Will Berthold
Roman
Originalausgabe
SAGA Egmont
Nach mir komm ich
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Will Berthold Nachlass,
represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de).
Originally published 1990 by Heyne Verlag, Germany.
All rights reserved
ISBN: 9788711726983
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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Ausgerechnet in diesen strahlenden Maitag platzt der erste Anschlag aus dem Hinterhalt, aber Henry Kamossa, den Aufsteiger ohnegleichen, reißt die Bedrohung aus dem Untergrund nicht von den Beinen. Seit langem gewohnt, in schwindelnden Höhen ohne Absturz zu operieren, ist er viel zu selbstherrlich, um sich bedrängt zu fühlen. Er hat seine Mitwisser in der Hand und seine Feinde im Griff. Der Machtmensch und Multimillionär kennt keine Ängste, wiewohl er fürchten muß, daß seine sorgfältig zubetonierte Vergangenheit eines Tages aufbrechen könnte wie ein Geschwür.
Kamossa betritt in bester Laune kurz vor neun Uhr die Terrasse seiner ›Residenza Fortuna‹; sie liegt unterhalb des Monte Verità, direkt über dem Lago Maggiore wie eine Festung über Ascona, dem St. Tropez der Schweiz. Die Sonne ist längst über den Gambarogno geklettert, und Kamossa starrt wie blind in ihren Glutkopf. Er ist kein Romantiker, aber einen Moment lang wird selbst er vom Zauber dieses Tages überwältigt.
Der Frühling auf dem Triumphzug hat über Nacht seinen Blumenfeldzug auf der Alpensüdseite gewonnen und Blüten wie Herzen geöffnet. Rhododendron und Azaleen überziehen die Hänge und Promenaden mit fantastischen Farben. Die Palmen recken ihre Kronen sehnsüchtig in die Sonne und unterhalten sich nach Art der Klapperstörche. Das Blau des Himmels spiegelt sich auf dem See. Es ist einer dieser Bilderbuchtage, an denen Zerstrittene wieder nett zueinander sind, Alte sich jung und Kranke sich wohl fühlen und tote Ehen sich vorübergehend wiederbeleben.
Kamossa, dieser notorische Drahtzieher hinter den Kulissen, betrachtet die Boote mit den weißen Segeln unter sich. Es sieht aus, als putze sich der See mit Einstecktüchern heraus. Der Multi-Unternehmer – man sieht ihm seine 65 Jahre nicht an – ist an den internationalen Treffpunkten der Schickeria gleichermaßen zu Hause wie an den wichtigsten Finanzplätzen. Er hat Besitzungen in Marbella, Monte Carlo, St. Moritz, auf den Bahamas und in Florida, hält sich aber vorwiegend in Ascona auf. Dabei nimmt der Tessin, an der Steuerersparnis gemessen, nur einen mittleren Rang in der Schweiz ein, die eine bekannte St. Gallener Wirtschaftsprofessorin bezichtigt, ›das Sparschwein korrupter Diktatoren‹ zu sein.
Henry Kamossa war gestern spätabends mit der selbst pilotierten Cessna von der Côte d’Azur nach Locarno-Magadino geflogen. Er hatte in Monte Carlo eine seiner Holdings auf Trab gebracht, in Nizza Gespräche mit dem Spitzenmanager seiner Bank geführt und war dann so nebenbei mit dessen Freundin, einer kleinen Französin, verschwunden und hatte sich mit ihr für ein paar Tage in einem Liebesnest bei Cannes verkrochen. Jedenfalls war er unerreichbar. Trotz vorrückenden Alters gilt der Wirtschafts-Potentat noch immer als ein Mann, der eine Gelegenheit eher herbeiführt als sie ausläßt. Ob die Rolle des unverwüstlichen Schwerenöters echt oder nur vorgetäuscht ist, weiß keiner genau. Zuzutrauen ist ihm alles. Jedenfalls werden seine Geschäftsfreunde und Rivalen immer unruhig, wenn Gerüchte umgehen, Kamossa sei mit einer Schönen untergetaucht. Zu oft hatten sich die angeblichen Abwege als Umwege zu einem neuen Geniestreich an der Börse erwiesen. Ein Mann wie Kamossa macht eben alles zu Geld, selbst seinen schlechten Ruf.
Wenn von den Heroen des nun schon Jahrzehnte zurückliegenden deutschen Wunders die Rede ist, wird der hochgewachsene Mann mit dem straffen Gesicht, den harten Augen und den dichten Haaren stets in eine Reihe mit Grundig, Horten, Schickedanz, Schlieker, Neckermann, Körber und anderen Titanen gestellt; er genießt diesen Nimbus, wiewohl einige der Genannten längst milde oder wilde Titanenstürze hinter sich haben. Das Wirtschaftsimperium Kamossas erreicht in diesem Frühling seine höchste Expansion. Es ist das Jahr, in dem Boris Becker seinen ersten Wimbledon-Sieg erringt, der Flick-Konzern an die deutsche Bank verkauft wird, der Bonner Regierungssprecher wegen Steuerhinterziehung zurücktreten muß, im Fernsehen die ›Schwarzwaldklinik‹ ihre Pforten öffnet, in Wackersdorf die Massendemonstrationen gegen die Wiederaufbereitungsanlage beginnen.
»Frühstücken wir zusammen, Henry?« ruft ihm Iris von oben aus ihrem Schlafzimmer zu. Er winkt hinauf. »Und zwar auf der Terrasse bitte«, erwidert er.
»Ich bin gleich fertig«, entgegnet sie. »Ich spring nur noch mal schnell ins Wasser.«
In der Wohnhalle klingelt das Telefon. Budde, der Intimus des Hausherrn, nimmt das Gespräch entgegen. »Moment, Herr Konsul«, antwortet er dem Anrufer. »Ich weiß nicht, ob Herr Kamossa schon aufgestanden ist.« Er geht auf die Terrasse. »Henry«, fragt er halblaut, »bist du für Kronwein zu sprechen?«
Der Hausherr zögert kurz und nickt dann verdrossen. Wenn ihn der Verleger um diese Zeit anruft, handelt es sich vermutlich um Wichtigeres als um die Einladung zu einer Cocktailparty. »Hallo«, meldet er sich und drückt vorsorglich auf den Knopf des Aufzeichnungsgeräts, gewohnt, wichtige Gespräche auf Tonband mitzuschneiden.
»Guten Morgen, Herr Kamossa – und entschuldigen Sie bitte die Unzeit, zu der ich Sie störe«, meldet sich der Inhaber des Kronwein-Buchverlags, der auch Zeitschriften unterschiedlichen Niveaus herausbringt. »Aber ich muß Sie so schnell wie möglich sprechen.«
»Ich komme gerade von der Côte d’Azur zurück und bin leider zeitlich sehr im Druck«, wehrt Kamossa den Geschäftspartner ab. Seine Firmen inserieren häufig in den Kronwein-Blättern, und ihre Geschäftsführer sorgen dann dafür, daß im Textteil bestimmte Meldungen erscheinen – und andere in den Papierkorb fliegen.
»Kann ich mir denken«, versetzt der Anrufer beflissen. »Ich fasse mich kurz: Meinem Lektorat wurde soeben ein Manuskript angeboten, bei dem es sich um eine Art unautorisierter Kamossa-Biographie handelt – eine recht einseitige und verzerrte Darstellung. Sicherlich liegt es in Ihrem Interesse, daß das Machwerk nicht als Buch und womöglich gar als Vorabdruck in einer dieser obskuren Zeitschriften herauskommt.«
»Ach wissen Sie, über mich wird so viel geschrieben, daß es mir eigentlich schon gleichgültig ist«, behauptet der Angerufene betont gelassen. »Letztlich ist ja doch alles nur Reklame.«
»In diesem Fall aber eine verdammt schlechte«, versetzt der Verleger, bestrebt, sich seine Verärgerung über die Herunterspielung nicht anmerken zu lassen. »Ich hab zwar erst ein Teilmanuskript in Händen, aber es läßt sich jetzt schon absehen, daß es sich um ein bestürzendes, giftiges Geschreibsel aus Halbwahrheiten, Klatsch und Sex-Geschichten handelt.« Er dämpft ein wenig die Stimme: »Darunter gestreut vielleicht auch echte Tatsachen. Jedenfalls«, fährt er hastig fort, »ich hab das Manuskript gelesen und …«
»Sie?« unterbricht ihn der Geldmagnat lachend. »Dabei ist doch hinreichend bekannt, daß Sie noch nie ein Werk gelesen haben, das in Ihrem geschätzten Verlag herauskommt.«
»Branchengeschwätz«, erwidert der Geltungs-Konsul gereizt. »Barer Unsinn. Wie stellen Sie sich das vor – alljährlich erscheinen in meinem Haus sechzig bis siebzig Titel und …«
»Trotzdem halte ich das Gerücht für gar nicht so abwegig«, kontert Kamossa genüßlich. »Ein Bestattungsunternehmer verkauft schließlich auch Tausende von Särgen, bevor er selbst einen benötigt.«
Der Verleger aus München lacht gezwungen. »Bewahren Sie sich Ihren sonnigen Humor, Herr Kamossa!«
»Ich will’s versuchen. Jedenfalls bin ich Ihnen dankbar für Ihre Mitteilung.«
»Ich fürchte, daß Sie die Situation unterschätzen, Herr Kamossa«, entgegnet der Verleger. »Selbstverständlich kann ich den Autor für eine Weile hinhalten und später sein Meisterwerk ablehnen. Aber dann geht der Mann zum nächsten Verleger, zum übernächsten und so weiter, bis er einen findet, der das Geschäft machen will oder unter Umständen nicht so gut auf Sie zu sprechen ist, und dann erscheint das Pamphlet, womöglich in Massenauflage – und Sie wissen ja selbst, daß bei solchen – solchen Schweinereien immer etwas hängenbleibt.«
»Gleich kommen mir die Tränen«, spottet Kamossa.
Durch die Panoramascheibe sieht er Iris mit federnden Schritten auf den Swimmingpool zugehen. Die ehemalige ›Miß Austria‹ bietet einen hinreißenden Anblick, sogar für den eigenen Mann. Mit dem weißen Badeanzug und der gebräunten Haut gleicht sie eher einer ›Miß Italia‹. Prächtig gewachsen zeigt sie – wie die Regenbogenpresse immer wieder beteuert – eine Traumfigur. In diesem Fall stimmt das Klischee sogar.
»Entschuldigung«, sagt der Bedrohte nach kurzer Pause. »Wo waren wir stehengeblieben? Wer ist eigentlich der Autor?« fragt er dann so nebensächlich, als gähne er dabei.
»Offensichtlich ein Nobody«, antwortet Kronwein. »Sein Name ist mir im Moment entfallen, aber auch in meinem Lektorat hat ihn bislang noch keiner gehört. Es kann sich dabei natürlich auch um das Pseudonym eines Insiders handeln oder das eines gefeuerten Mitarbeiters, der sich an Ihnen rächen will. Wenn Sie das Manuskript lesen, kommen Sie vielleicht von selbst auf den Urheber. Ich bin gern bereit, es Ihnen – natürlich streng vertraulich – zu zeigen.«
»Danke«, versetzt Kamossa. »Ich ruf Sie an, sobald ich hier mit der Arbeit aus dem Gröbsten heraus bin.«
Er legt auf und sieht einen Moment lang ins Leere. Er kennt Kronwein gut, zu gut, schon seit seinen Gründerjahren. Das übrige besorgt Asconas Gerüchteküche. Jedermann weiß, daß der Verleger ein Masochist ist, der mit seiner Frau Carlotta (ihrer roten Haare wegen ›La Carota‹ genannt) in einer Schlangengrube lebt. Der Mann versucht der Mitinhaberin seines Verlags so oft wie möglich zu entkommen, um sich bei anderen Damen vom Schmerzgenuß zu erholen oder neuen zu suchen. Nach seiner Rückkehr wird ihm dann die haßgeliebte Dompteuse die spitzen Stöckelschuhe wieder in den Körper rammen. Diese Details sind beliebter Gesprächsstoff unter den Beautiful people der schönen Halbinsel. Aber Kamossa interessieren mehr die geschäftlichen Machenschaften des Titular-Konsuls. Der Wirtschaftsmagnat sammelt Informationen über seine Partner, Gegner und Mitarbeiter wie andere Briefmarken oder Münzen, und so traut er dem Verleger so ziemlich alles zu.
Die ›Residenza Fortuna‹ ist umgeben von einem großen Areal mit eigenem Tennisplatz neben dem Swimmingpool, dazu ein Indoorbecken, ein Fitneßraum und eine Squashhalle. Etwas unterhalb des Hauptgebäudes befindet sich das Gästehaus und auf der anderen Seite über den Garagen ein komfortabler Trakt für die Mitarbeiter, die der Konzernherr ständig um sich haben will: Neben Budde, seinem Groß-Wesir, bewohnen die luxuriösen Apartments der Pilot Robeller, Patrick, der Benjamin der Kamossa-Söhne, vorwiegend als Sparringspartner beim Sport und als Laufbursche in der Firma beschäftigt, und Schmeißer, ein gerissener Privatdetektiv, der bei dem Chef der Unternehmensgruppe in Vollbeschäftigung steht.
Iris sieht, daß ihr Mann auf die Terrasse zurückgekehrt ist, und klettert aus dem Schwimmbecken, schlüpft in hochhackige Schuhe. »Ärger, Henry?« ruft sie schon von weitem.
»Geschäfte«, erwidert er. Ihr Erscheinen regeneriert seine Laune.
Sie nähert sich ihm lächelnd, strahlt ihn mit ihren dunklen Augen an, schüttelt die schwarze Haarpracht, rankt an ihm empor, küßt ihn wie Katharina Howard, die sechste und letzte Gemahlin den englischen König Heinrich VIII., die einzige, die der Blaubart nach Meinung der Historiker wirklich geliebt hat – was sie vor späterer Enthauptung nicht bewahren konnte.
Eine Umarmung lang spürt Kamossa ein Gefühl von Besitzerstoiz und Eifersucht. Iris ist die erste Frau, die seine Selbstherrlichkeit dämpft und seine Überlegenheit einschränkt. Die ehemalige ›Miß Austria‹ und stellvertretende ›Miß Europa‹ – es hatte damals bei der Wahl einen Aufruhr gegeben, weil das Publikum sie als Erste sehen wollte – ist mehr als eine prächtige Vorzeigefrau, bewundert von vielen, vorwiegend Männern, vom Pubertätsjüngling bis zum Lustgreis. Die gebürtige Wienerin muß die erste seiner Frauen sein, die Kamossa wirklich etwas bedeutet; er spürt es gerade dann am meisten, wenn er sie hintergangen hat. Es geschieht immer seltener, vielleicht liegt es an ihrer Persönlichkeit – attraktiv waren alle seine Ehefrauen gewesen – oder an seinen Jahren.
На этой странице вы можете прочитать онлайн книгу «Nach mir komm ich», автора Will Berthold. Данная книга относится к жанру «Триллеры».. Книга «Nach mir komm ich» была издана в 2021 году. Приятного чтения!
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