Es ist eine sonderbare Geschichte, die dem geneigten Leser erzählt werden soll; sie ist von einem Manne geschrieben, der außer dieser Geschichte nie etwas geschrieben hat.
Es ist ein Abschnitt seines Lebens, oder vielmehr sein ganzes Leben.
Das leben des Menschen ist nicht nach der Anzahl der von ihm durch lebten Jahre zu messen, sondern nach den Minuten, in denen sein Herz geschlagen hat.
Mancher Greis, der im Alter von achtzig Jahren stirbt, hat in der Wirklichkeit nur ein Jahr, einen Monat, einen Tag gelebt.
Leben ist glücklich sein oder leiden.
Man lasse vor einem sterbenden alle durchlebten Tage vorüberziehen, er wird nur die anerkennen, die ihm mit lächelnden Munde oder thränenfeuchten Augen erscheinen.
Die übri-....
Solche Tage hat er verlebt, aber nicht gelebt.
Am längsten gelebt hat der Mensch, der am meisten erfahren und empfunden hat.
Ich hatte einen Freund.
Es ist bekannt wie weit man den Namen Freund auszudehnen pflegt.
In unserer conventionellen Sprache bedeutet ein Freund nicht immer einen Genossen, einen Cameraden, ein Freund heißt oft nichts als ein Bekannter.
Für uns soll dieses Wort weder einen Genossen noch einen Cameraden, sondern einen angenehmen lieben Bekannten bedeuten.
Wir werden ihn nur mit dem Namen Max bezeichnen, die weibliche Hauptperson aber Edmée nennen.
Ich hatte Max auf einer Jagdpartie im Park von Campiegne zu der Zeit, wo der Herzog von Orleans das Lager befehligte, kennen gelernt.
Es war im Jahre 1836, ich schrieb damals den Caligula zu Corneille.
Max war ein Schulcamerad des Herzogs von Orleans, und etwa zehn Jahre jünger als ich.
Er war ein feingebildeter junger Mann nein fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, von vornehmen Manieren und Gentleman vom Kopf bis zur Zehe.
Ich entlehne den Engländern diesen uns mangelnden Ausdruck, um genau zu bezeichnen was ich sagen will.
Ohne reich zu seyn, hatte er einiges Vermögen ohne schön zu seyn, war er einnehmend; ohne gelehrt zu seyn, hatte er viel gelernt; ohne Maler zu seyn, war er Künstler und zeichnete unglaublich schnell und treffend die Züge eines Gesichtes oder die Umrisse einer Landschaft.
Er war ein großer Freund von Reisen. Er kannte England, Deutschland, Italien, Griechenland, Constantinopel.
Während der fünf oder sechs Jagden, die wir mit dem Herzoge von Orleans machten, gewannen wir einander lieb, wir wählten unsere Plätze neben einander.
So war’s auch bei Tische, wo wir uns nach Belieben setzen konnten; ein Blick genügte, um uns gegenseitig zu nähern, und während der ganzen Mahlzeit berührten sich unsere Stuhle und wir plauderten nach Herzenslust.
Er gehörte zu den wenigen Menschen, die geistreich sind ohne es zu ahnen.
Seine Nachbarschaft war mir daher höchst angenehm: auf der Jagd, weil er vorsichtig, bei Tische, weil er unterhaltend war.
Ich glaube, daß er mir ebenfalls sehr zugethan war.
Wir hatten Übrigens Vieles mit einander gemein; wir spielten nicht, rauchten nicht und tranken nur Wasser.
Er sagte mir sehr oft:
»Wenn Sie einmal eine Reise machen, so zeigen Sie mir’s an, wir reisen zusammen.«
Im Jahre 1838 reiste ich nach Italien und ich hörte nichts von Max. Im Jahre 1842 erfuhr ich in Florenz den Tod des Herzogs von Orleans: ich reiste mit Extrapost nach Paris zurück und kam eben noch zur rechten Zeit an, um dem Trauergottesdienst in der Notredamekirche beizuwohnen und mich dem Leichenzuge nach Dreux anzuschließen.
Die erste Person, die ich in der Kirche bemerkte, war Max.
Er gab mir durch einen Wink zu verstehen, daß neben ihm auf den stufenweise erhöhten Bänken ein Platz leer sey.
Ich stieg zu ihm hinauf; wir begrüßten uns mit Thränen und setzten uns schweigend Hand in Hand neben einander.
Wir hatten offenbar ganz gleiche Gedanken: wir dachten in der schwarz ausgeschlagenen Kirche an die Zeit zurück, wo wir neben einander an der Tafel des unglücklichen Prinzen gesessen.
Wir wechselten nur wenige Worte während der Trauerfeierlichkeit.
»Sie gehen doch mit nach Dreux?«
»Ja.«
»Wir können ja mit einander gehen.«
»Sehr gern.«
Wir begaben uns nach Dreux und blieben bis zur Beisetzung der Leiche bei dem Sarge.
Die Freundschaft und innige Zuneigung, die wir Beide fast in gleichem Maße einem Dritten widmeten – ich will nicht sagen einem Prinzen, denn für uns, die wir mit dem Ehrgeiz nichts zu thun hatten, war der Herzog von Orleans kein Prinz – diese Freundschaft für einen Dritten knüpfte die unsrige fester; es war als ob wir uns den Antheil, der dem erlauchten Todten nicht mehr gewidmet werden konnte, gegenseitig zuwendeten.
Wir begaben uns zusammen nach Paris zurück, und als wir schieden, sagte er zum zweiten oder dritten Male:
»Wenn Sie eine Reise machen, so schreiben Sie mir.«
»Aber wo sind Sie zu finden?« fragte ich.
Er gab mir die Adresse seiner Mutter.
»Dort,« antwortete er, »weiß man wo ich bin.«
Im Jahre 1846, nemlich zehn Jahre nach der Zeit, wo ich Max zum ersten Male gesehen hatte, entschloß ich mich, eine Reise nach Spanien und Afrika zu machen.
Ich schrieb an Max: »Wollen Sie die Reise mitmachen?«
Den Brief schickte ich an die angegebene Adresse.
Zwei Tage nachher erhielt ich folgende Antwort:
Unmöglich, lieber Freund. Meine Mutter liegt im Sterben. Beten Sie für mich.
Max.«
Ich reiste ab. Die Reise dauerte sechs Monate. Nach meiner Rückkehr übergab man mir alle in meiner Abwesenheit eingelaufenen Briefe.
Alle Briefe, deren Schriftzüge mir unbekannt waren, warf ich ungelesen in’s Feuer.
Unter den bekannten Schriftzügen war ein Brief von Max.
Ich erbrach den Brief hastig; er enthielt nur folgende Worte:
Meine Mutter ist todt. Beklagen Sie mich.
Max«
Das Schloß, welches die Mutter meines Freundes bewohnt hatte, lag in der Picrardie, unweit La Fére.
Ich reiste noch denselben Tag ab, um Max zu trösten, wenigstens zu begrüßen.
In La Fére nahm ich einen Wagen und fuhr nach dem Schlosse Friéres.
Das Schloß wurde mir von weitem von meinem Kutscher gezeigt. Es stand am Abhange eines schön bewaldeten Hügels, welchem große freie Rasenplätze ein parkartiges Aussehen gaben.
Alle Fenster waren geschlossen. Ich vermuthete, daß Max abwesend sey, aber ich setzte doch meinen Weg fort, ich wollte wenigstens Gewißheit haben.
Vor dem Gitterthor ließ ich anhalten. Ein alter Diener erschien, um mich einzulassen.
Ich sage Diener und nicht Bedienter; die alten Diener werden in Frankreich immer seltener, in zwanzig Jahren wird es nur noch Bediente, aber keine Diener mehr geben.
Der erscheinende Diener gehörte zu dem Stamme, welcher sagt: »Unsere gute Dame« und »Unser junger Herr.«
Ich fragte nach Max.
Der Diener schüttelte den Kopf.
»Drei Monate nach dem Tode unserer guten Dame,« sagte er, »ist unser junger Herr auf Reisen gegangen.«
»Wo ist er?«
»Das weiß ich nicht.«
»Wann wird er wieder kommen?«
»Das kann ich auch nicht sagen.«
Ich nahm mein Federmesser aus der Tasche, schnitt ein Kreuz in die Mauer und schrieb darunter: Amen!
»Wenn euer Herr zurückkommt,« sagte ich zu dem alten Diener, »so saget ihm, ein Freund von ihm sey hier gewesen, und zeiget ihm das.«
»Wollen Sie mir Ihren Namen nicht sagen?«
»Das ist nicht nöthig, er wird mich leicht erkennen.«
Ich reiste ab.
Ich sah Max nicht wieder. Ich erkundigte mich oft nach ihm bei gemeinsamen Freunden, aber Niemand wußte was aus ihm geworden war. Der am besten unterrichtete meinte, er sey in Amerika.
Vor vierzehn Tagen erhielt ich aus Martinique ein großes Parket.
Ich erbrach es mit begreiflicher Neugierde. Es war ein Manuskript.
Im ersten Augenblicke erschrak ich, denn ich glaubte nicht zu Manuscripten, die über den atlantischen Ocean kamen, verurtheilt zu seyn.
Ich war im Begriffe es wegzuwerfen, als meine Aufmerksamkeit durch den Titel gefesselt wurde.
Es war ein Kreuz und darunter stand das Wort Amen!
Ich erkannte nun auch die Schriftzüge.
»O, es ist von Max!« sagte ich.
Und ich las, was ich dem Leser mittheilen will.
Sobald als es mir gestattet ist. ein Lebenszeichen zu geben« fühle ich das Bedürfniß mich Ihnen anzuvertrauen, lieber Freund, und Ihnen die Ereignisse zu erzählen, die mich hieher geführt haben.
Der Tod der Person, die am meisten Ursache hatte, mein Stillschweigen zu wünschen, erlaubt mir Ihnen Dinge zu erzählen, die bei Lebzeiten dieser Person in das undurchdringlichste Geheimniß gehüllt bleiben mußten.
Die letzten Nachrichten, welche Sie unmittelbar von mir erhielten, war der Brief, worin ich Ihnen schrieb:
»Meine Mutter ist todt, beklagen Sie mich!«
Da meine Mittheilungen wahrscheinlich nur von Ihnen gelesen werden, so erlauben Sie mir, daß ich von meiner Wenigkeit ganz offen rede.
Ob es Vertrauen zu Ihnen, ob es Eigendünkel von mir ist, das weiß ich nicht, aber es scheint mir, daß ich für Sie in Bezug auf die Anatomie des Herzens etwa dasselbe thun werde, was ein Mann der Wissenschaft für einen Arzt thun würde, wenn er zu ihm sagt:
»Ich habe an einer schmerzhaften innerlichen Krankheit gelitten; jetzt bin ich genesen; secriren Sie mich lebendig, damit Sie die Spuren der Krankheit sehen.«
Vide manus, vide pedes, vide latus!
Aber um mich wohl zu verstehen, lieber Freund, müssen Sie mich genau kennen lernen.
Meine einzige Wissenschaft ist, wie ich glaube, die Selbstkenntniß, und hierin habe ich die Vorschrift des Weisen befolgt.
Als ich Sie zum ersten Male in Compiégne sah, war ich fünfundzwanzig Jahre alt; ich bin im Jahre 1811 geboren. Als ich Sie zum letzten Male in Dreux sah, war ich einunddreißig; als ich meine Mutter verlor, fünfunddreißig.
Meine Mutter war mir Alles. Mein Vater hatte als Oberst eines Uhlanenregimentes den russischen Feldzug mitgemacht. Meine Mutter, die mich jeden Morgen in meiner Wiege küßte, benetzte eines Morgens meine Wangen mit Thränen.
Mein Vater war bei Smolensk gefallen. Sie war Witwe, ich war eine Waise. Ich war der einzige Sohn« sie lebte nur für mich.
Meine Mutter war eine hochgebildete, zumal feinstfülende Frau; sie beschloß daher, meine erste Erziehung, die wichtigste, welche die Blüthen treibt, aus denen einst die Früchte reifen sollen, keiner fremden Person anzuvertrauen.
Sie konnte mich ohne fremde Beihilfe lesen, schreiben und rechnen lehren; sie konnte mich in den Anfangsgründen der Geschichte, Geographie und Musik, sowie im Zeichnen unterrichten.
In dieser letzteren Kunst war sie die Schülerin ihres Oheims Prudhon, dessen Werth man nach seinem Tode anerkannt hat, nachdem er bei seinen Lebzeiten mit Mangel und Elend gekämpft.
Die erste Erinnerung, die ich von meiner Mutter habe, zeigt sie mir als eine sehr schöne schwarzgekleidete Frau.
Sie war dreißig Jahre alt, als mein Vater starb; sie war seit zehn Jahren vermält, eine ältere Schwester war gestorben.
Ich erinnere mich nicht, sie ein einziges Mal lachen gesehen oder gehört zu haben; aber sie lächelte, wenn sie mich küßte oder mir einen Verweis gab. Es blieb mir überlassen, dieses doppelte Lächeln zu unterscheiden.
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На этой странице вы можете прочитать онлайн книгу «So sey es », автора Александра Дюма. Данная книга.. Книга «So sey es » была издана в 2019 году. Приятного чтения!
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