Bester aller Leser, ich führe dich in ein Haus in Berlin, in der jetzigen Königgrätzer Straße, die zu jener Zeit noch Hirschelstraße hieß; über den Hof, in den dritten Stock; in ein Zimmer, das dir ohne meine Hilfe selber sagt, wes Geistes Kind darin wohnt. Wenn vier Wände voll Kupferstiche und Photographien nach den berühmtesten Gemälden der Welt, wenn einige Dutzend Gipsabgüsse nach der Antike, wenn Reliefs, Statuetten, Bildermappen, Schnitzwerke, künstlerische Geräte jeder Art, jedem Quadratzoll freien Raumes aufgenötigt, wenn die Unmöglichkeit, sich zwischen diesen tausend schönheitsfrohen Hindernissen gefahrlos hindurchzuwinden – wenn dies alles das Dasein eines Kunstfreundes verkündigen kann, so bist du dessen hier nach dem ersten Blick gewiß. Als ein Mensch von Geist – für den ich dich halte – siehst du nach dem zweiten Blick, daß dieser Kunstfreund eine auffallende Vorliebe für Rafaels frühere Madonnen und zugleich für Rembrandtsche Radierungen hat; und du erlaubst dir daraus zu schließen, daß vermutlich zwei Seelen in seiner Brust wohnen, von denen die eine nach der zarten Grazie des Südens, die andere nach dem derben Humor des Nordens zeigt. Trittst du alsdann auf den Balkon, der sehr liebe- und sinnvoll in einen kleinen Garten verwandelt ist, doch aus dessen Nachbarschaft alle Spätzchen und Tauben, sobald nur der Thürgriff sich regt, in wahrer Todesangst aufflattern, so sagst du dir nach diesem dritten Blick, daß die hier wohnende Doppelseele die Blumen zu lieben und die Vögel zu hassen scheint. Das Bild eines sonderbaren Menschen fängt sich dir zu gestalten an; und nach dem vierten Blick – auf den Gaskronleuchter, an dem schon jetzt, im hellen Zwielicht, alle Flammen brennen, und auf die Kerzen in allen Ecken umher – fügst du die Bemerkung hinzu, daß du offenbar zu einem leidenschaftlichen Lichtfreund gekommen bist. Wie liebebedürftig dieser Lichtfreund ist, erkennt dein fünfter Blick auf ein langes Gesims, auf dem – die künstlerische Anordnung dieser Wand mit unästhetischer Sentimentalität unterbrechend – eine lange Reihe kleiner Photographien in stillosen Rähmchen Front macht: würdige, aber unbedeutende Kreise und Greisinnen in Kleidern von verschollenem Schnitt; eben ins Weinen übergehende Mundwinkel von mißvergnügten Kindern, mit unendlich glücklichen und unschönen Müttern; ein paar reizende, behagliche Frauenköpfe in Häubchen (vermutlich, denkst du, hat er sie geliebt, und sie haben andere geheiratet) und endlich einige Gruppen junger Männer mit kühn geschlungenen Krawatten und, sozusagen, begeistertem Haarwuchs, und nicht ohne widmende Unterschriften: »Ihrem teuren Meister«, »Ihrem Fridolin«. Wer ist dieser Fridolin? Dein sechster Blick auf einen großen Kalender an der Thür scheint es dir zu verraten. In abwechselnden Farben, blau, rot und gelb, siehst du hier die Wochentage angezeichnet oder unterstrichen; die Sonntage sind frei. Zuweilen steht neben dem heiligen Blasius, oder der ehrenwerten Veronika, oder der frommen Agatha, mit kleinster Gelehrtenschrift geschrieben: Vier bis Fünf, oder: halb Sechs. Du hast keinen Zweifel mehr. Du stellst bei dir fest, daß dieser derb-zarte Kunstmensch, der die Ordnung, die Spielereien, die Menschen, das Licht und die Blumen liebt und die Vögel haßt, ein angestellter Lehrer der Kunst ist, den zärtliche, tändelnde Jünglinge Fridolin nennen, der seinen Liebhabereien und Idealen lebt, und dem sich zu nähern – wenn man kein Sperling ist – wohl seinen Reiz haben möchte.
Und so hast du dir einzig durch die Kraft deines Scharfsinns ein nicht mehr undeutliches Bild dieses Menschen gemacht, und mir die Anstrengung erspart, durch die der Erzähler dem Leser oft so furchtbar wird: dich durch eine langwierige und umständliche Aufklärung zu verwirren.
Indessen irrst du, mein Lieber, wenn du, durch diese Erfolge kühn gemacht, dir nun auch seine körperliche Erscheinung vorzustellen suchst, und aus der Summe seiner zarten Eigenschaften auf einen zierlichen, blaffen Menschen mit schmalen, bartlosen, gleichsam geräuschlos lächelnden Lippen und bescheiden zurückgezogenen Formen schließest. Du irrst, weil du noch nicht ahnst, was die Natur mit ihm vorhatte. Im Gegenteil! Die Uhr schlagt eben fünf, und er tritt ein: strahlend, ein Mann wie der Graf Egmont, mit dem schönsten Blondbart und einer großen, stilvollen Locke über der Stirn, einer machtvollen Nase, die der Geist der Schönheit noch im rechten Augenblick gehemmt und geformt hat, mit breiten Schultern und hochgewölbter Brust. Er sieht um sich her, seine große Nase scheint etwas Feindliches zu wittern, sie rümpft sich schmerzlich, und über ihr, in einer finsteren, gebieterischen Falte, erscheint ein drohender Zug, der sich über dem schön gekräuselten Knebelbart wiederholt. Er schüttelt sein schön wallendes Haar. Er stampft mit dem rechten Fuß. Er tritt zornig zur Klingel. Er klingelt so ungestüm, daß die Widerstandskraft der Klingelschnur dem Tapezier Ehre macht. Er zieht noch einmal. Er steht da und wartet. Was für ein Opfer seiner Erbitterung erwartet er? Es scheint gefährlich zu sein, diesem aufgebrachten Grafen Egmont gegenüber zu treten, – wenn man nicht mindestens der Herzog Alba ist. Wie kommt diese Licht- und Blumen-, diese Madonnenseele zu dieser Gestalt? Hat der weiseste aller Leser sich doch über ihr Inneres getäuscht? – Man muß warten, bis jemand eintritt. Frau Therese Ritter tritt ein.
Eine stattliche Dame mit einer stattlichen schneeweißen Haube, mit schon etwas graulichen Locken, doch einem merkwürdig blühenden, angenehmen, phlegmatischen Gesicht.
»Herr Professor haben geklingelt,« sagt sie mit einer ebenso angenehm phlegmatischen Stimme und blickt ihn sanft, doch ohne alle Unruhe an.
»Sie haben's also gemerkt!« erwidert er. »Ja, meine Liebe, ja, ich habe geklingelt! Ich habe geklingelt, weil Sie in Ihrem ganzen Leben nie thun, was ich will! Es sollte hier geräuchert werden. Warum ist nicht geräuchert? Sie wissen, daß ich diesen verfluchten Kohlengeruch verabscheue, daß er mich umbringt! Warum vernachlässigen Sie mich? Warum thun Sie nie, was ich will?«
»Ich vernachlässige Ihnen nicht,« erwidert die sanfte Dame (deren Verhältnis zu den Regeln der Grammatik kein ganz lauteres ist), »und ich thue immer, was Sie wollen; und ich werde Sie räuchern.«
»Ich werde Ihnen räuchern, wollten Sie sagen!« berichtigt er sie. »Ihnen! Dativ. Wem zum Nutzen, oder wem zum Schaden – der Dativ!«
»Also ich werde Ihnen räuchern, Herr Professor,« antwortet sie unerschüttert.
»Jetzt werden Sie räuchern, jetzt, wenn es zu spät ist! Wissen Sie nicht, daß ich dieses Lokal jetzt verlassen muß? Als Sie eben sagten: ›ich werde Ihnen räuchern‹, wußten Sie da, daß ich dieses Lokal jetzt verlassen muß, oder wußten Sie es nicht?«
»Ich weiß alles, Herr Professor,« erwiderte sie mit der angenehmsten Ruhe; »und ich werde räuchern, weil Sie doch wiederkommen.«
»Wie unendlich weise Sie sind, Frau Professorin! Frau Geheime Allwisserin! Woraus schließt Ihre Allweisheit, daß ich nach der Vorlesung nicht in irgend eine Gesellschaft, unter Menschen gehe, sondern zu Ihnen, in Ihre Kohlen-Stankosphäre zurückkomme?«
»Weil Sie in Ihre Krawatte nicht den großen, künstlichen Gesellschaftsknoten geschlungen haben, sondern den kleinen, fürs Haus; und weil Sie die graue Sammtweste angezogen haben – und in der kommen Sie immer wieder nach Hause.«
»Eine merkwürdige Weste! Eine Weste, in der man immer wieder nach Hause kommt! Dagegen die zwanzig anderen Westen – die sind anders. In diesen zwanzig andern bin ich nie wieder nach Hause gekommen!«
Die sanfte Frau Ritter errötete ein wenig; doch dann lächelte sie. »Ich hab's wohl dumm gesagt, aber Sie wissen doch, was ich meine, und ich hab' doch recht.«
»Diesen Tag müssen wir also rot anstreichen: ein Tag, an dem Sie recht hatten! Er ist denkwürdig in Ihrem Leben. Der zwanzigste März; vergessen Sie ihn nicht! Sie werden also räuchern, geistreichste aller Frauen, und ich werde zehn. Aber Sie erlauben mir wohl, daß ich diesen Gestank, mit dem Sie mein Zimmer beglückt haben, nicht als Andenken mitnehme. Ich hab meinen Zuhörern versprochen, sie mit den schönen Künsten, aber nicht, sie mit den gemeinen Dünsten bekannt zu machen!«
Der Professor, Graf Egmont, hatte vom nächsten Tisch ein Fläschchen mit Kölnischem Wasser genommen – auf jedem Tisch stand ein solches Fläschchen – und bespritzte damit seine graue Sammetweste, sein Hemd und die große Jupiterlocke über seiner Stirn.
»Der Herr Professor haben also nichts mehr zu befehlen?« fragte Frau Ritter, ohne eine Miene zu verziehen; als hätte sie nur erlebt, was sie alle Tage erlebte. Auf diese Frage trat er dicht vor sie hin, die Hände auf dem Rücken, streckte sein Gesicht so nahe gegen das ihre vor, daß er sie fast hätte küssen können, und sagte, jede Silbe einzeln betonend: »Nein! Sie können zehn!«
Sie ging. Auf ihren weichen Schuhen ging sie stumm und geräuschlos hinaus. Die Thür schloß sich leise. Das Unwetter war aus.
Der Professor blieb stehen und sah ihr nach. Zwischen seine Augenbrauen legten sich neue Falten; es schien ihm nicht ganz zu gefallen, daß das Unwetter schon aus war. Er trat an eine der Etageren, die das Zimmer verbauen halfen, nahm seinen Hut und hätte ihn beinahe aufgesetzt; doch zwei Schritte weiter setzte er ihn wieder aufs Klavier. Er sah nach der Klingelschnur, wie wenn er den unentschieden gebliebenen Kampf mit Frau Ritter erneuern wollte. Sein zweiter Blick fiel jedoch auf die Uhr; er nahm den Hut wieder auf. Dann trat er an die Thür, um sein Auge auf einen Zettel zu werfen, den er unter den großen Kalender genagelt hatte, mit folgender Inschrift:
»Fridoline! Ne quam immemor sis te philosophum esse.«
Zu deutsch:
»Fridolin! Vergiß nie, daß du ein Philosoph bist.«
»Te philosophum esse!« wiederholte er vor sich hin. Die Thür ging zurück; er glaubte Frau Ritters Gang wieder zu hören und zwang seinem Gesicht den Ausdruck philosophischer Ruhe auf. Indessen sein Ohr hatte sich getäuscht. Es erschienen zwar wieder ein paar geräuschlose Schuhe, aber es bewegte sich auf ihnen eine männliche Gestalt. Ein langer, graublasser Mensch in einem dunkelgrauen Schlafrock, mit graublondem Haar; die Schultern ebenso schmal und abfallend, wie die des Professors ins Wagerechte strebten; das lange Haar hinter die Ohren gestrichen, die mattgrauen, träumerischen Augen aus knochigen Höhlungen hervordämmernd. Dieser lange Mensch sagte kein Wort, sondern nickte dem andern nur zu; kam dann mit ein paar schwerfällig schleifenden Schritten heran und reichte ihm seine große Hand.
Der Professor nahm sie, ebenso stumm, und bückte sich dann, um ein ledernes Täschchen aufzuheben, das der Schlafrock bei diesen schaufelnden Bewegungen von der nächsten Etagere gerissen hatte.
»Habe ich wieder etwas —?« fragte der Lange und machte ein ängstliches Gesicht.
»Ja. Dieses Täschchen. Zum sechstenmal, teurer Bruder.«
»Wehe! – Zerbrochen?«
»Nein. Ledertaschen zerbrechen nicht.«
»Dieses unglückselige Zimmer! – Mußte das Täschchen da liegen?«
»Ja, es mußte.«
Der Lange betrachtete das Täschchen. Er lächelte. »Ich muß unmaßgeblich bemerken,« sagte er, »daß ich nicht begreife, wozu du das Täschchen brauchst.«
»Es gibt eine höhere Art, Dinge zu gebrauchen, mein lieber Philipp, als daß man sie auf die gemeine, tagtägliche Weise abnützt.«
»Ich kann nämlich nicht finden,« fuhr der Lange fort, »daß dieses Täschchen ein Herrentäschchen ist.«
»Nein, sondern ein Damentäschchen.«
»Und wozu brauchst du es also?«
»Ich hab' es um mich. Ich hab' es vor Augen. Dieweil es ein Andenken ist.«
»Ein Andenken!« wiederholte der Lange mit weicher werdender Stimme. Dann verstummte er. Seine Augen sahen träumend, gleichsam durch das Täschchen hindurch, in die Luft, ins Ferne. Sie zogen sich zusammen, wie um ein zu ihnen aussteigendes Gefühl zu unterdrücken. Zuletzt nahm er das Täschchen in die Hand und nickte ihm mit wehmütig langsamen Bewegungen zu, als wär' es ein Andenken, das ihn betreffe. Er wiegte es mit seinem langen Arm hin und her. Der Professor störte ihn nicht.
»Fridolin!« sagte er endlich, als dieser, den Hut auf dem Kopf, schon in die Thür getreten war, um zu gehn.
»Adieu, mein Sohn. Ich muß fort.« »Ja so, du mußt fort. Ich wollte dir noch etwas sagen.«
»Wenn ich wiederkomme!«
»Wenn du wiederkommst, dann sind auch deine jungen Leute, deine Leibschwaben, deine Kunstjünger da; dann kann ich nicht, wie Bruder zum Bruder, mit dir reden. Eine Minute, Fridolin! Hast du noch eine Minute?«
»Zwei hab' ich noch übrig,« erwiderte Fridolin und sah nach der Uhr.
»Ich hab' mir's wieder überlegt, Kunstbruder;« der Lange, indem er das sagte, suchte scherzhaft zu lächeln. »Ich bin nun ganz mit mir einig. Auf den Rest meines Urlaubs werde ich verzichten. Morgen früh werd' ich abreisen. Ich bin dir zur Last.«
»Was bist du?« – Fridolin trat unwillkürlich wieder ins Zimmer hinein, wie um besser zu hören. »Ein Hansnarr bist du!« setzte er dann gefaßter hinzu.
»Da ist zunächst Judica,« fuhr Bruder Philipp mit seiner etwas tonlosen Kanzelstimme ruhig fort, während er das Täschchen wieder auf und nieder wiegte. »Das Kind ist unterhaltend, sagst du; es erheitert dich, sagst du. Ich danke dir. Ja, es ist vielleicht ein unterhaltendes Kind. Aber es ist ein unerzogenes Kind – ein Kind, dem die Mutter fehlt«
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На этой странице вы можете прочитать онлайн книгу «Fridolins heimliche Ehe», автора Adolf von Wilbrandt. Данная книга.. Книга «Fridolins heimliche Ehe» была издана в 2019 году. Приятного чтения!
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