(Psychothriller/Horror)
Am Anfang war Stille.
Dann ertönte in der Dunkelheit ein kurzes Signal – ein Like. Darauf ein zweites, ein drittes, ein viertes. Die Benachrichtigungen verschmolzen rasch zu einem beunruhigenden elektronischen Regen, während auf dem schwarzen Bildschirm ein Kommentar nach dem anderen aufblitzte: „Cringe.“ „Ist die echt so drauf?“ „Hahaha!“ „Habt ihr ihr Gesicht mit der Krone gesehen?“ „Postet mehr davon.“ „Meme des Jahres.“ „Selbst schuld.“
Ganz in der Nähe atmete eine junge Frau schwer und kämpfte verzweifelt gegen die Tränen an.
„Bitte … löscht das Video. Ich habe euch nicht erlaubt, mich zu filmen. Bitte“, erklang Dinaras Stimme.
Als Antwort erscholl ein vielstimmiges, digitales und erbarmungsloses Lachen. Auf dem Bildschirm flammte ein kurzes Hochkantvideo auf: Die verstörte Dinara stand mitten in einem Einkaufszentrum, hielt sich eine Hand vors Gesicht, während jemand aus nächster Nähe auf sie draufhielt.
„Ach komm, Schwesterchen, die Leute lieben es authentisch!“, erklang Armans Stimme.
Die Aufnahme brach abrupt ab. In der Dunkelheit blieb ein einziger Kommentar stehen: „Die Leute machen sich doch selbst zum Meme.“ Ein letzter Like ertönte, dann erlosch der Bildschirm.
Eine dämmrige Küche. Auf dem Tisch stehen ein Laptop, eine Kindertasse und ein Teller mit eingetrockneten Breiresten. Erlan sitzt vor dem Bildschirm. Ohne zu blinzeln. Auf dem Laptop sind Ordner geöffnet: „DINARA_STIMME“, „DINARA_VIDEO“, „CHATS“, „STORYS“, „DIE_LETZTEN“. Aus dem Nebenzimmer dringt die schläfrige Stimme eines Kindes.
„Papa … ist Mama schon zurück?“, fragt Amelia.
Erlan schließt die Augen. Lange.
„Bald, meine Kleine. Schlaf“, antwortet Erlan.
Er setzt die Kopfhörer auf und drückt eine Taste. Auf dem Bildschirm erscheint die Benutzeroberfläche eines neuronalen Netzes. Die Wellenform einer Stimme.
„Erlan, du hast schon wieder das Licht im Flur angelassen“, erklingt Dinaras Stimme.
Die Stimme klingt lebendig. Vertraut. Beinahe echt. Erlan zuckt zusammen.
„Noch mal“, sagt Erlan.
Er startet die Aufnahme erneut.
„Erlan, du hast schon wieder das Licht im Flur angelassen“, erklingt Dinaras Stimme.
Erlans Lippen zittern. Er weint nicht. Er drückt nur wieder auf Wiedergabe. Neben der Tonspur ist auf dem Bildschirm jener Tab mit dem demütigenden Video von Dinara geöffnet. Millionen Aufrufe. Tausende Kommentare. Erlan starrt auf den Bildschirm. Auf die Gesichter der Blogger. Auf die Tausenden Kommentare.
„Ihr wolltet eine Show …“, flüstert Erlan.
Erlan zieht die Brauen zusammen und beginnt zu tippen.
„Ihr bekommt eure Show …“, sagt er leise.
Ein heller, sonniger Tag. Die Stadt lebt im Eiltempo: Autos auf der Al-Farabi-Allee, Cafés, Kuriere, Einkaufszentren, Berge im Dunst.
In einem Studio nimmt Aruzhan ein Video auf. Hinter ihr stehen ordentliche Regale, Bücher, weiches Licht.
„Wenn wir über einen Menschen lachen, den wir nicht einmal kennen … dann ist das längst nicht mehr nur ein Witz. Wir treiben ihn an den Rand. Und hinterher tun wir so, als hätten wir bloß zugesehen“, sagt Aruzhan.
Sie lässt eine Pause. Blickt direkt in die Kamera. Ruhig. Präzise.
„Und irgendwann ist nicht mehr so wichtig, wer als Erster geklickt hat. Entscheidend ist, wer nicht aufgehört hat“, fügt Aruzhan hinzu.
Die Aufnahme ist beendet. Aruzhan verändert sich augenblicklich. Müde, gereizt.
„War das okay? Oder klang es wieder wie eine Vorlesung?“, fragt Aruzhan.
„Top. Wie lautet der Titel?“, fragt der Cutter.
„‚Warum das Internet Menschen tötet und wir dabei lachen‘. Aber macht das Thumbnail etwas sanfter. Kein Blut. Ich brauche keinen Strike“, antwortet Aruzhan.
Die Aufnahme ist vorbei. Der Cutter atmet aus und nimmt die Kopfhörer ab. Aruzhan tritt an den Monitor. Auf der Timeline ist ihr Gesicht eingefroren. Auf dem Bildschirm steht: „DAS INTERNET VERGIBT NICHT“.
„Sollen wir am Ende vielleicht Dinaras Fall einbauen? Der passt doch genau zum Thema“, sagt der Cutter.
Aruzhan antwortet nicht sofort.
„Nein“, sagt sie.
„Warum? Die Zahlen waren gut. Die Leute erinnern sich.“
„Sie erinnern sich an das Meme. Nicht an Dinara.“
„Umso stärker wäre die Folge.“
Aruzhan sieht ihn an. Zu scharf.
„Ich habe Nein gesagt.“
Der Cutter hebt die Hände.
„Okay. Ist nur komisch. Du warst damals doch die Erste, die das Thema vernünftig aufgearbeitet hat.“
„Vernünftig?“
Der Cutter gerät ins Stocken. Er weiß nicht, was er sagen soll.
„Na ja … professionell. Nicht wie die anderen. Du hast wenigstens nicht gelacht.“
Aruzhan nimmt ihre Tasche.
„Manchmal reicht das nicht. Einfach nicht zu lachen.“
Sie geht. Die Tür fällt ins Schloss. Der Cutter bleibt vor dem Bildschirm zurück. Er öffnet ein altes Projekt von Aruzhan und spult durch die Timeline. Für einen Augenblick erscheint Archivmaterial: Dinara, tränenüberströmt. Ihr Gesicht ist schlecht verpixelt. Man kann sie erkennen. Der Cutter verzieht das Gesicht und schließt das Projekt.
Aruzhan tritt auf die Straße. Vor dem Eingang wartet eine junge Bewunderin mit einem Notizbuch auf sie.
„Aruzhan? Könnte ich ein Autogramm bekommen? Wegen Ihnen studiere ich Journalismus“, sagt die junge Frau.
Aruzhan lächelt automatisch.
„Natürlich.“
Die Followerin reicht ihr das Notizbuch.
„Sie haben damals etwas so Starkes gesagt: ‚Schweigen ist auch eine Haltung.‘ Das habe ich nie vergessen.“
Aruzhans Stift verharrt über dem Papier.
„Habe ich das wirklich gesagt?“
„Ja. In Ihrer Folge über Online-Hetze. Danach habe ich ein paar toxische Kanäle deabonniert.“
Aruzhan unterschreibt und gibt das Notizbuch zurück.
„Sie sind wirklich mutig“, fügt die junge Frau hinzu.
Das Mädchen lächelt und geht. Aruzhan sieht ihr nach. Das Lächeln verschwindet aus ihrem Gesicht. Auf ihrem Handy erscheint eine neue Nachricht ihres Managers: „STARWOCHE. DRINGEND. HONORAR ERHÖHT. EINE ABSAGE WÄRE DUMM.“
Arman steht neben einem Mann in einem riesigen Bärenkostüm. Kameras, Assistenten, Mikrofone.
„Bruder, sobald sie rauskommt, fällst du auf die Knie und schreist: ‚Mama, ich bin wieder da!‘ Verstanden?“, fragt Arman.
Der Mann im Kostüm nickt.
„Sie ist übrigens schwanger“, sagt der Assistent.
Arman sieht ihn an.
„Na und? Wir fassen sie doch nicht an. Die Reaktion wird hundertprozentig echt.“
Die Aufzugtüren gleiten auf. Eine Frau mit Einkaufstüten tritt heraus. Der Bär stürzt sich auf sie. Die Frau schreit, fällt hin, die Tüten fliegen auseinander. Arman lacht in die Kamera.
„Almaty, guten Morgen! Wenn das Leben ein Prank ist, sollte man besser derjenige sein, der die Kamera hält“, fügt Arman hinzu.
Die Frau weint. Der Assistent versucht, ihr aufzuhelfen. Ohne das Lächeln abzulegen, flüstert Arman dem Kameramann zu:
„Näher ans Gesicht. Näher, habe ich gesagt.“
Timson steht auf der Bühne. Der Saal lacht.
„Ist euch schon mal aufgefallen, dass manche Leute ins Internet gehen wie unter die Dusche? So nach dem Motto: ‚Gleich komme ich blitzsauber wieder raus.‘ Nein, Bruder. Du kommst als Meme wieder raus“, sagt Timson.
Gelächter. Timson entdeckt in der ersten Reihe eine korpulente junge Frau, die lauter lacht als alle anderen.
„Die Dame da lacht, als hätte ihr Mann nach drei Jahren endlich einen Wink verstanden“, setzt Timson nach.
Der Saal explodiert vor Lachen. Die Frau wird verlegen und errötet.
„Ist doch lieb gemeint! Keine Sorge. Im Zweifel sagst du einfach, das sei Body Positivity.“
Das Lachen wird noch lauter. Die Frau lacht nicht mehr. Nach dem Auftritt zeigt Timsons Manager ihm hinter der Bühne sein Handy.
„Der Clip mit der Frau geht schon ab. Zweihunderttausend in zwanzig Minuten.“
„Siehst du? Ich mache aus Leuten Stars. Morgen erkennt man sie auf der Straße.“
„Sie hat geschrieben, wir sollen ihn löschen.“
Timson nimmt ein Glas Wasser.
„Soll sie sich freuen. Kostenlose PR.“
Saya sitzt auf dem Boden eines gemütlichen Zimmers. Lichterkette, Plüschtiere, Ringlicht. Sie spricht in ihr Handy.
„Heute möchte ich mal ohne Filter sein. Einfach nur reden. Kennt ihr das Gefühl, dass die Leute schon vergessen haben, dass es euch gibt, sobald ihr einen Tag lang verschwindet?“, sagt Saya.
Sie liest die Kommentare im Livestream.
„‚Saya, du wirkst irgendwie traurig.‘“
Saya lächelt …
„Nein, alles gut. Ehrlich. Ich bin nur müde.“
Eine Pause.
„Schickt ein Herz, wenn ihr da seid. Ich muss wissen, dass ich nicht allein bin.“
Herzen fluten den Bildschirm. Saya lächelt. Kindlich, dankbar. Plötzlich erscheint eine Direktnachricht: „STARWOCHE. NUR FÜR AUSGEWÄHLTE.“ Saya öffnet sie. Eine Videoeinladung. Hochglanzlogo, Musik, Lichtblitze.
„Sieben Tage. Vier Stars. Kameras rund um die Uhr. Eure Zuschauer entscheiden, wer den Sieg verdient“, ertönt die Stimme des Moderators.
Saya erstarrt.
„Starwoche …“
Sie blickt auf die Zuschauerzahl ihres Livestreams. Es sind weniger als sonst.
„Vielleicht ist das ein Zeichen.“
Saya steht am Kühlschrank. An der Tür hängen ein Magnet aus ihrer Kindheit und ein Familienfoto. Sie ruft ihre Mutter per Video an.
„Du bist dünner geworden. Isst du überhaupt?“, fragt Sayas Mutter.
„Mama, ich arbeite.“
„Arbeit ist, wenn man ein Gehalt bekommt. Bei dir schicken die Leute Herzchen.“
Saya lächelt, doch die Worte tun ihr weh.
„Diese Herzchen bezahlen meine Wohnung.“
„Mir geht es nicht ums Geld. Mir geht es um dich. Wann bist du das letzte Mal einfach spazieren gegangen – ohne Handy?“
Saya antwortet nicht.
„Saya?“
„Mir wurde ein Projekt angeboten. Ein großes. Sieben Tage ohne Handy.“
Ihre Mutter hellt sich auf.
„Na also! Mach das. Dann erholst du dich.“
Saya lacht.
„Das ist keine Erholung. Es ist eine Realityshow. Die Kameras laufen die ganze Zeit.“
Das Gesicht ihrer Mutter verändert sich.
„Wozu dann?“
„Damit die Leute mein wahres Ich sehen.“
„Dein wahres Ich sehe ich doch längst.“
Saya dreht sich weg, damit sie nicht in Tränen ausbricht.
„Mama, das ist wichtig.“
„Versprich mir nur, dass du gehst, sobald es dir schlecht geht.“
Saya schaut auf die Einladung auf ihrem Laptop. Dort steht in großen Buchstaben: „EIN AUSSTIEG AUS DEM PROJEKT IST VOR DEM FINALE NICHT MÖGLICH.“
„Versprochen.“
Sie wendet sich vom Bildschirm ab.
Timson sitzt vor einem Spiegel und wischt sich mit einem Tuch die Schminke ab. Im Spiegel sieht er ein müdes Gesicht, das kaum seinem Bühnen-Ich ähnelt. Ein junger Comedian namens Nur steht zögernd in der Tür.
„Darf ich?“
„Falls du einen Rat willst: Leih dir kein Geld und lies keine Kommentare.“
Nur lächelt nicht.
„Du hast heute schon wieder meinen Witz erzählt.“
Timson hält für einen Moment inne. Dann wischt er weiter über sein Gesicht.
„Bruder, wir leben alle im selben Land, stehen in denselben Staus und haben dieselben Verwandten. Da ähneln sich Witze nun mal.“
„Nicht dieser. Ich habe ihn dir geschickt. Du hast gesagt, er sei zu schwach.“
„Dann habe ich ihn wohl verbessert.“
Nur wird rot.
„Ist dir klar, was die Leute mir schreiben, seit du auf der Bühne über mich geredet hast?“
Timson wirft Nur einen Blick zu …
„Sie schreiben, ich würde von dir klauen. Dabei sind es meine Witze.“
Timson wendet sich ab.
„Hör zu. Das Internet schreibt jedem irgendwas. Nimm es dir nicht so zu Herzen.“
„Du hast leicht reden. Dich lieben sie.“
Timson betrachtet sich im Spiegel.
„Sie lieben mich, solange ich lustig bin.“
Nur geht. Timson bleibt allein zurück. Auf seinem Handy erscheint die Einladung zur „Starwoche“. Er liest die Bedingungen und schnaubt belustigt.
„Sieben Tage ohne Kommentare. Fast wie Urlaub.“
Arman sieht sich den Rohschnitt seines Pranks mit der Frau im Parkhaus an. Auf dem Bildschirm weint sie. Ein Assistent versucht, sie zu beruhigen.
„Vielleicht sollten wir das lieber nicht verwenden. Ihr geht es da wirklich schlecht“, sagt der Assistent aus dem Off.
Arman hält das Bild auf dem Gesicht der Frau an.
„Schlecht ist, wenn etwas langweilig ist. Das hier ist echt.“
Neben ihm berechnet sein Manager Alik die erwartete Reichweite.
„Mit dem Sturz schaffen wir eine Million in der ersten Stunde. Ohne ihn dreihunderttausend.“
На этой странице вы можете прочитать онлайн книгу «Der letzte like», автора Aituar Abultayev. Данная книга имеет возрастное ограничение 18+, относится к жанрам: «Киберпанк», «Детективная фантастика». Произведение затрагивает такие темы, как «fantastický román», «искусственный интеллект». Книга «Der letzte like» была написана в 2026 и издана в 2026 году. Приятного чтения!
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