlieren. Der Fischer warf einen letzten Blick in seine arme Wohnung und sah, aber nur undeutlich, die Silhouette seiner Frau gleich einem weißen Gespenst auf dem schwärzlichen Grund und der Serschevorhänge sich abheben; sie saß mit verstörten Augen und zerzausten Haaren auf ihrem Bett und hörte voll Angst auf das Getöse des Kampfes das bis zu ihr gedrungen war. Er rief ihr zu:
– Bald, Luise, bald!
Dann umging er das Gehege und lief aus Leibeskräften querfeldein.
Aufseher und Gendarmen verfolgten ihn aufs Hartnäckigste, während der Gerichtsdiener und der Verwalter, gleich erbittert über den Widerstand und über das Bad welches der Erstere genommen hatte, ihr trauriges Geschäft vollzogen. Sie durchstreiften den Wald bis in die Nacht, aber der Fischer entging allen Nachforschungen; er war blos durch das Gehau gelaufen und sodann in den Fluß gestiegen an einem Platz wo eine dichte Gruppe von Pappeln seine Ufer verdeckte: er war bis an den Hals ins Wasser getreten, hatte seinen Kopf unter einer überhängenden Weidenwurzel versteckt und sich dadurch für alle Welt, ausgenommen für seine alten Bekannten, die Fische, unsichtbar gemacht.
Franz Guichard blieb da wie eine Otter zusammengekauert bis zum Abend, befand sich aber in der heftigsten Aufregung; vergebens sagte er sich daß der Fährmann Mathias seine Luise so zärtlich verpflegen würde wie nur je ein Sohn seine Mutter verpflegt habe, und daß seine Rückkehr zur Fähre sowohl den Zustand seiner Frau als seine eigene Lage blos verschlimmern könnte; seine Unruhige und Bangigkeit wurde so qualvoll, daß sein sonst so solider und dem Wirklichen zugekehrter Verstand auf Augenblicke aus den Fugen wich. Die Fluthen in ihrem Geroll schienen Ihm Klagen zu murmeln; er sah menschliche Gestalten zwischen den cristallenen Wellen umherschleichen die vor ihm dahinflossen; er hörte von den Glockenthürmen aller Dörfer der Umgebung Todtengeläute.
Als die Nacht gekommen war, setzte er so viel als möglich schwimmend über den Fluß, erreichte das Ufer von Chennevière und ging hinab bis er seiner Wohnung gegenüber kam.
Als er die Pappelbäume und die schattigen Massen der großen Insel hinter sich hatte, fiel ihm eine Centnerlast vom Herzen.
Er bemerkte aus dem andern Ufer sein Häuschen, das sich schwarz auf dem röthlichen Grund abhob welchen der Himmel in der Gegend von Paris selbst in den dunkelsten Nächten behält.
Dort stand es, aufrecht, unversehrt zwischen den zwei Bäumen die seine Facade zeigten, und aus seinem Kamin stiegen Rauchsäulen auf, welche das Leben im Innern der Hütte verriethen.
Man hatte es also nicht zerstört, wie man ihm zu verstehen gegeben.
Man sah nicht blos Rauch, sondern man sah auch die Fensterchen über der Thüre gleich Diamanten funkeln.
Man hatte also die arme Kranke nicht aus ihrer Wohnung vertrieben; man hatte Mitleid mit ihr gehabt.
Franz Guichard, der Abkömmling der Wilddiebe bei welchen die Ungläubigkeit erblich war, warf sich auf seine Kniee und betete aus vollem Herzen.
Da er nun überzeugt war daß Gott, der kaum erst so viel für ihn gethan, ihn nicht mehr verlassen könne, so sprang er mit großem Getöse und ohne die geringsten Vorsichtsmaßregeln in den Fluß.
Mit zehn Stößen befand er sich am andern Ufer und und wollte eben auf sein Häuschen zulaufen, als ein Gedanke ihm durch den Kopf fuhr.
Wenn hinter dieser Ruhe, dieser Beleuchtung ein Fallstrick läge!
Das Haus des Fährmanns stand fünfzig Schritte entfernt, aber Franz Guichard konnte es nicht über sich gewinnen so weit auf Erkundigungen auszuziehen, während sein eigenes Haus ganz in der Nähe und in demselben ohne Zweifel Luise war.
Er legte sich auf seinen Bauch und kroch wie eine Schlange; so kam er an die Hütte, richtete dann langsam seinen Kopf bis zur Höhe des Fensters empor das den Fluß abwärts schaute, und warf einen Blick in das Innere des Hauses.
So wenig Franz Guichard für heftige Eindrücke geeignet war, so brachte ihn doch das was er jetzt sah in eine solche Bestürzung als wäre er plötzlich ins Thal Josaphat versetzt worden, oder als hätte er in den Wolken die furchtbare Trompete des jüngsten Gerichts erschallen gehört.
Das Fenster an welches er sich zur Beobachtung gestellt hatte stand dem Bett gegenüber; in diesem Bett hatte er Luise gesucht und er hatte eine vollständig in ein weißes Tuch eingehüllte menschliche Gestalt gesehen.
Bei diesem Anblick blieb er eine Minute lang stumm und starr vor Entsetzen stehen.
Die Helle der beiden Kerzen die um das Crucifix her brannten, und die neben diesem Todtenbett auf einem Stuhle stehende Weihwasserschale hoben die Formen des Leichnams ungemein hervor; die Gesichtszüge zeichneten sich deutlich auf dem Leintuch ab: man hätts glauben können eine Marmorstatue vor sich zu haben.
Das Feuer flammte lebhaft und lustig im Kamin; Mathias der Fährmann saß auf einem Schemel; er hielt die kleine Huberte auf seinem Schoß und gab ihr in kleinen Löffeln voll von der Suppe zu essen die er aus einem Napf in der Ecke des Kamins schöpfte.
Diese ungewohnte Beleuchtung belustigte das Kind; es suchte durch sein Geplauder die Stirne des Fährmanns zu entrunzeln, der in Gram versunken schien.
Franz Guichard sah Nichts von den Nebenpartien dieses Gemäldes; seine Augen blieben auf den Leichnam wie auf ein Gespenst geheftet; durch die Umhüllung hindurch sah er Luise so wie sie wirklich unter dem Schweißtuche war, mit ihren langen gesenkten Wimpern, ihrem halboffenen Mund, ihren geschlossenen Zähnen, ihren etwas zusammengezogenen Nasenflügeln und ihrer elfenbeinweißen Haut; aber sein Herz wollte sie nicht erkennen; er sagte: »Nein, nein, sie ist es nicht.«
Der arme Fischer stürzte auf die Thüre zu, stieß sie heftig auf, trat ein, und ohne sich um die kleine Huberte zu bekümmern, die ihm ihre Aermchen entgegenstreckte, riß er das Leintuch vom Gesicht der Todten weg.
Seine Augen hatten ihn in ihrem übernatürlichen Scharfblick nicht getäuscht: es war wirklich Luise Pommereuil die da lag.
Franz Guichard ergriff die Hand seiner Frau und behielt sie bis zum Tag in der seinigen, indem er sie mit seinen Küssen und Thränen bedeckte.
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