Regis de Cambacérès war damals ein Mann von sechsundvierzig bis siebenundvierzig Jahren, also vier bis fünf Jahre älter als Napoleon. Er war sanft und wohlwollend von Charakter und ein gelehrter Jurist. Er war anfangs Steuerrath gewesen und 1792 Mitglied des Convents geworden. Am 19. Jänner 1793 hatte er für den Aufschub der Hinrichtung des Königs gestimmt, und 1794 war er Präsident des Wohlfahrtsausschusses geworden. Im Jahre1795 hatte er das Portefeuille der Justiz erhalten; 1799 hatte ihn Bonaparte zum zweiten Consul gewählt, und endlich im Jahre 1804 war er zum Erzkanzler ernannt, zum Reichsfürsten erhoben und mit dem Titel eines Herzogs von Parma beschenkt worden.«
Cambacérès war von mittler Größe und zur Beleibtheit geneigt; dabei ein Feinschmecker, elegant, vornehm in Haltung und Benehmen. Er hatte sich die Hofmanieren mit ungemeiner Schnelligkeit und Leichtigkeit angeeignet und sich dadurch beidem großen Erneuerer des socialen Gebäudes sehr beliebt gemacht.
Ueberdies hatte er in den Augen Napoleons noch ein anderes Verdienst. Cambacérès hatte wohl eingesehen, daß der große Mann, dereinst sein vertrauter Freund gewesen und nun sein Monarch geworden war, Anspruch auf seine Ehrerbietung hatte. Ohne gerade unterwürfig zu seyn, ohne sich zum Schmeichler herabzuwürdigen, beobachtete er gegenüber dem Erwählten des Schicksals, der damals in ganz Europa gefürchtet wurde, die Haltung eines aufrichtigen Bewunderers.
Eine Viertelstunde hatte ihm genügt, um eine Toilette zu machen, die in einem Kreise von Hofleuten tadellos gewesen wäre, und obgleich mitten im Schlafe geweckt, erschien er um halb drei Uhr Früh eben so heiter und munter, als ob ihn der Kaiser um sieben Uhr Abends, nach dem Diner hätte rufen lassen.
Aber das Gesicht des Kaisers war keineswegs so freundlich wie das seinige. Der Erzkanzler, etwas betroffen, machte eine Bewegung, die einem Rückzuge nicht unähnlich war.
Napoleon, dessen Adlerblick, die größten und die kleinsten Dinge nicht entgingen, errieth die Ursache dieser plötzlichen Betroffenheit und sagte mit herzgewinnender Freundlichkeit:
»O, kommen Sie, kommen Sie, Herr Erzkanzler, Ihnen zürne ich nicht.«
»Und ich hoffe, daß Ew. Majestät mir nie zürnen werden,« antwortete Cambacérès, »denn Ihre Ungnade würde mich sehr unglücklich machen.«
Der Kammerdiener entfernte sieh, die Armleuchter zurücklassend.
»Constant,« sagte der Kaiser zu ihm, »schließen Sie die Thür, bleiben Sie im Vorzimmer und führen Sie die Person, die ich erwarte, in den grünen Salon.«
Dann wandte er sieh wieder zu Cambacérès und sagte tief aufathmend: »Ach! da bin ich wieder in Frankreich, inden Tuilerien! Wir sind allein, Herr Erzkanzler, und können ganz offen reden.«
»Sire,« sagte der Erzkanzler, »abgesehen von der Ehrerbietung, die meinen Worten Schranken setzt, spreche ich nie anders mit Ew. Majestät.«
Der Kaiser sah ihn scharf an.
»Sie mühen sich ab, Cambacérès; Andere suchen sich geltend zu machen und an dasselbe Tageslicht zu treten, Sie hingegen treten immer weiter in den Schatten. Das gefällt mir nicht. Bedenken Sie, daß Sie nach mir der erste Mann im Staate sind.«
»Ich weiß, daß Ew. Majestät mich nach Ihrer Güte und nicht nach meinen Verdiensten behandelt haben.«
»Sie irren sich, ich habe Sie nach Ihrem Werthe behandelt, und deshalb habe ich Ihnen die Einrichtung der Gesetzpflege übertragen. Aber das Criminalgesetzbuch wird nicht gefördert; ich hatte Ihnen gesagt, daß es im Jahre 1808 beendet werden sollte, und heute haben wir den 22. Jänner1809. Der gesetzgebende Körper ist während meiner Abwesenheit versammelt geblieben, aber das Gesetzbuch ist nicht fertig, und wird vielleicht noch nicht in drei Monaten beendet. «
»Erlauben mir Ew. Majestät, über diese Angelegenheit offen zu reden?« fragte der Erzkanzler.
»Das versteht sich, Cambacérès sagte der Kaiser.
»Sire, ich bemerke nicht mit Besorgniß – denn so,lange Ew. Majestät das Scepter oder Schwert halten, fürchte ich nichts – aber mit Bedauern, daß sich überall ein Geist der Unruhe und Zügellosigkeit zu zeigen beginnt . . .«
»Ich weiß es,s erwiederte Napoleon, »und bin hierher geeilt, um zugleich diesen Geist und die Oesterreicher zu bekämpfen.«
»Zum Beispiel der gesetzgebende Körper, Sire . . .«
»Der gesetzgebende Körper!« wiederholte Napoleon, die Achseln zuckend.
»Der gesetzgebende Körper,« fuhr Cambacérès fort, ohne sich irr machen zu lassen,« brachte früher nur eine schwache Opposition von zwölf bis fünfzehn Stimmen zusammen; jetzt bietet er uns die Spitze, zweimal waren bei der Abstimmung achtzig, und einmal hundert schwarze Kugeln . . .«
»Ich bebe die gesetzgebende Versammlung auf!«
»Nein, Sire, wählen Sie, wählen Sie einen Moment wo sie günstiger gestimmt ist. Aber Ew. Majestät müssen in Paris bleiben; wenn Sie hier sind, geht Alles gut.«
»Ich weiß es, aber leider kann ich nicht hier bleiben.«
»Das ist nicht gut.«
»Sie haben Recht, Cambacérès . . . Ich werde daran denken; wenn ich’s vergessen sollte, so erinnern Sie mich daran.«
»Ew. Majestät sagten, daß Sie nicht in Paris bleiben können . . .«
»Glauben Sie denn, ich sey in vier Tagen von Valladolid gekommen, um hier zu bleiben? Nein, in drei Monaten muß ich in Wien seyn.«
»O! Sire,« sagte Cambacérès mit einem Seufzer, »immer Krieg?«
»Diese Sprache hätte ich von Ihnen nicht erwartet, Cambacérès. . . mache ich denn den Krieg
»Sire, der Krieg in Spanien . . .«
»Ja, den vielleicht. Aber warum hatte ich ihn unternommen? weil ich des Friedens in Norden versichert zu seyn glaubte, Mit Rußland verbündet, mit Westphalen und Holland verbrüdert, mit Baiern befreundet, von Preußen, dessen Armee auf 40,000 Mann zusammengeschmolzen ist, nichts befürchtend, konnte ich ahnen, daß Oesterreich, dessen Adler nach dem Verlust Italiens nur noch einen Kopf hat, im Stande seyn werde, 500,000 Mann gegen mich zu bewaffnen? Es scheint wahrlich der Lethe, und nicht die Donau bei Wien zu fließen; denn man hat die frühern Erfahrungen vergessen, aber die neuen Erfahrungen, die man machen wird, sollen nicht so leicht vergessen werden, dafür stehe ich. Ich will den Krieg nicht, ich habe kein Interesse dabei, und Europa ist mein Zeuge, daß mein ganzes Streben, meine ganze Aufmerksamkeit auf das von den Engländern gewählte Schlachtfeld, nemlich auf Spanien, gerichtet war. Oesterreich, das die Engländer schon einmal im Jahre1805 rettete,. als ich über die Meerenge von Calais gehen wollte, rettet sie wieder, indem es mich in dem Augenblick aufhält,wo ich im Begriffe war, sie ins Meer zu werfen. Ich weiß wohl, daß sie an einem andern Orte wieder zum Vorscheinkommen, wenn sie verschwinden; aber England ist nicht wie Frankreich, eine kriegerische Nation, es ist ein Handelsvolk – Karthago ohne Hannibal. Ich würde es endlich geschwächt oder zur Herbeiziehung seiner Truppen aus Indien gezwungen haben, und wenn nur der Kaiser Alexander Wort hält, o! dann soll Oesterreich diese Seitenwendung theuer bezahlen! Es muß entweder auf der Stelle seine Truppen entlassen, oder einen Vernichtungskrieg gewärtigen. Wenn es mich über seine künftigen Absichten beruhigt, so stecke ich selbst das Schwert in die Scheide; denn freiwillig ziehe ich es nur in Spanien, und gegen die Engländer. Wenn nicht, so lasse ich 400,000 Mann gegen Wien rücken, und in Zukunft wird England keine Bundesgenossen mehr auf dem Continent haben.«
»400,000 Mann?« fragte Cambacérès.
»Sie möchten gern wissen, wo sie sind, nicht wahr?«
»Ja, Sire, ich sehe kaum 100,000 über die Sie jetzt verfügen könnten.«
»So! man fängt an, meine Soldaten zu zählen, und Sie, Herr Erzkanzler, sind der erste Zweifler!«
»Sire! . . .«
»Man sagt, es sind nur 200,000, nur 150,000, nur 1000 Mann da. Der Feldherr wird schwach, er hat nur noch zwei Armeen; jetzt ist der günstige Zeitpunkt, den wir benützen müssen . . . Die Leute irren sich.« – Napoleon berührte die Stirne mit der Hand, »hier ist meine Kraft,« er streckte beide Arme aus, – »und dies sind meine Kriegsheere . . . Sie wollen wissen, wie ich 400,000 Mann zusammen bringen werde? Ich will’s Ihnen sagen. . . nicht um Ihretwillen, Cambacérès, Sie vertrauen vielleicht noch meinem Glücksstern, ich will’s Ihnen sagen, damit Sie es Anderen wieder sagen. Meine Rheinarmee besteht aus einundzwanzig Infanterieregimentern von je vier Bataillonen; sie sollten je fünf Bataillone stark seyn, aber eine Täuschung wäre hier nicht am rechten Ort. Es sind also 84 Bataillone, das ist 70,000 Mann Infanterie. Außerdem habe ich meine drei Divisionen St. Cyre, Legrand, Bouvet; diese sind nur drei Bataillone oder 30,000 Mann stark. Es sind also 100,000 ohne die 5000 Mann der Division Dupas. Ich habe vierzehn Regimenter Kürassiere, welche 12,000 Reiter in ihren Reihen zählen, und sich mit den in den Depots befindlichen auf 14,000 bringen lassen. Ich habe 17,000Mann leichte Infanterie; außerdem kann ich aus dem Süden leicht 5 bis 6000 Dragoner kommen lassen. Wir haben also schon 100,000 Mann Infanterie und mehr als 30,000 Reiter.«
»Sire, das macht zusammen erst 130,000 Mann, Ew. Majestät sagten 400,000.«
»Warten Sie nur, dazu kommen 20,000 Mann Artillerie, 20,000 Mann Garde, 100,000 Deutsche.«
»Alles dies, Sire, macht erst 270,000 Mann«
»50.000 nehme ich von meiner italienischen Armee, sie marschiren durch Steiermark und vereinigen sich in Baiern mit mir. Rechnen Sie dazu 10,000 Italiener und 10,000 Franzosen, die ich aus Dalmatien herbeiziehe und wir haben70,000 Mann mehr.«
»Zusammen also 340,000 Mann«
»New Geduld, Sie werden sehen, daß wir mehr zusammen bringen, als wir brauchen.«
»Ich weiß nicht, Sire, woher Sie die übrigen nehmen werden.«
»Sie vergessen meine Conscribirten, Herr Erzkanzler; Sie vergessen, daß Ihr Senat im September vorigen Jahres zwei Aushebungen bewilligt hat.«
»Ja wohl, Sire: die eine von 1809 ist schon unter den Waffen, und die von 1810 darf nach dem Gesetz im ersten Jahre nur im Innern des Landes dienen.«
»Ganz recht, aber glauben Sie, daß 80,000 Mann für 115 Departements genügen? Nein, ich bringe die Aufhebung auf 100,000, und lasse je 20,000 aus den Classen von 1809, 1808, 1807 und 1806 einberufen: das macht 20,000 Mann von 20 bis 23 Jahren, während die von 1810 erst 18 Jahre alt sind, und ich habe Zeit, diese heranwachsen zu lassen.«
»Sire, die 115 Departements liefern jährlich nur 337,000 Mann im dienstfähigen Alters 100,000 Mann wären mehr als der vierte Theil dieses Contingents, und es gibt keine Bevölkerung, die nicht bald zu Grunde geht, wenn man ihr jedes Jahr den vierten Theil der jungen Männer nimmt . . .«
»Wer sagt Ihnen denn, daß man sie ihr jedes Jahr nehmen wird? Ich nehme sie von vier Jahren, und befreie die früheren Classen; einmal ist nicht immer. Diese 80,000 Mann lasse ich durch meine Garde einüben und ausbilden; sie versteht sich darauf, es ist für sie eine Arbeit von drei Monaten. Im April werde ich mit 400,000 Mann an der Donau stehen, dann wird Oesterreich wie heute meine Legionen zählen, und wenn es mich zwingt loszuschlagen, so wird Europa erschrecken vor den Streichen, die ich führen werde.«
Cambacérès seufzte und fragte: »Haben Ew. Majestät sonst nichts zu befehlen?«
»Der gesetzgebende Körper soll sich morgen versammeln.«
»Sire, er hält seit Ihrer Abreise Sitzung.«
»Es ist wahr; morgen werde ich mich einfinden und ihm meinen Willen kundgeben.«
Cambacérès entfernte sich. Aber er kehrte wieder um und sagte: »Ich sollte Ew. Majestät an einen gewissen General Mallet erinnern.«
»Ja, es ist wahr, aber ich will erst mit Herrn Fouché reden Sagen Sie, wenn Sie durch das Vorzimmer gehen, daß ich Herrn Fouché zu sprechen wünsche; er muß im grünen Salon seyn.«
Cambacérès verneigte sich; als er an der Thür war, rief ihm Napoleon sehr freundlich nach: »Adieu, lieber Erzkanzler!«
Cambacérès entfernte sich beruhigter für sich selbst, aber in großer Besorgniß für Frankreich
Als er fort war, ging Napoleon mit starken Schritten im Zimmer auf und ab. Seit neun Jahren der Regierung— denn das Consulat hatte sich von einer monarchischen Regierung kaum unterschieden – hatte er trotz der Bewunderung, die er einflößte, zuweilen offenen Tadel, sogar Anfeindungen erfahren, aber nie war ein Zweifel laut geworden. Jetzt zweifelte man an seinem Glücksstern, und dieser Zweifel war zuerst in seiner Armee, in seiner Garde, bei seinen alten Kriegern laut geworden. Die verhängnißvolle Capitulation von Baylen hatte seinem Ruhm den ersten furchtbaren Stoß gegeben. Varus hatte sich wenigstens mit seinen drei Legionen, die Augustus von ihm zurückverlangte, niederhauen lassen. Varus hatte sich nicht ergeben. Schon in Valladolid wußte Napoleon alles was Cambacérès soeben gesagt hatte, und noch andere Dinge. Tags vor seiner Abreise hatte er Musterung über seine Grenadiere gehalten; er wußte daß diese Prätorianer gemurrt hatten, daß sie in Spanien bleiben sollten, und wollte diese von der Sonne Italiens und Egyptens gebräunten Gesichter in der Nähe sehen, um zu wissen, ob sie die Vermessenheit haben würden, unzufrieden zu seyn. Er stieg vom Pferde und ging zu Fuß durch ihre Reihen. Die Grenadiere präsentirten düster und schweigend das Gewehr, nicht ein einziger Ruf: »Es lebe der Kaiser!« wurde gehört; ein einziger Soldat sagte leise: »Sire, nach Frankreich!«
Das hatte Napoleon erwartet. Er riß ihm das Gewehr aus den Händen und schleppte ihn vor die Fronte.
»Taugenichts!« sagte er zu ihm. »Du verdientest, daß ich Dich erschießen ließe! – Ich weiß wohl,« sagte er laut zu dem ganzen Corps, »Ihr wollt nach Paris zurück, um daselbst euer Schlaraffenleben und eure Dirnen wiederzufinden. Doch daraus wird nichts, Ihr bleibt unter den Waffen bis eure Zöpfe schneeweiß sind« ’
Er warf dem Grenadier das Gewehr wieder in die Arme. Der Soldat ließ es vor Schmerz fallen.
In diesem Augenblicke der Erbitterung bemerkte er den General Legendre, der die Capitulation von Baylen mit unterzeichnet hatte. Er ging mit zornglühenden Blicken auf ihn zu. Der General blieb stehen, als ob seine Füße in der Erde Wurzel geschlagen hätten.«
»Ihre Hand, General,« sagte er.
Der General streckte zagend die Hand aus. »Ich begreife nicht,« sagte Napoleon, indem er sie betrachtete, »daß diese Hand, als sie die Capitulation von Baylen unterzeichnete, nicht verdorrt ist!«
Und er wandte sich mit dem Ausdrucke der Verachtung ab, wie von einem Verräther.
Der General, der die Capitulation nur auf höhern Befehl unterzeichnet hatte, war wie vernichtet.
Napoleon stieg wieder zu Pferde und ritt nach Valladolid zurück, von wo er, wie erwähnt, am folgenden Tage nach Frankreich abreiste.
Er war in dieser Stimmung, als sich die Thür wiederaufthat und der Thürsteher meldete:
»Se. Excellenz der Polizeiminister.«
Das blasse Gesicht Fouché’s erschien zögernd und furchtsam in der Thür.
»Ja, Herr Fouché,« sagte Napoleon, »ich begreife wohl, daß Sie zögern, vor mir zu erscheinen.«
Fouché gehörte zu den Charakteren, die vor der unbekannten Gefahr zurückbeben, aber darauf losgehen oder sie erwarten, sobald sie eine Gestalt angenommen hat.
»Ich, Sire?« erwiederte er, seinen Kopf mit den gelblichen Haaren, mit der blassen Gesichtsfarbe, mit den Vergißmeinnichtaugen und dem großen Munde aufwerfend; »warum sollte ich, der Kartätschenmann von Lyon, Bedenkentragen, mich vor Ew. Majestät zu zeigen?«
»Weil ich kein Ludwig XVI. bin!«
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