Читать бесплатно книгу «Die Extrafahrt» Adolf Mutzelburg полностью онлайн — MyBook
cover

Die Bahnhofs-Uhr mahnte mich überdies zur Eile. Drei Viertel auf zehn Uhr war schon vorüber, und ich Neuling glaubte, der Zug würde wirklich um zehn Uhr abgehen. Ich sprang mit meinem Reisetäschchen aus der Droschke. Meine Unbekannte war schon ausgestiegen. Ihre Gestalt war mittelgroß, so angenehm, wie ich vermuthet. Ein alter Herr und eine alte Dame waren ihre Begleiter, entweder die Eltern oder Verwandte.

Vorn an der Casse empfingen mich meine drei Reisegefährten. Ein entsetzliches Gewühl herrschte in dem sonst so bequemen Raume. Im Nu hatte ich meine Dame aus den Augen verloren und drängte mich der Casse zu.

Zweite Classe? Nicht wahr? rief ich Murchel zu.

Natürlich! antwortete er. Machen sie nur!

Das Billet war gelöst, die Paßkarte producirt. Thörichte Leute! Es gab deren, die im Geheimen murrten, daß man sie auch bei einem Extrazuge vorzeigen müsse. Absichtliche Verblendung! Kann uns das Wohlwollen der Polizei mit einem angenehmeren Talismann beglücken? Kann man sicherer reisen, als im Schutz einer Paßkarte, die uns die sicherste Gewähr bietet, daß welches Unglück auch über uns hereinbrechen möge. eine höhere Hand schützend über uns schwebt? Cook wäre sicherlich nicht erschlagen worden, hätte er sich mit seiner Paßkarte bei den Indianern des Archipels legitimiren können, Franklin würde nicht vergebens gesucht werden, hätte er seine Paßkarte bei Eskimos deponirt und auf diese Weise Identität festgestellt, und ich habe starken Grund, zu vermuthen, daß die glücklichen Erfolge D. Barthʼs zum großen Theil durch den Umstand unterstützt wurden, daß er sich bei Zeiten in den Besitz eines so schätzbaren Amulets zu setzen gewußt. Ueberhaupt habe ich bei dieser Gelegenheit mit Bedauern die moral-philosophische Bemerkung gemacht, daß nur diejenigen über die Paßkarten murrten, die keine hatten, oder bei denen sie nicht in Ordnung waren. Eine traurige Welt!

Nun nach dem Perron! Neues Gewühl, neues Drängen nach guten Plätzen. Endlich sind sie gefunden. Wir sitzen in einem guten Coupé. Gott sei Dank!

Und Gott sei Dank sagen auch meine Leser! Still, Still, keine Schmeicheleien, keine Einwendungen! Ich kenne das menschliche Herz genug, ich habe die Schwäche der sterblichen Natur genugsam durchforscht, um zu wissen, woran ich bin. Und war es übrigens meine Schuld, daß ich nicht eher in das Coupé gelangte? Also keine Schmeicheleien, ich bitte darum! Der Leser kennt meine Ansichten in dieser Beziehung, und ich erlaube mir jetzt, ihm meine Reisegefährten vorzustellen.

Zuerst Herr Murchel, Weinhändler en gros, Inhaber der Firma Gotthold Abraham Murchel u. Comp., zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt, fünf Fuß hoch, drei Fuß im Durchmesser, d. h. nur in der Magengegend, sehr jovial, gutmüthig, wie alle dicken Leute, ehrlich und bieder, mit heller Cravate, heller Weste und modernem Hut, als wolle er unter den Linden spazieren gehen – die lustigen kleinen Augen von angenehmer Aufregung und Erwartung der zukünftigen Dinge strahlend. Diese Zukunft wird auch dazu dienen, die anderweitigen Tugenden Herrn Murchelʼs in das gebührende Licht zu setzen. Gleich vielen großen Männern imponirt er mehr durch seine Thaten, als durch seine Persönlichkeit.

Zweitens Herr Joseph Kitschotutsch, Papierhändler, mit dem eigenthümlichen und einschmeichelnden Beinamen »Vampyr«. Ungefähr vierzig Jahre alt, schlank, mit grauem Haar, dito Bart, und Backen, die immer das Ansehen hatten, als ob sie geschwollen wären, was sie in der That auch waren. Pflanzer-Anzug, d. h. Strohhut, heller Rock und dito Beinkleider. Charakter: ohne hervorstechende Eigenschaften wie es sich für einen Papierhändler ziemt. Besondere Kennzeichen: ahmt den sächsischen Dialekt nach, wenn er guter Laune ist, und unterläßt es nie, sowohl dieses edelste Idiom deutscher Zunge, als die deutsche Muttersprache überhaupt mit Fremdwörtern zu versehen, die zwischen seinen Lippen eine fast unkennbare Gestalt annehmen. Woher er den Namen »Vampyr« erhalten, ist noch bis heute zweifelhaft. Vielleicht haben seine geschwollenen und gerötheten Backen die erste Veranlassung dazu gegeben, vielleicht auch seine eigenen Mittheilungen über sein Vaterland, das südlich von der Donau liegt und bekanntlich die Heimath jener unheimlichen und räthselhaften Classe von Gespenstern ist, die sich bisher mit dem besten Erfolge dem Blicke jedes unparteiischen Beobachters zu entziehen gewußt haben. Möglich ist es auch, daß kleine Kunstgriffe des geschäftlichen Lebens ihm jenen schmeichelhaften Beinamen verschafft. Ich meinestheils war von jeher der Ueberzeugung und bin es heute noch, daß er den Beinamen Vampyr nur von der Gier erhalten, mit der er sich auf jedes Fremdwort stürzte und es bis auf das Blut aussaugte, so wie daß seine geschwollenen Backen nur von den riesenhaften Anstrengungen herrührten, jedes derartige Wort bis zum Unerkennbaren und Unfaßlichen zu zerkneten. Im übrigen harmlos.

Drittens Herr August Friedrich Klapschig, Materialist vom reinsten Wasser, ohne allen Charakter. Seine einzigen bemerkbaren Eigenschaften sind ungefähr vierzig Jahre, seine Aehnlichkeit mit einem Känguruh, wenn er sitzt, und sein zurückgeschobener Hut, der ihm das Aussehen eines verdorbenen Engländers giebt. Seine Existenz in der Welt ist so problematisch, daß er selbst in Verlegenheit sein würde, wenn er sie zufällig beweisen sollte.

Das waren meine Reisegefährten.

Ich sehe mich unwillkürlich genöthigt, hier eine Pause zu machen, um meine Leser sich von ihrem Erstaunen erholen zu lassen. Jetzt brechen die Fragen los!

Wie? Was? Sind das Reisegefährten für einen Schriftsteller, für einen Gelehrten, für einen Dichter (die gewöhnlichen Beinamen, die man uns giebt)? Drei der unbedeutendsten Menschen, die langweiligsten Subjecte, zu denen sich der einfachste Spießbürger nicht inʼs Coupé setzen würde, aus Furcht, vor langer Weile gezwungen zu sein, aus dem Fenster zu springen? Warum wählen Sie sich nicht bessere Gesellschaft, Herr? Wie können sie es wagen, uns mit solchen Leuten ennuyren zu wollen? Weshalb wählen Sie sich nicht geistreiche Leute zu Reisegefährten?

Nur zwei Minuten Geduld! Ich will die Frage beantworten, noch ehe der Zug abgeht, kurz, summarisch.

Ich liebe geistreiche und geistvolle Leute, ich verehre sie, ich bewundere sie. Aber ich gebrauche ihren Umgang wie Medicin, wie starken Kaffee, ich wähle sie selten zu meinen Freunden und nie zu meinen Reisegefährten.

Geistreiche Leute haben immer Schrullen, sind aber selten Originale. Geistreiche Leute wollen immer dominiren, und ich mag nicht gern gehorchen. Geistreiche Leute sehen die Welt nie, wie sie ist, sondern nur durch die Brille ihres vielleicht sehr raffinirten und spirituellen Vorurtheils. Von geistreichen Leuten kann man nur lernen, wie man das Leben nicht auffassen soll. Am unausstehlichsten sind sie auf der Reise. Sie amüsiren sich nicht; sie verachten die harmlose Heiterkeit. Sie haben keinen Drang, etwas zu sehen; denn sie kennen schon Alles. Sie betrachten alle Gegenstände als nur deshalb existirend, um ihr Urtheil darüber abgeben zu können. Sie sprechen an einem Tage zwölf Stunden hinter einander, und am folgenden keine Silbe. Sie loben und tadeln je nach ihrer Laune; denn sie sind fast alle Hypochonder. Sie wollen sich nie Euren Wünschen fügen, und sind mürrisch, wenn eine Wolke am Himmel aufzieht. Gewöhnlich haben sie auch kein Geld.

Deshalb reise ich nie mit geistreichen Leuten. Ich kenne sie aus dem Grunde, denn – ich gehöre selbst zu ihnen. Ja, trotz aller meiner Bescheidenheit erkläre ich, eben so viel Geist zu haben, wie die meisten von denen, die behaupten, sie hätten welchen!

Wenn ich reise, so reise ich mit den Leuten, die mir gerade passend erscheinen. mögen sie sein, wie sie wollen. Der einfachste Seifensieder hat mehr Originalität, als der geistreiche Gelehrte.

Womit ich diesen Gegenstand für erledigt erkläre!

Es ist zehn Minuten über zehn Uhr! sagte Herr Murchel und wischte sich den Schweiß von der Stirn, eine Operation, die er regelmäßig und unter allen Umständen in Zwischenräumen von fünf Minuten wiederholte.

Ei Herr Jäses! So späte schon? rief der Vampyr.

Klapschig, der Materielle, behielt ruhig seine Känguruhstellung, die beiden Hände auf den Regenschirm stützend und mit gleichgültigen Blicken gerade vor sich hinstarrend.

Es könnte losgehen! sagte Murchel, sich aus dem Fenster legend. Hoioh! Conducteur, beilegen!

Ich sah ihn erstaunt an. Die nautischen Kenntnisse des Dicken waren mir noch nie aufgefallen. Auch der Vampyr schien überrascht. Klapschig rührte sich nicht.

Kein Conducteur in Sicht! sagte Murchel, sich zu uns zurückwendend. Und die Locomotive pfeift noch nicht!

Herr Murchel, sagte ich, Ihre Kenntniß der Seemannssprache überrascht mich. Waren Sie auf der See?

Nein, aber wir reisen nach Hamburg, mein Herr, nach Hamburg! antwortete er lustig. Hoioh!

Und Sie haben geglaubt, daß es gut sei, sich ein wenig mit der Sprache der dortigen fremden Völkerstämme bekannt zu machen?

So ist es! antwortete er wohlgefällig. Ich habe den »kleinen Seemann« durchgelesen.

Den kleinen Seemann? Wer ist denn das? fragte ich.

Ein Buch mit Seegeschichten, das mein ältester Junge mit aus der Schule brachte, antwortete der Dicke mit unverwüstlicher Laune. Ich sage Ihnen, meine Herren, die Theerjacken werden Respect vor mir bekommen.

Famos! Dölitschös! lachte der Vampyr, sich die Hände reibend.

Klapschig war noch immer in ernste Gedanken versunken.

Aber ich wünschte, es ginge fort! sagte ich.

Halloh! da ist ein Conducteur! rief Murchel. He, beilegen! Wann stechen wir in See, alter Knabe? Hoioh!

Der Conducteur, der den »kleinen Seemann« noch nicht gelesen haben mochte, war soeben bemüht, zwei Passagiere in das nächste Coupé zu zwängen, und achtete nicht auf Herrn Murchel.

He, Conducteur, wiederholte dieser, gehtʼs noch nicht bald los? Es ist ja ein Viertel auf Eilf!

In einer Viertelstunde vielleicht, mein Herr!

Was! in einer Viertelstunde? Ist das Pünktlichkeit?

Mein Herr, dies ist ein Extrazug.

Das weiß ich! Aber er soll um zehn Uhr abgehen.

Silanz, Murchel! sagte Kitschotutsch. Was wäre denn Extraʼs bei dem Zuge, wenn er pünktlich abführe!

Sie haben Recht, Vampyr! antwortete der Dicke. Und ich denke, wir benutzen die Windstille, um einen Theil unserer Fracht auszuladen! He, Materialist!

Was meinen Sie? fragte der aufgeschreckte Klapschig verstört.

Ich meine, daß wir die erste Flasche Portwein anbrechen, antwortete der Dicke.

Um Klapschigʼs dünne Lippen zog sich etwas, das einen Schmunzeln ähnlich sah und ihm das Aussehen eines lächelnden Häschens gab. Klapschig hatte wirklich ein Hasengesicht auf einem Känguruh-Leibe.

Nun, wie ist es mit Ihnen, junger Jöthe? fragte mich Murchel, mir das kleine Glas hinreichend.

Der »junge Jöthe« – ich bitte den »jungen Goethe« par excellence in Herrn Murchels Namen tausend Mal um Verzeihung! – dachte jedoch in diesem Augenblick an ganz andere Dinge. Eine Viertelstunde Zeit – vielleicht noch länger! – Die mußte benutzt werden.

Verwahren Sie mir meinen Platz, Murchel! sagte ich. Heben Sie mir mein Glas auf. Ich komme sogleich wieder.

Im nächsten Augenblicke war ich auf dem Perron. Es handelte sich darum, meine Unbekannte zu entdecken.

Das war nicht so leicht, wie es scheinen mag. Noch immer stürzten neue Massen von Ankommenden auf die Waggons zu, wie Eisschollen auf eine Brücke.

Mit männlicher Standhaftigkeit erduldete ich den Anprall der Verspäteten, die wie Tiger auf die Waggons losstürzten, und deren Nähe ich erst ahnte, wenn sie mich einige Fuß weit fort und beinahe den Perron hinab geschleudert hatten. Denn meine Augen waren nicht auf die Gefahr, sondern auf den Gegenstand meiner Sehnsucht gerichtet, und ich wünschte mit einem süßbangen Herzklopfen, einer von den Sturmlaufenden möge mich in ein Coupé schleudern, in dem ich mit einem tiefen Seufzer zu den Füßen meiner Unbekannten aus der Betäubung des Sturzes erwachte.

Unterdessen hatte ich die ganze Reihe der Wagen zweiter Classe durchmustert und kehrte zu meinem Ausgangspuncte zurück, als ich – schmähliches Schicksal – meine Unbekannte in demselben Waggon, im anstoßenden Coupé entdeckte.

Ein jäher Schreck – ich hoffte, daß sie ihn bemerken würde! Dann ernste Sammlung. Dicht neben mir war ein eiserner Pfeiler. Ich lehnte mich an denselben, mit der Grazie Damonʼs, der an einen Baum gelehnt die Flöte bläst, und in Ermangelung einer Flöte drehte ich feierlich mit der linken Hand die rechte Spitze meines Schnurrbarts, während meine Augen sich wie glühende Kohlen in die Tiefe des erwähnten Coupéʼs bohrten.

Es war eine Million gegen Eins zu wetten, daß meine Unbekannte mich in dieser Stellung bemerken mußte, um so mehr, da sie dicht neben der Thür saß. In der That richtete sie sogar ihre schönen dunklen Augen mit einem Ausdruck des Befremdens auf mich, senkte sie dann aber sogleich wieder auf den kleinen Sonnenschirm, den sie in der Hand hielt.

Ich hatte das erwartet. Der Augenblick war günstig, und ich holte einen jener tiefen Seufzer aus der Brust, die nach der Ansicht der Novellisten auf jahrhundertlange Leiden deuten und eine täuschende Aehnlichkeit mit jenen schauerlichen Tönen haben sollen, die verdammte Geister ausstoßen, wenn sie durch den Bannspruch eines mächtigen Zauberers gezwungen werden, die geliebten Stätten ihrer nächtlichen und unangenehmen Störungen zu verlassen.

Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß dieser Ton, dem nichts Irdisches mehr eigen war, seine Wirkung nicht verfehlt haben würde – hätte nicht in demselben Augenblick die Glocke das erste Signal gegeben.

Бесплатно

0 
(0 оценок)

Читать книгу: «Die Extrafahrt»

Установите приложение, чтобы читать эту книгу бесплатно