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Charles Dickens

Bilder aus Italien

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musaicumbooks@okpublishing.info 2017 OK Publishing ISBN 978-80-272-3892-7

Inhaltsverzeichnis

Des Lesers Paß

Durch Frankreich

Lyon. Die Rhone und die Hexe von Avignon

Von Avignon nach Genua

Genua und seine Umgebung

Nach Parma, Modena und Bologna

Durch Bologna und Ferrara

Ein italienischer Traum

Über Verona, Mantua, Mailand und den Simplonpaß in die Schweiz

Nach Rom über Pisa und Siena

Rom

Eine flüchtige Umschau

Des Lesers Paß

Inhaltsverzeichnis

Wenn die Leser dieses Bändchens so freundlich sein wollen, ihre Empfehlungsschreiben für die verschiedenen Orte, mit denen sich des Verfassers Erinnerungen beschäftigen werden, von dem Verfasser selbst zu nehmen, so wird ihre Phantasie diese Plätze vielleicht mit größerem Genuß und mit besserer Einsicht in das, was sie zu erwarten haben, besuchen.

Schon viele Bücher sind über Italien geschrieben worden, die viele Möglichkeiten eröffnen, die Geschichte dieses interessanten Landes und seine zahllosen Erinnerungen zu studieren. Ich nehme nur wenig Rücksicht auf dieses Magazin des Wissens, denn ich betrachte es durchaus nicht als notwendige Folge meiner Einsicht in diese Vorräte, daß ich die leicht zugänglichen vor den Augen meiner Leser ausbreiten sollte.

Auch wird man in diesem Bändchen keine ernste Untersuchung über die gute oder schlechte Regierung dieses Landes in irgendeinem seiner Teile finden. Kein Besucher des schönen Landes wird es versäumen, sich eine starke Meinung über diese Sache zu bilden, aber da ich mich während meines Aufenthaltes dort als Fremder jeder Diskussion über derartige Fragen mit Italienern, welchem Stande sie auch angehören mochten, enthielt, so möchte ich auch jetzt diese Saite lieber nicht berühren.

Während meines zwölfmonatigen Aufenthaltes in Genua fand ich nie, daß ihrem Wesen nach eifersüchtige Behörden mich mit Mißtrauen betrachtet hätten; und es sollte mir leid tun, wenn ich ihnen Gelegenheit gäbe, ihre arglose Höflichkeit gegen mich oder gegen irgendeinen meiner Landsleute zu bereuen.

Es gibt wahrscheinlich kein berühmtes Kunstwerk in ganz Italien, welches nicht leicht unter einem Berg von Papier, bedruckt mit Abhandlungen über dasselbe, begraben werden könnte. Daher werde ich auch, obgleich ich ein großer Bewunderer der Malerei und der Skulptur bin, nicht lange bei der Beschreibung von berühmten Gemälden und Standbildern verweilen.

Dieses Buch ist eine Reihe von Spiegelbildern – bloßer Schatten im Wasser – von Orten, welche die Einbildung der meisten Menschen mehr oder weniger anziehen, mit denen sich die meine seit Jahren beschäftigt hat und die für alle einiges Interesse haben. Die Beschreibungen wurden größtenteils an Ort und Stelle niedergeschrieben und von Zeit zu Zeit in Privatbriefen nach Hause geschickt. Ich erwähne das nicht als eine Entschuldigung der etwaigen Mängel des Werkes, denn es wäre keine, sondern bloß als eine Gewährleistung für den Leser, daß sie wenigstens niedergeschrieben worden, als der Verfasser erfüllt war von dem, was er sah, und noch beherrscht von den neuesten und frischesten Eindrücken.

Zeigen sie irgendwo eine phantastische und träumerische Färbung, so wird der Leser vielleicht voraussetzen, daß sie geschrieben worden im Schatten eines sonnigen Tages, inmitten der Gegenstände, von denen sie handeln, und sie werden ihm darum nicht weniger gefallen, daß sie dies örtliche Gepräge tragen.

Ich hoffe nicht, daß Bekenner des römisch-katholischen Glaubens irgend etwas, was in diesem Büchelchen vorkommen wird, mißverstehen könnten. In einem meiner frühern Werke habe ich mein Möglichstes getan, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und ich hoffe, daß sie in diesem auch gegen mich gerecht sein werden. Wenn ich ein Schauspiel erwähne, das mir absurd oder abstoßend vorkommt, so suche ich nicht es mit einem wesentlichen Bestandteil ihres Glaubens in Verbindung zu bringen. Wenn ich von den Zeremonien der Karwoche spreche, so spreche ich nur von ihrer Wirkung und fordere den guten und gelehrten Doktor Wiseman nicht auf, ihre Bedeutung darzulegen. Wenn ich einen Widerwillen gegen Nonnenklöster für junge Mädchen verrate, welche der Welt entsagen, ehe sie dieselbe geprüft und gekannt haben, oder an der Ex-officio-Heiligkeit aller Priester und Mönche zweifle, so tue ich nicht mehr, als viele gewissenhafte Katholiken im Ausland und im Inland tun.

Ich habe diese Bilder mit Schatten im Wasser verglichen, und ich möchte hoffen, daß ich nirgends das Wasser so sehr aufgeregt habe, um die Schatten zu zerstören. Ich kann niemals verlangen, auf besserem Fuß mit allen meinen Freunden zu stehen, als jetzt, wo abermals auf meinem Pfad sich ferne Berge erheben; denn ich brauche nicht anzustehen, offen zu sagen, daß ich jetzt, bestrebt, einen kurzen Irrtum wieder zu verbessern, den ich vor nicht langer Zeit beging, indem ich die alten Verhältnisse zwischen mir und meinem Leser störte und für einen Augenblick meine alte Beschäftigung verließ, sie jetzt in der Schweiz wieder freudig aufnehmen will, wo ich während eines zweiten Jahres der Abwesenheit die Gegenstände, die ich im Kopfe habe, ohne Unterbrechung ausarbeiten und zugleich, während mein englisches Publikum im Hörbereich bleibt, meine Kenntnis eines schönen und für mich unaussprechlich anziehenden Landes weiter ausdehnen kann.

Ich mache dies Buch so allgemein zugänglich wie möglich, weil es mir eine große Freude wäre, wenn ich hoffen könnte, durch seine Vermittlung meine Eindrücke mit manchen Eindrücken der vielen zu vergleichen, welche in späterer Zeit mit Teilnahme und Entzücken die Gegenden, die ich beschrieben, besuchen werden.

Und ich habe jetzt nur noch nach Paßmanier meines Lesers Porträt zu skizzieren, das ich vermutungsweise für beide Geschlechter wohl folgendermaßen entwerfen darf:


Gesicht: schön
Augen: sehr heiter
Nase: nicht gerümpft
Mund: lächelnd
Miene: strahlend
Allgemeiner Ausdruck: außerordentlich angenehm.

Durch Frankreich

Inhaltsverzeichnis

An einem schönen Sonntagmorgen im hohen Sommer und im hochsommerlichen Wetter des Jahres 1844 war es, mein guter Freund, als – erschrecken Sie nicht – nicht als man zwei Reisende langsam durch jene malerische und hindernisreiche Gegend schreiten sah, durch welche das erste Kapitel eines mittelalterlichen Romans gewöhnlich erreicht wird, sondern als man einen englischen Reisewagen von stattlicher Größe, ganz frisch angekommen aus den schattigen Hallen des Pantechnikons unweit Belgrave Square in London, zum Tore des Hotels Maurice in der Rue Rivoli in Paris herausfahren sah – dieser »man« war nämlich ein sehr kleiner französischer Soldat; denn ich sah, wie er den Wagen anguckte.

Ich bin nicht mehr verpflichtet zu erklären, warum die englische Familie, die in und auf diesem Wagen reiste, von allen guten Tagen in der Woche gerade am Sonntag aufbrach, als ich gehalten bin, einen Grund dafür anzuführen, warum alle kleinen Leute in Frankreich Soldaten und alle großen Leute Postillione sind: das ist eine unfehlbare Regel. Daß sie aber für das, was sie taten, irgendeinen Grund hatten, bezweifle ich nicht; und wie Sie wissen, war ihr Grund, überhaupt so zu erscheinen, der, daß sie in dem schönen Genua ein Jahr lang leben wollten und daß das Haupt der Familie sich vorgenommen hatte, während der Zeit herumzureisen, wo seine Wanderlust ihn hintrieb.

Und es wäre mir ein kleiner Trost gewesen, der Bevölkerung von Paris im allgemeinen zu erklären, daß ich dieses Familienhaupt sei und nicht jene freudestrahlende Verkörperung von guter Laune, die neben mir saß in der Person eines französischen Kuriers, des besten aller Diener und des freundlichsten aller Menschen! Die Wahrheit zu gestehen, er sah viel patriarchalischer aus als ich, der im Schatten seiner stattlichen Gegenwart zu völliger Bedeutungslosigkeit zusammenschrumpfte.

Natürlich zeigte sich sehr wenig in dem Aussehen von Paris, als wir an der unheimlichen Morgue vorüber und über den Pontneuf rollten, was uns über unsere Sonntagsreise hätte Vorwürfe machen können. In den Weinschenken (ein Haus um das andere) herrschte geräuschvollster Verkehr; Zeltdächer wurden ausgebreitet und Tische und Stühle geordnet vor den Cafés, als Vorbereitung auf den Verzehr von Eis und kühlen Getränken, in der späteren Zeit des Tages. Schuhputzer waren geschäftig auf den Brücken; Läden waren offen; Karren und Wagen rasselten auf und ab; die engen, steilen, trichterförmigen Straßen über dem Fluß waren ebenso viele Perspektiven von Menschengedränge und Lärm, von bunten Nachtmützen, Tabakspfeifen, Blusen, großen Stiefeln und zottigen Köpfen; nichts zeigte den Tag der Ruhe an; außer etwa hier und da das Erscheinen einer Familie, die, auf einer Landpartie begriffen, in einen alten und schwerfälligen Einspänner eingepfercht war; oder der Anblick eines beschaulichen Feiertagmachers im ungeniertesten Negligé, der sich aus dem niedern Dachfenster herauslehnte und in ruhiger Erwartung das Trocknen seiner neugewichsten Schuhe auf dem kleinen Fensterbrett (wenn es ein Herr war) oder das Trocknen ihrer Strümpfe in der Sonne (wenn es eine Dame war) beobachtete.

Ist man einmal über das nie zu vergessende oder nie zu vergebende Pflaster hinaus, welches Paris umgibt, so sind die ersten drei Reisetage nach Marseille recht ruhig und einförmig. Nach Sens. Nach Avallon. Nach Chalons. Eine Skizze von den Erlebnissen eines Tages ist eine Skizze von allen dreien; und hier ist sie.

Wir haben vier Pferde und einen Postillion, der eine sehr lange Peitsche hat und der seinen Postzug etwa wie der Kurier von St. Petersburg im Zirkus von Astley oder Franconi fährt; nur daß er auf seinem Pferde sitzt, anstatt zu stehn. Die ungeheuern Kanonenstiefel, welche diese Postillione tragen, sind zuweilen ein oder zwei Jahrhundert alt und stehen in so lächerlichem Mißverhältnis zu dem Fuße ihres Trägers, daß der Sporn, welcher am Absatz angebracht ist, zuweilen auf die Mitte der Wade des Postillions zu stehen kommt. Der Mann tritt oft aus dem Stall mit der Peitsche in der Hand und in Schuhen und trägt mit beiden Händen einen Stiefel nach dem andern heraus und setzt sie mit großem Ernst auf die Erde neben das Pferd, bis alles fertig ist. Wenn das der Fall ist – und, o Himmel, welchen Lärm sie dazu machen! –, steigt er mit seinen Schuhen in die Stiefel oder läßt sich von ein paar Freunden hineinheben; dann ordnet er die Zugstricke des Geschirrs, mit erhabener Arbeit verziert – durch die Bemühungen der zahllosen Tauben in den Ställen –, bringt alle Pferde zum Bäumen und Ausschlagen, klatscht mit der Peitsche wie ein Verrückter; schreit » en route – hi!« und fort geht es. Man kann darauf rechnen, daß er sich mit seinem Pferde veruneinigt, ehe wir sehr weit sind; und dann nennt er es Dieb, Räuber, Schwein und was sonst alles, und schlägt es um den Kopf, als ob es von Holz wäre.

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