»Ich bin neugierig, ob sie den heutigen Tag überlebt.«
»Sieh einmal an die Uhr, Joseph.«
»Zehn Minuten über Zwölf. Dann hat sie ja den Tag schon überlebt, Robert, denn es sind bereits zehn Minuten des neuen vorüber.«
Diese Worte wurde in der Küche eines großen Landhauses gesprochen, welches an der Westküste von Cornwall lag. Die Sprechenden waren zwei der Diener, welche das Hauspersonal des Kapitän Treverton ausmachten, eines Marineoffiziers und des ältesten männlichen Repräsentanten einer alten Familie dieser Provinz.
Beide Diener unterhielten sich zurückhaltend und flüsternd, während sie dicht beisammen saßen und sich, so oft ihr Gespräch ins Stocken kam, erwartungsvoll nach der Tür umblickten.
»Es ist etwas Schauerliches,« sagte der ältere beiden Männer, »daß wir zwei so allein hier in dieser unheimlichen Stube und die Minuten zählen, welche unsere Herrin noch zu leben hat.«
»Robert,« sagte der andere, indem er seine Stimme so tief senkte, daß sie kaum zu hören war, »du bist von deinen Knabenjahren an hier im Dienste gewesen – hast du jemals gehört, daß unsere Herrin Schauspielerin war, als unser Herr sie heiratete ?«
»Woher weißt du denn das?« fragte der ältere Diener stutzend.
»Still, still!« rief der andere, indem er sich hastig von seinem Stuhl erhob.
Eine Klingel läutete draußen auf dem Gange.
»Gilt das einem von uns?« fragte Joseph.
»Kannst du denn immer noch nicht unsere Klingeln schon am Klange unterscheiden?« rief Robert verächtlich. »Diese gilt Sara Leeson. Geh hinaus und sieh nach.«
Der jüngere Diener nahm ein Licht und gehorchte. Als er die Küchentür öffnete, fiel sein Auge auf eine lange Reihe gegenüber an der Wand angebrachter Klingeln. Über jeder derselben stand in saubern schwarzen Buchstaben das unterscheidende Prädikat des Dieners, den sie zu rufen bestimmt war. Die Reihe dieser Überschriften begann mit »Haushälterin« und endete mit »Küchenmagd« und »Laufbursche«.
Die Klingeln entlang schauend, bemerkte Joseph mit leichter Mühe, daß eine derselben in Bewegung war. Über derselben stand das Wort »Kammermädchen«.
Nachdem er dies bemerkt, ging er rasch den Gang entlang und pochte am Ende desselben an eine große altväterische Tür von Eichenholz.
Da keine Antwort erfolgte, so öffnete er die Tür und schaute in das Zimmer hinein. Es war finster und leer.
»Sara ist nicht in dem Zimmer der Haushälterin,« sagte Joseph, nachdem er zu seinem Kameraden in die Küche zurückgekehrt war.
»Dann ist sie in ihr Schlafzimmer gegangen,« entgegnete der ältere Diener. »Geh hinauf und sage ihr, daß ihre Herrin sie verlangt.«
Als Joseph hinausging, läutete die Klingel wieder.
»Rasch! – rasch!« rief Robert. »Sage ihr, die Herrin verlange sie sofort. Vielleicht,« fuhr er leiser mit sich selbst sprechend fort, »vielleicht zum letzten Mal.«
Joseph stieg drei Treppen hinauf, ging die Hälfte eines langen gewölbten Korridors entlang und pochte an eine zweite altväterische Tür von Eichenholz.
Diesmal ward der Ruf beantwortet. Eine tiefe, aber klare, sanfte Stimme im Zimmer fragte, wer da sei.
Joseph richtete in wenigen Worten seinen Auftrag aus. Ehe er noch ausgeredet hatte, öffnete sich die Tür ruhig und schnell und Sara Leeson trat ihm mit ihrem Lichte in der Hand auf der Schwelle gegenüber.
Nicht groß, nicht schön, nicht in ihrer ersten Jugend, schüchtern und unentschlossen in ihrem Wesen, äußerst schlicht und einfach in ihrer Kleidung, war die Zofe, trotz aller dieser Nachteile, eine Person, die man nicht ohne ein Gefühl von Neugier, ja sogar von Interesse betrachten konnte.
Wenig Männer würden bei ihrem ersten Anblick nicht den Wunsch empfunden haben, zu erfahren, wer sie sei, und wenige würden sich befriedigt gefühlt haben, wenn sie zur Antwort erhalten: »Es ist Mistreß Trevertons Zofe.« Wenige hätten sich des Versuchs enthalten, aus ihrem Gesicht und ihrem Benehmen irgend einen geheimen Ausschluß zu erlauschen, aber keinem, selbst nicht dem geduldigsten und geübtesten Beobachter, wäre es gelungen, mehr zu entdecken, als daß sie in einer frühern Zeit ihres Lebens die Feuerprobe großer Leiden und Anfechtungen bestanden haben müsse.
Es lag in ihrem Wesen und noch mehr in ihrem Gesicht etwas, was deutlich und wehmütig sagte: »Ich bin das Wrack von etwas, dessen Anblick dir früher zur Freude gereicht haben würde, ein Wrack, welches niemals wieder in Stand gesetzt werden kann – welches unbeachtet, ohne Führer, ohne Mitleid durchs Leben weitertreiben muß, bis es den verhängnisvollen Strand berührt und die Wogen der Zeit diese kümmerlichen Überreste meines Ich für immer verschlungen haben.«
Dies war die Geschichte, die in Sara Leesons Zügen geschrieben stand – dies und nichts weiter.
Von allen, welche diese Geschichte sich selbst zu deuten versucht, würden wahrscheinlich auch nicht zwei eine und dieselbe Ansicht über die Beschaffenheit des Leidens gehabt haben, welches diese Person durchzumachen gehabt.
Erstens war es schwierig zu sagen, ob der Schmerz, welcher ihr sein unauslöschliches Gepräge aufgedrückt, Schmerz des Körpers oder Schmerz der Seele gewesen sei. Von welcher Beschaffenheit aber auch die Heimsuchung, von der sie betroffen worden, gewesen sein mochte, so waren die Spuren, welche dieselbe zurückgelassen, in jedem Teile ihres Gesichts tief und auffallend sichtbar. Ihre Wangen hatten ihre Rundung und natürliche Farbe verloren, ihre in Bezug auf Bewegung eigentümlich biegsamen, zartgeformten Lippen hatten eine ungesunde, blasse Farbe angenommen, ihre großen, schwarzen, von ungewöhnlich dichten Wimpern überschatteten Augen hatten einen seltsamen ängstlichen, scheuen Blick, der sie niemals verließ und die schmerzliche Empfindsamkeit und angeborne Schüchternheit ihrer Gemütsart auf mitleiderregende Weise verriet.
Insoweit waren die Spuren, welche Kummer oder Krankheit an ihr zurückgelassen, ganz dieselben, welche den meisten Opfern geistiger oder physischer Leiden gemeinsam sind.
Eine ganz außerordentliche Veränderung aber, die mit ihr vorgegangen war, bestand in dem unnatürlichen Wechsel, der die Farbe ihres Haars betroffen hatte. Es war so dicht und weich und noch ebenso schön und üppig wie das Haar eines jungen Mädchens, aber grau wie das Haar einer Matrone. Es schien in der auffälligsten Weise jeder Spur von Jugend, die sich noch in den Gesichtszügen vorfand, zu widersprechen.
Trotz der Magerkeit und Blässe des Gesichts hätte man dieses nämlich, sobald man es richtig angesehen, keinen Augenblick für das einer bejahrten Frau halten können. So abgezehrt die Wangen auch waren, so hatten dieselben doch nicht eine einzige Runzel. Ihre Augen besaßen, abgesehen von dem darin vorherrschenden Ausdruck von Unruhe und Schüchternheit, noch jenen feuchtschimmernden Glanz, der an den Augen alter Leute niemals wahrzunehmen ist. Die Haut um die Schläfe herum war zart und glatt wie die eines Kindes.
Diese und noch einige andere nie trügende Anzeichen bewiesen, daß sie in Bezug auf die Jahre noch in der Blüte des Lebens stand. So kränklich und bekümmert sie auch aussah, so hatte sie doch von den Augen abwärts ganz das Ansehen eines Frauenzimmers, welches höchstens dreißig Jahre zählte.
Von den Augen an aufwärts aber war der Eindruck ihres üppigen grauen Haares, in Verbindung mit ihrem Gesicht betrachtet, nicht bloß ein unvereinbarer, sondern auch geradezu befremdender, so befremdend, daß es kein Widerspruch ist, wenn man sagt, daß sie natürlicher ausgesehen haben würde, wenn ihr Haar gefärbt gewesen wäre. Die Kunst hätte in diesem Falle die Wahrheit zu sein geschienen, weil die Natur wie Lüge aussah.
Welche Zauberkraft hatte ihrem Haar in seiner üppigsten Reife die Farbe eines unnatürlichen Greisenalters mitgeteilt? War es schwere Krankheit, oder furchtbarer Kummer gewesen, der sie in der Blüte ihrer Jahre grau gemacht?
Diese Frage hatte ihre Dienstgenossen oft beschäftigt, denn alle waren, als sie sie zum ersten Mal gesehen, von der Eigentümlichkeit ihrer persönlichen Erscheinung betroffen und überdies durch ihre eingewurzelte Gewohnheit mit sich selbst zu sprechen, ein wenig argwöhnisch gemacht worden.
Mochten sie sie jedoch fragen, wie sie wollten, so ward ihre Neugier dennoch niemals befriedigt. Man konnte weiter nichts ermitteln, als daß Sara Leeson in Bezug auf ihr graues Haar und ihre Gewohnheit, mit sich selbst zu sprechen, sehr empfindlich war und daß ihre Herrin schon seit langer Zeit jedem im Hause von ihrem Gemahl an verboten hatte, ihre Zofe durch neugierige Fragen zu belästigen.
Schweigend stand sie an jenem verhängnisvollen Morgen des dreiundzwanzigsten August einen Augenblick vor dem Diener, der sie an das Sterbebett ihrer Herrin rief, während die Flamme des Lichts flackernd ihre großen, fragenden, schwarzen Augen und das üppige, unnatürlich graue Haar über denselben beleuchtete. Schweigend stand sie einen Augenblick da, die Hand, welche den Leuchter hielt, zitterte, sodaß das auf dem breiten Fuße desselben liegende Löschhütchen unaufhörlich klapperte; dann dankte sie dem Diener, daß er sie gerufen. Die Unruhe und Furcht, die, während sie sprach, in ihrer Stimme lag, schien den gewohnten Wohlklang derselben noch zu erhöhen, und die Aufgeregtheit ihres Wesens tat ihrer gewöhnlichen Sanftheit und ihrer zarten, einnehmenden weiblichen Zurückhaltung keinerlei Eintrag.
Joseph, der wie die andern Diener ihr im Stillen mißtraute und abgeneigt war, weil sie von dem gewöhnlichen Kammermädchentypus so gewaltig abwich, ward bei dieser Gelegenheit durch ihr Wesen und durch ihren Ton, indem sie ihm dankte, so seltsam berührt, daß er sich erbot, ihr das Licht bis an die Tür des Schlafzimmers ihrer Herrin zu tragen.
Sie schüttelte jedoch den Kopf und dankte ihm nochmals; dann ging sie rasch an ihm vorüber und aus dem Korridor hinaus.
Das Zimmer, in welchem Mistreß Treverton im Sterben lag, war eine Etage tiefer. Sara zögerte zwei Mal, ehe sie an die Tür pochte. Dieselbe ward von Kapitän Treverton selbst geöffnet.
In dem Augenblick, wo sie ihren Herrn sah, fuhr sie vor ihm zurück. Wenn sie einen Schlag zu bekommen gefürchtet hätte, so hätte sie sich kaum plötzlicher mit dem Ausdruck größeren Schreckens zurückziehen können.
Dennoch lag in Kapitän Trevertons Gesicht durchaus nichts, was die Befürchtung einer übeln Begegnung oder auch nur unfreundlicher Worte hätte rechtfertigen können. Sein Gesicht war gütig, herzlich und offen und es rieselten noch an demselben die Tränen herab, die er an dem Bett seines Weibes vergossen.
»Geht hinein,« sagte er, das Gesicht abwendend. »Sie will nicht, daß die Wärterin komme; sie wünscht bloß Euch. Ruft mich, wenn der Doktor –«
Die Stimme versagte ihm und er eilte fort, ohne den Redesatz zu vollenden.
Sara Leeson blieb, anstatt in das Zimmer ihrer Herrin zu treten, stehen und sah ihrem Herrn aufmerksam nach solange er sichtbar war. Ihre bleichen Wangen nahmen geradezu die Blässe des Todes an und aus ihren Augen sprach zweifelnde, forschende Unruhe und Angst.
Als er um die Ecke des Korridors verschwunden war, horchte sie einen Augenblick an der Tür des Krankenzimmers und flüsterte furchtsam bei sich selbst:
»Ob sie es ihm wohl gesagt hat?«
Dann öffnete sie die Tür mit sichtbarer Anstrengung, ihre Selbstbeherrschung wiederzugewinnen, und nachdem sie argwöhnisch noch einen Augenblick an der Schwelle gezögert, ging sie hinein.
Mistreß Trevertons Schlafzimmer war ein großes, hohes Gemach in dem westlichen Teile des Hauses, sodaß es die Aussicht auf das Meer hatte. Das neben dem Bett brennende Nachtlicht machte die Finsternis in den Ecken des Zimmers eher sichtbar, als daß es dieselbe zerstreut hätte.
Das Bett hatte eine altväterische Form und war mit schweren, dicken, rings herum zugezogenen Vorhängen versehen.
Von den andern Gegenständen im Zimmer ragten bloß die von der größten und massivsten Art genugsam hervor, um in dem düstern Lichte leidlich sichtbar zu sein. Die Schränke, der lange Spiegel, der Armstuhl mit der hohen Lehne und die große, unförmliche Masse des Bettes selbst stellten sich dem Blicke schwerfällig und unheimlich dar.
Die übrigen Gegenstände flossen in der allgemeinen Dunkelheit alle durcheinander. Durch das geöffnete Fenster, welches die frische Luft des neuangebrochenen Morgens nach der Schwüle der Augustnacht hereinlassen sollte, klang das gleichförmige, dumpfe, ferne Brausen der Brandung an der sandigen Küste in das Zimmer. Jedes andere Geräusch war in dieser ersten unheimlichen Stunde des nahen Tages verstummt.
Innerhalb dieses Zimmers bestand das einzige hörbare Geräusch in dem langsamen, mühevollen Atmen der Sterbenden, welches sich matt, aber dennoch deutlich und grauenerregend, selbst durch den fernen Donner, der aus dem Schoße des ewigen Meeres grollte, hindurch hören ließ.
»Mistreß,« sagte Sara Leeson, als sie dicht an den Vorhängen des Bettes stand, aber ohne dieselben zurückzuziehen, »der Herr hat das Zimmer verlassen und mich an seiner Statt hergeschickt.«
»Licht! – Gebt mir mehr Licht!«
Die Mattigkeit tödlicher Krankheit lag in der Stimme, aber der Ton der Sprechenden klang dennoch entschlossen – doppelt entschlossen durch den Gegensatz zu dem zögernden Ausdruck, in welchem Sara gesprochen. Das starke Gemüt der Herrin und die Schwäche der Dienerin beurkundeten sich schon bei diesem kurzen Austausch von durch die Vorhänge eines Sterbebettes hindurchgesprochenen Worten.
Sara zündete mit zitternder Hand zwei Kerzen an, stellte sie zögernd auf einen Tisch am Bett, wartete einen Augenblick, während sie sich mit einer gewissen argwöhnischen Schüchternheit ringsum schaute, und zog dann die Vorhänge auf die Seite.
Die Krankheit, durch welche Mistreß Treverton dem Tode entgegengeführt ward, war eines der furchtbarsten aller Übel, welche den Menschen heimsuchen – ein Übel, welchem besonders Frauen unterworfen sind und welches das Leben unterminiert – in den meisten Fällen ohne bemerkenswerte Spuren seines nagenden Fortschritts in dem Gesicht zu zeigen. Kein Uneingeweihter, welcher Mistreß Treverton, als ihre Dienerin den Bettvorhang auf die Seite zog, gesehen hätte, würde geglaubt haben, daß bei ihr alle Hilfe, die durch menschliche Geschicklichkeit gebracht werden könne, vergeblich sei.
Die geringfügigen Spuren von Krankheit in ihrem Gesicht, die unvermeidlichen Veränderungen in Bezug auf die Anmut und Rundung der Umrisse wurden durch die wunderbare Erhaltung ihrer Gesichtsfarbe, welche noch den ganzen zarten Glanz der ersten jungfräulichen Schönheit besaß, fast unbemerkbar gemacht. Ihr Gesicht war, während es so auf dem Pfühle dalag – zart umrahmt von den kostbaren Spitzen ihrer Haube und gekrönt von dem glänzenden braunen Haar – allem äußern Anscheine nach das Gesicht einer schönen Frau, die von einer leichten Krankheit genas oder nach einer ungewohnten Anstrengung ausruhte.
Selbst Sara Leeson, die sie doch während ihrer ganzen Krankheit beobachtet hatte, konnte, während sie jetzt ihre Herrin ansah, kaum glauben, daß die Pforten des Lebens sich hinter ihr geschlossen und daß die Hand des Todes ihr schon von den Pforten des Grabes her zuwinkte.
Einige Bücher mit eingezeichneten Stellen, in Papierumschlägen, lagen auf der Bettdecke. Sobald der Vorhang auf die Seite gezogen war, forderte Mistreß Treverton ihre Dienerin durch eine Gebärde auf, die Bücher wegzunehmen. Es waren Theaterstücke, an gewissen Stellen mit Tinte unterstrichen und an den Rändern mit Anmerkungen versehen, welche Auftreten, Abtreten und Stellungen auf der Bühne andeuteten.
Die Diener, welche unten von der Beschäftigung ihrer Herrin vor ihrer Vermählung gesprochen, waren nicht durch falsche Gerüchte irregeleitet worden. Ihre Herr hatte, nachdem er selbst über die Blüte des Lebens hinaus war, wirklich seine Frau von der obskuren Bühne eines Provinzialtheaters hinweggenommen, während seit ihrem ersten öffentlichen Auftreten kaum zwei Jahre verflossen waren.
Die alten Theaterstücke mit den eingezeichneten Stellen waren einmal ihre wertgehaltene dramatische Bibliothek gewesen; sie hatte um alter Erinnerung willen stets eine große Liebe zu ihnen bewahrt und sie während der letzten Zeit ihrer Krankheit Tage lang hintereinander auf ihrem Bett liegen gehabt.
Nachdem Sara die Bücher weggenommen, kehrte sie zu ihrer Herrin zurück und öffnete, mehr mit dem Ausdruck der Furcht und Verlegenheit als des Kummers, ihre Lippen, um zu sprechen.
Mistreß Treverton hielt aber die Hand empor und deutete dadurch an, daß sie noch einen anderweiten Befehl zu erteilen hatte.
»Verriegele die Tür,« sagte sie mit derselben matten Stimme, aber in demselben entschlossenen Tone, der ihr erstes Begehren, mehr Licht im Zimmer zu haben, so auffällig gemacht hatte. »Verriegele die Tür. Laß niemanden herein, bis ich es erlaube.«
»Niemand?« wiederholte Sara schüchtern, »auch nicht den Doktor? Auch nicht den Herrn?«
»Auch nicht den Doktor – auch nicht den Herrn!« sagte Mistreß Treverton und zeigte auf die Tür. Die Hand war schwach, aber selbst in dieser augenblicklichen Bewegung derselben war die befehlende Gebärde nicht zu verkennen.
Sara verriegelte die Tür, kehrte unentschlossen an das Bett zurück, heftete ihre großen, forschenden, unruhigen Augen fragend auf das Gesicht ihrer Herrin, neigte sich plötzlich über sie und sagte flüsternd:
»Haben Sie es dem Herrn gesagt?«
»Nein,« war die Antwort. »Ich ließ ihn rufen, um es ihm zu sagen – ich bemühte mich, die Worte auszusprechen – schon der Gedanke aber, wie ich es ihm am besten beibringen könnte, erschütterte mich bis in die innerste Seele, Sara – ach, ich habe ihn so lieb! Trotzdem aber würde ich es ihm gesagt haben, wenn er nicht von dem Kinde gesprochen hätte. Sara, er sprach von weiter nichts als dem Kind und das verschloß mir den Mund.«
Sara warf sich, ihre dienstliche Stellung auf eine Weise vergessend, die selbst der nachsichtigsten Herrin außerordentlich erscheinen würde, bei dem ersten Wort, welches Mistreß Treverton entgegnete, auf einen Stuhl, bedeckte sich das Gesicht mit den zitternden Händen und stöhnte bei sich selbst:
»O, was wird geschehen! Was wird nun geschehen!«
Mistreß Trevertons Augen waren feucht geworden und hatten einen mildern Ausdruck angenommen, als sie von ihrer Liebe zu ihrem Gatten sprach. Schweigend lag sie einige Minuten da. Das Arbeiten einer starken Gemütsbewegung verriet sich durch das rasche, angestrengte, mühsame Atmen und durch das schmerzliche Zusammenziehen der Augenbrauen.
Es dauerte jedoch nicht lange, so wendete sie ihr Gesicht unruhig nach dem Stuhl, auf welchem ihre Dienerin saß, und sprach wieder, diesmal aber in einem Tone, der nur ein Flüstern zu nennen war.
»Gib mir meine Medizin,« sagte sie. »Ich brauche sie.«
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На этой странице вы можете прочитать онлайн книгу «Ein tiefes Geheimniss», автора Уильяма Уилки Коллинза. Данная книга относится к жанру «Зарубежная классика».. Книга «Ein tiefes Geheimniss» была издана в 2019 году. Приятного чтения!
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